Trauer um Opfer von

"Ich sterbe.
Mutti, danke für alles"

Junge Frau rief Mutter aus brennendem Londoner Hochhaus an - Vermutlich 58 Tote

Ausgebranntes Hochhaus in London © Bild: imago/PA Images

Nach der verheerenden Brandkatastrophe in einem Londoner Hochhaus trauert Italien um ein junges Paar aus der Region Venetien. Das Außenministerium in Rom bestätigte, dass Gloria Trevisan (27) aus Camposampiero bei Padua und ihr gleichaltriger Freund Marco Gottardi aus San Stino di Livenza bei Venedig tot in ihrer Wohnung im 23. Stock des Grenfell Towers in London aufgefunden wurden. Die Polizei geht von insgesamt 58 Toten aus.

London - Vermisste nach Hochhausbrand
© imago/i Images

Die junge Frau hatte sich aus dem brennenden Haus telefonisch noch von ihrer Mutter verabschiedet. "Wir können nicht von hier raus, wir sind blockiert. Rauch ist schon überall! Ich sterbe. Mutti, danke für alles, was du für mich getan hast. Ich werde euch vom Himmel aus helfen", sagte Gloria Trevisan laut ihren Eltern kurz vor ihrem Tod. Die Wohnung hatte das Architektenpaar bezogen, nachdem es im März nach London gezogen war.

»Ich sterbe. Mutti, danke für alles, was du für mich getan hast.«

Obwohl Trevisan mit höchster Punktzahl an der Fakultät für Architektur an der Universität in Venedig promoviert hatte, konnte sie in Padua und Umgebung keinen angemessenen Job finden. So hatte sie beschlossen, mit ihrem Freund nach London zu ziehen, wo sie schnell eine gut bezahlte Stelle in einem Architekturbüro fand.

London - Demonstration nach Hochhausbrand
© imago/Bettina Strenske

"Es ist unerträglich, dass so viele Jugendliche ins Ausland ziehen müssen, um eine Arbeitsstelle zu finden", betonte Glorias Vater Loris Trevisan. Italiens Außenminister Angelino Alfano drückte den betroffenen Eltern der beiden 27-jährigen Italiener sein Mitgefühl aus.

Nach dem Hochhausbrand werden noch 19 Verletzte in Krankenhäusern der britischen Hauptstadt behandelt. Zehn von ihnen befanden sich am Samstag in kritischem Zustand, wie die Gesundheitsbehörde NHS mitteilte. Die Zahl der Toten ist in der Zwischenzeit auf vermutlich 58 gestiegen. Das teilte die Polizei in der britischen Hauptstadt am Samstag auf Basis von Vermisstenmeldungen mit. Polizeikommandant Stuart Cundy sagte am Samstag, es seien 58 Personen nach seinen Informationen in der Nacht auf Mittwoch im Grenfell Tower gewesen, die nun vermisst würden.

"Leider muss ich deshalb davon ausgehen, dass sie tot sind", ergänzte Cundy. Die zuvor bestätigten 30 Opfer seien in dieser Zahl bereits enthalten. Cundy ergänzte allerdings, dass sich die Zahlen weiter verändern könnten.

Tausende bei Kundgebung für Opfer

Tausende Menschen haben sich zu einer Solidaritätskundgebung für die Opfer der Londoner Brandkatastrophe im Regierungsbezirk Westminster versammelt. Mit Bannern, Plakaten und Sprechchören machten die Demonstranten am Freitagabend vor dem Ministerium für Kommunen ihrer Wut auf die Regierung Luft. Die Behörde ist unter anderem für den Wohnungsbau verantwortlich.

Demonstration nach Hochhausbrand in London
© imago/ZUMA Press

Die Demonstranten skandierten "May muss gehen!", als sie Richtung Downing Street - dem Sitz der Premierministerin - marschierten. Die Kundgebung stand unter dem Motto "Justice for Grenfell!" (Gerechtigkeit für Grenfell).

»May muss gehen!«

Nach dem Unglück geben viele Bürger der britischen Regierung eine Mitschuld an dem Feuer in dem Hochhaus im Stadtteil Kensington.

May vor Demonstranten in Sicherheit gebracht

Nach einem Besuch in der Nachbarschaft des ausgebrannten Hochhauses in London hat die Polizei Premierministerin Theresa May vor wütenden Demonstranten in Sicherheit bringen müssen. Ein Fotograf berichtete, zornige Menschen seien am Freitag Mays Auto hinterher gelaufen und hätten sie angebrüllt. May hatte sich mit Opfern des Brandes und Anrainern getroffen.

Demonstration nach Hochhausbrand in London
© Reuters/Courtesy Òrachel Lucas/5 Newsó

Sie kündigte fünf Millionen Pfund an Hilfen an. Im Stadtteil Kensington stürmten Demonstranten das Bürgermeisteramt. "Wir wollen Gerechtigkeit", skandierten sie. Die Menschen bahnten sich ihren Weg durch die automatische Tür des Gebäudes und versuchten, auch in die oberen Stockwerke gelangen. Die Polizei hielt sie auf.

May steht wegen ihrer Reaktion auf den Großbrand mit mindestens 30 Toten unter Druck. Auch Mitglieder ihrer eigenen Konservativen Partei werfen ihr vor, sich unter anderem zu spät mit den Opfern getroffen zu haben. Diese wurden von dem Oppositionsführer Jeremy Corbyn, Bürgermeister Sadiq Khan und der 91-jährigen Königin Elizabeth II. besucht. Die Katastrophe hat zudem Fragen über ein mögliches Versagen der Behörden aufgeworfen.

May berief Sondersitzung ein

Nach dem Hochhausbrand ist May mit Regierungsmitgliedern zu einer Sondersitzung zusammengekommen. Mit dem Treffen wolle sie dafür sorgen, dass "alles Mögliche getan wird, um die Betroffenen der Tragödie von Grenfell zu unterstützen", sagte ein Regierungssprecher am Samstag.

Später werde May in der Downing Street Opfer der Brandkatastrophe und freiwillige Helfer treffen. Bei dem Feuer im Grenfell Tower waren in der Nacht auf Mittwoch mindestens 30 Menschen ums Leben gekommen. Die Behörden erwarten, dass die Zahl der Toten noch weiter steigt.

Querschnitt des Hochhauses, das in London in Brand geraten ist
© APA/Martin Hirsch

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