Kirche von

Es war wie in
einem Irrenhaus

Kirche - Es war wie in
einem Irrenhaus © Bild: Gilbert Novy / KURIER / picturedesk.com

Die Rede ist - man mag es aus der Überschrift nicht sofort schließen - vom bischöflichen Palais in Kärnten, also von jenem Ort, an dem Bischof Schwarz nach eigenen Angaben "leidenschaftlich" und "in einem Vertrauensverhältnis" mit den Menschen zusammengearbeitet hat.

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Die im ORF-Interview am 20.12. erwähnte Leidenschaft dürfte sich aber primär auf zwei Frauen, Frau G. und Frau E., bezogen haben. Erstere hat der Bischof aus Wien mitgebracht, begleitet von einigen Gerüchten. Richtig spannend wurde es aber erst, als Frau E. die Bühne betrat. Denn ab diesem Zeitpunkt wurden die Mitarbeiter Zeugen eines Prozesses, in dem ein ursprünglich guter Chef, dem man die Attribute freundlich, empathisch, herzlich durchaus zuerkennen konnte, zu einer hilflosen Marionette mutierte.

Frau E., die ursprünglich ganz bescheiden nur ein kleines Arbeitstischchen für sich beanspruchen wollte, war in der Folge nicht zimperlich bei ihren Wünschen und bekam, was sie wollte. Ein Jahresgehalt von 91.000 Euro, eine Dienstwohnung mit allen Extras -sogar mit Schwingtüren in die Toilette! -, einen Dienstwagen und zur Draufgabe im letzten Augenblick noch einen Fünfjahresvertrag. Eigentlich hatte auch sie vier Wohnsitze. Neben der eigenen Wohnung und der Dienstwohnung in St. Georgen standen ihr die Bischofswohnung in der Wiener Innenstadt und das Jagdhaus auf der Flattnitz zu Verfügung; letzteres auch ihren erwachsenen Töchtern und deren Freunden. Und weil Frau E. auch den Jagdschein machen durfte, selbstverständlich inklusive aller Abschüsse.

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Man nennt mich die Mätresse des Bischofs", diese Worte waren aus ihrem eigenen Mund zu hören, und sie klangen durchaus selbstbewusst. Vielleicht auch deswegen, weil sie sich diese Position erst erkämpfen musste. Vergeblich hatte der Bischof versucht, beide Frauen zu befrieden. Die beiden bekämpften einander bis aufs und mit dem Messer. Der Bischof stand hilflos daneben. Die Androhung der Mitarbeiter, demnächst die Polizei zu rufen, "denn wenn nichts geschieht, wird bald eine Leiche im Vorzimmer liegen!", ließ den Bischof schließlich einen Mediator ins Haus rufen. Ein Himmelfahrtskommando im wahrsten Sinn. Dieser wurde bald wieder gefeuert. Und eine vom Geschäftsführer des Bistums im Auftrag des Bischofs ausgestellte Kündigung, während dieser weit weg in Sarajewo weilte, wurde eiligst wieder revidiert. Hysterische Anfälle, Selbstmorddrohungen und Provokationen standen auf der Tagesordnung. Als Frau G. die Unterwäsche von Frau E. im Koffer des Bischofs fand (ob irrtümlich von ihm oder bewusst von ihr dort eingepackt), war die Hölle los im bischöflichen Palais. Im Kampf um den Platz an der Seite des Bischofs waren die Damen nicht gerade zimperlich. In ihrem grenzenlosen Ehrgeiz versuchte sich Frau E. u. a. auch mit einer Doktorarbeit, die zwar nie angenommen wurde, wohl aber von Mitarbeiterinnen im bischöflichen Sekretariat von Tonbändern -es handelte sich um Interviews - abgeschrieben werden musste. Begründung: Der Bischof brauche das für die Bischofskonferenz.

Nachdem die Rivalin einigermaßen aus geschaltet war, wurde die Frau Projektleiterin zur Trägerin einer Overall-Responsibility. Sie fühlte sich für alles und jedes verantwortlich, von den Menüs auf der bischöflichen Tafel -ein Haubenkoch wurde ins Haus geholt -bis zur Verwaltung der Missbrauchsordner. Selbst als sie schon in St. Georgen werkelte, musste ihr täglich der Terminkalender des Bischofs gemailt und bis ins kleinste Detail bekanntgegeben werden. "Big Sister Watching You"."Man konnte sich ja nicht einmal mehr vorstellen, dass der Bischof ohne sie eine Messe feiern konnte." Und tatsächlich saß sie, wenn irgend möglich, immer in der erste Bank und beteuerte, Alois müsse sie anschauen können, er brauche ihre Bestärkung. Zum Ausgleich dafür brauchte sie übrigens nicht selten, vor allem nach Auseinandersetzungen, eine Privatmesse, an der nur der Bischof und sie teilnehmen durften. "Der Herr Bischof wünscht" war längst zum geflügelten Wort geworden, auch wenn dieser von seinen Wünschen oft noch gar nichts wusste. Später waren die Wünsche des Bischofs kein Thema mehr, da wurden diese overruled. Seine Entscheidungen wurden als "Faschingsscherz", manchmal sogar als "deppert" abgestempelt und eigene Weisungen erteilt. Wenn in solchen Situationen die Mitarbeiter nicht sofort spurten, kam drei Minuten später der Änderungsauftrag des Herr Bischof persönlich. Das ging deswegen so schnell, weil Herr und Frau Bischof in einem gemeinsamen Arbeitszimmer saßen und sich jedes Wort, jedes Telefonat, jeden Ordner teilten. Zur Not hatte Frau Bischof auch den Unterschriftenstempel von Herrn Bischof und auch die Schlüssel zur Kammer mit den Missbrauchsakten.

Und trotzdem war sie ob ihrer Machtfülle nicht zufrieden und nach Aussagen von Mitarbeitern ständig damit beschäftigt, "andere krank zu machen oder zu vernichten". Und sie war dabei durchaus erfolgreich. Man litt in ihrer Umgebung unter Schlaflosigkeit und Magengeschwüren, Angst machte sich breit. "Die Stimmung war erdrückend." Wer aufmuckte, wurde versetzt. Der Bischof soll zwar zwischendurch einmal zugegeben haben, dass dieses Verhalten pathologische Züge trage, hat aber dazu nur Durchhalteparolen ausgegeben. "In späterer Zeit kam man gar nicht mehr an ihn heran!" Frau E. hat einen Schutzwall errichtet, wer zum Bischof wollte -auch seine engsten Mitarbeiter -, brauchte ihre Erlaubnis.

Es war das reinste Chaos. "Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es noch schlimmer gehen könnte, aber am nächsten Tag war es schlimmer! Am Schluss war der Bischof nur noch damit beschäftigt, ihren Machthunger zu stillen." Der Bischof hingegen will das alles nie bemerkt haben und behauptet in oben erwähntem Interview, "in einer Evangelium angemessenen Liebenswürdigkeit mit den Menschen unterwegs zu sein". Davon war im Bischofshaus aber nichts zu spüren. Einschüchterung und Bespitzelung standen auf der Tagesordnung. "Man hat von uns sogar verlangt, sich für Fehler zu entschuldigen, die wir nicht gemacht haben." Das Misstrauen wuchs. Als immer wieder anonyme Briefe auftauchten, in denen die Machenschaften von Frau E. kritisch beleuchtet wurden, standen alle unter Generalverdacht. Sogar ein Ex-Geheimdienstchef wurde ansetzt, um die Täter zu überführen. Offiziell wurde dies damit begründet, Schwachstellen in der Arbeit auszuloten, jeder aber wusste, worum es in Wirklichkeit ging. Und der Bischof war Wachs in ihren Händen. "Wenn er nach den Sommermonaten, die er überwiegend mit Frau E. in seiner Jagdresidenz verbrachte, wieder nach Klagenfurt kam, hat es Wochen gedauert, bis er wieder Tritt fasste. Wir hatten den Eindruck, er war einer Gehirnwäsche unterzogen worden." Was sich in diesen Sommermonaten auf der Flattnitz tatsächlich abgespielt hat, wird noch zu beleuchten sein. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie konnte es so weit kommen?

Klar ist, dass Frau E. diese Macht nur für sich beanspruchen konnte, weil der Bischof ihr diese zugestanden hat. Die Primärverantwortung für diese Entwicklung trägt daher der Bischof. Ob er erpresst wurde oder dieser Frau hörig war, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Sicher ist, Frau E. hat auf der Klaviatur der Macht zu spielen verstanden! Wenn heute so viel von ihr die Rede ist, dann deswegen, weil ihre Umgebung unter dieser konkreten Machtausübung täglich gelitten hat. Aber das Instrument dazu hat ihr der Bischof selbst gereicht. Der Bischof, der nach seinem Wirken in Wien mit ihren Begleiterscheinungen in Kärnten eine neue Chance bekommen hat. Der Bischof, der seine Strafversetzung nach St. Pölten als Beförderung darstellt und sich fassungslos zeigt über das, was in Kärnten alle Spatzen von den Dächern pfeifen. Die große Frage ist: Wie lässt sich diese Realitätsverweigerung erklären?

© Dario Santangelo

Zur Autorin: Gerda Schaffelhofer ist Ex-Präsidentin der Katholischen Aktion und war Studienkollegin von Bischof Schwarz

Der Beitrag erschien ursprünglich in der Printausgabe von News (Nr. 3/2019)