Tod von

Sein Anfang
war das Ende

Tod - Sein Anfang
war das Ende © Bild: News Matt Observe

Erst war Martin Prein Bestatter. Dann promovierte er zum Psychologen, nun hält er Letzte-Hilfe-Kurse ab: Wie umgehen mit diesem Tabu namens Tod?

Martin Prein, Doktor Martin Prein, ist den weltlichen Freuden durchaus zugetan: Bier mag er für sein Leben gerne, besonders das malzig anmutende aus seiner Mühlviertler Heimat. Und auch nahrhaftes Essen ist ihm ziemlich wichtig. Wenn zu Mittag nichts Gescheites auf den Tisch komme, sei er am Nachmittag zu gar nichts mehr zu gebrauchen, sagt er, dann fühle er sich leer und todmüde.

Anderen macht der Tod Angst, doch Doktor Martin Prein, 44, macht er, bei leerem Magen, schläfrig. Ursprünglich war er Rauchfangkehrer, woher wohl eine gewisse Affinität zu dunklen Übergängen Richtung Himmel rührt. Dann zwischendurch Busfahrer, ein Chauffeur auf täglichen Wegen. Danach war er mehr als ein Jahrzehnt lang Bestatter, ein Lenker der letzten Fahrten. Und wenn er gerade keine Toten abholte oder einsargte, überlegte er, wie man den völlig überforderten Überlebenden in ihrer Trauer helfen könne, studierte neben dem Job Psychologie, promovierte -und bietet nun österreichweit Letzte-Hilfe-Kurse an.

Spannung, dann Aufatmen

"Und diesen Kurs braucht ihr garantiert irgendwann im Leben, den braucht jeder von euch", sagt er fast schon beschwörend, wippt aufrecht stehend auf seinen Fußballen und lässt den Blick wie in Zeitlupe von Teilnehmer zu Teilnehmer wandern. Schweigen, Spannung. "Den brauchst auch du - außer du gehst später zur Türe raus und fällst tot um." Aufatmen, Gelächter.

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Erste Hilfe, das sind die wichtigsten Verhaltensmaßregeln im Kampf gegen den Tod. Was tun, dass das Herz wieder schlägt, das Blut wieder zirkuliert, ein Verletzter oder Kranker wieder aufsteht? Aber Letzte Hilfe? Da schlägt längst kein Herz mehr, das Blut ist längst gestockt und Wiederauferstehung ein rein religiöses Hilfskonstrukt. Letzte Hilfe, sagt Prein, bestehe im Grunde darin, solidarisch füreinander da zu sein, wenn das Unbegreifliche eintritt.

"Wenn mein toter Opa vor mir liegt, ist er irgendwie immer noch mein Opa, aber irgendwie auch wieder nicht", sagt Prein. "Wir sehen eine Leiche und wissen, wir werden auch einmal tot sein, aber wir wissen nicht, wie das ist." Und diese Widersprüchlichkeit der Todeserfahrung könne man nicht mit innerer Disziplin niederringen, nein, man komme nicht umhin, sich im Rahmen der Trauer oder des Mitgefühls mit ihr zu arrangieren.

"Wo ist mein Mann jetzt?", habe ihn eine Witwe nach dem allerersten Schock einmal gefragt, und es sei eine Frage, die man ihm in leichten Variationen immer und immer wieder stelle. "Ich weiß es nicht", sei da die einzig mögliche Antwort. "Ich weiß es nicht, aber ich bin da und höre Ihnen zu."

Wurstsemmel am Seziertisch

Prein hat so gar nichts von diesen prototypischen "Tatort"-Pathologen, die mit der Wurstsemmel am Seziertisch stehen, um so ihre Beschäftigung mit dem Tod zynisch zu überhöhen. Mitunter lacht zwar auch er über den Tod, aber nicht verächtlich, sondern hilflos, weil er ihn, wie wir alle, für die größtmögliche Zumutung hält. Doch genauso oft, wenn nicht öfter, weint er über ihn, weil er für die Professionisten in Schwarz meist genauso unfassbar sei wie für deren Kundschaft. Routine? Nun ja, man gewöhne sich höchstens daran, sich nie, nie, nie daran zu gewöhnen.

Zu Allerheiligen, zu Allerseelen, da wird der Tod zwar einmal im Jahr in geschäftsmäßiger Hektik vorgeführt, genau einmal im Jahr berichten die Medien aufgekratzt über dessen knalligste Verpackungen: die extravagante Urne mit dem Sonnenuntergangsmotiv, der geliebte Angehörige, dessen kremierte Überreste zum Diamanten komprimiert werden, die Baumbestattung im biologisch abbaubaren Behältnis, die All-in-Bestattung, die man, gleich einem Neuwagen, online konfiguriert und per Mausklick ordert -Xenonscheinwerfer da, doppelte Kandelaber dort. Geht es um Todesverdrängung durch Konsumismus, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Aber was, wenn es um den nackten Tod selbst geht ?

Nun gut, ein Letzte-Hilfe-Kurs also. Ein Halbkreis, 15 Teilnehmerinnen, ein Teilnehmer, das gängige Verhältnis. Die Männer, sagt Prein, seien viel, viel anfälliger für narzisstische Kränkungen, wie sie der Tod nun einmal darstelle, deswegen kämen sie auch viel, viel seltener in seine Kurse. Diesmal referiert der stets freundlich lächelnde Doktor Tod in einem nüchternen Seminarraum des ASKÖ-Bewegungscenters am Stadtrand von Linz, draußen fallen die letzten Blätter im wabernden Bodennebel, drinnen legt sich langsam die erste Scheu.

Das Fenster der Seele

Die Krankenschwester aus Linz erzählt, wie sie nach einem Todesfall stets ein Fenster öffnet. So lange, bis sie fühle, dass sich die Seele verflüchtigt habe. "Wenn wer gestorben ist, spüre ich, ob er noch da ist oder nicht." Die Witwe aus Wien erzählt, wie sie einmal im Jahr mit Freunden am Grab des verstorbenen Mannes mit Champagner anstößt. "So entstehen positive Erinnerungen, die gegen die Trauer helfen."

Die Mitarbeiterin eines mobilen Pflegedienstes ist für die achtstündige Veranstaltung eigens aus Vorarlberg angereist. Sie erzählt, wie sich nach einem Todesfall viele wohlmeinende Bekannte mit der Aufforderung "Ich bin Tag und Nacht für dich da, ruf einfach an!" systematisch abwandten. Kein Zufall, sagt Prein, sondern eine ganz normale Reaktion in unserem Umgang mit dem Tod, zwar nicht übertrieben mitfühlend und hilfreich, aber absolut menschlich. In Schlagworten werden die Erlebnisse der Teilnehmer auf Backpapierbögen festgehalten, dann einzeln durchbesprochen und schließlich in Beziehung zu Preins geballten Erfahrungen gesetzt.

Das Buch Martin Prein hat seine langjährigen Erfahrungen als Bestatter und Psychologe nun unter dem Titel "Letzte-Hilfe-Kurs - Weil der Tod ein Thema ist"* bei Styria Verlag (22 Euro) herausgebracht.

Und eine seiner Kernerfahrungen nach einem Jahrzehnt als Bestatter ist: Vor dem Tod gruselt's uns allen, nicht wohlig, nicht halloweenmäßig, sondern kalt und brutal.

Im Rahmen seiner Doktorarbeit habe er mit unzähligen Menschen gesprochen, die in sogenannten "Leichenberufen" tätig seien. "Und da bin ich draufgekommen, dass unsere rationale Aufgeklärtheit auf sehr, sehr dünnem Eis steht."

Denn an den Tod gewöhnen könne sich keiner, nicht der Totengräber, nicht der Bestatter, nicht der Palliativpfleger nicht der Pathologe mit der kecken Wurstsemmel am Seziertisch, nicht der Kellerprimar, wie Obduktionsassistenten in der Branche ironisierend genannt werden. Gerade die Kellerprimare - das hat Prein in seiner Zeit als Hauptberufsbestatter und Nebenberufsstudent in unzähligen Gesprächen von Todesdienstleister zu Todesdienstleister herausgefunden -seien in ihrer Einsamkeit zwischen Leichen unter weißen Leintüchern ziemlich anfällig. "Das kleinste Geräusch, der winzigste Luftzug führt da zu ernsthaften Irritationen. Ich kenne viele Bestatter und Kellerprimare, die offen einbekennen, dass sie sich aus Selbstschutz keine Horrorfilme mehr anschauen."

Verweigerter Handschlag

Immer wieder sei es vorgekommen, dass man ihm, dem Bestatter, auch im privaten Rahmen fernab von Kühlkammer und Aufbahrungshalle, lieber nicht die Hand geben wollte. "Aus Berührungsangst", sagt er. "Denn das Leichentabu ist älter als alle Gesetze der Menschheit." Das Bestattungswesen entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten zwar zum freien Gewerbe, doch als Enttabuisierer ist Prein trotz bundesweit 84.000 Todesfällen pro Jahr oder 230 pro Tag eine Art Monopolist.

Gemeinden und Einsatzorganisationen buchen nun seine Vorträge und Seminare, aber auch große Firmen und immer mehr Privatpersonen. Und alle, alle, wollen sie eines wissen: Wie umgehen mit einem trauernden Mitmenschen?

"Wenn der Betroffene X sagt, sagst du Y", holt Prein aus, lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und schiebt eine rhetorische Pause ein. Doch gerade als die Ersten ihre Blocks zücken und die Kugelschreiber in Anschlag bringen, zerstört Prein die große Illusion. "Mit irgendwelchen Standardsätzen und Phrasen erreicht ihr gar nichts!"

Am hilfreichsten sei man, wenn man Trauernden alleine durch Anwesenheit signalisiere, dass sie so, wie sie gerade empfinden und erleben, völlig normal und in Ordnung sind. Einer der wichtigsten Regeln: "Aktiv auf den Trauernden zugehen und Unterstützung nicht nur diffus in Aussicht stellen, sondern konkretisieren", sagt Prein und erhebt sich vom Stuhl.

"Ich bin immer für dich da!";"Du schaffst das!";"Du musst loslassen!";"Ich weiß genau, wie du dich fühlst!"; "Alles hat einen Sinn!" - In einem Handout, das er nun austeilt, hat Prein die gebräuchlichsten, aber unsinnigsten Phrasen zusammengestellt.

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Es gäbe da einen Punkt im eigenen Schmerz, an dem man nicht mehr um Hilfe bitten könne, sagt er. ",Melde dich, wenn du was brauchst!' - Trauernde werden Angebote wie diese nie in Anspruch nehmen." Eher solche: "Mir wäre wichtig, dass du wieder einmal was Gescheites isst, darum koche ich dir was und hole dich dann ab."

Es ist Mittag geworden im Seminarraum am Stadtrand von Linz, draußen lugt die Sonne zaghaft durch die ersten Nebellöcher, und Doktor Martin Prein hat Hunger bekommen. Wenn er jetzt nichts Gescheites zum Essen bekomme, sei er am Nachmittag einfach nur noch todmüde.

Die Don'ts der Trauerhilfe

Der Tod, sagt Prein, sei bedingungsloses, unwiederbringliches Verlassenwerden. In Zeiten des Todes müsse man einfach füreinander da sein, aber dabei keinesfalls abgestandene Phrasen verbreiten - wie etwa:

"Das wird schon wieder!" Durchhalteparolen deuten eher auf die Hilflosigkeit des Sprechers hin.

"Ich bewundere, wie du das alles schaffst!" Die Stärke, die Betroffene hervorbringen, ist aus der Not geboren.

"Alles hat seinen Sinn!" Solche Sätze werden als geringschätzend erlebt, nicht als tröstlich oder hilfreich.

"Ich weiß genau, wie du dich fühlst!" Die Erscheinungsformen der Trauer sind so individuell, dass keiner wirklich weiß, wie sich der Schmerz des anderen anfühlt.

"Melde dich, wenn du was brauchst, ich bin immer da!" Unverbindliche Angebote sind nicht hilfreich, es fühlt sich beschämend an, aktiv um Hilfe bitten zu müssen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Ausgabe Nr. 44/19

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