Atomkraft von

AKW Temelin könnte
bis 2060 laufen

AKW Temelin © Bild: APA/AFP PHOTO / RADEK MICA RADEK MICA

Atomkraftgegner kämpfen schon seit Jahren für eine Abschaltung des tschechischen AKWs Temelin. Bald entscheidet sich, ob das störanfällige Atomkraftwerk nahe Österreich bis 2060 weiter betrieben werden darf.

Zahlreiche Störfälle

Im Jahr 2002 stimmten beim Volksbegehren 914.973 Österreicher für ein Veto gegen einen EU-Beitritt der Republik Tschechien, falls Temelin nicht stillgelegt wird. Über 15 Jahre später ist das AKW immer noch in Betrieb. Und die Laufzeit des Atomkraftwerks soll nun noch einmal gewaltig verlängert werden. Dabei stufen Atomkraftgegner beide Reaktoren seit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 2000 beziehungsweise 2002 als störanfällig ein. Laut der Umweltschutzorganisation "Global 2000" hat es bisher insgesamt 90 Pannen und Störfälle im Block 1 gegeben. 2015 mussten der Reaktorblock 1 wegen der Reparatur einer Rückgangklappe abgeschaltet werden und der Block 2 wegen Vibrationen der Turbine. Zuletzt war es 2016 zu einem Zwischenfall gekommen: Beim Wiederanfahren überhitzte ein Turbinenlager im Block 1, das führte erneut zu einer Abschaltung.

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Das AKW Temelin zählt zwar nicht zu den typischen Risiko-AKWs rund um Österreich. Allerdings war Baubeginn bereits 1987 - noch nach altem sowjetischen Reaktordesign. Daher musste das AKW schließlich nach Überprüfung durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) auf westliche Standards aufgerüstet werden, unter anderem mit einem modernen digitalen Sicherheitssystem und dem Bau eines Kraftwerkssimulators.

Die gehäuften Störfälle im AKW sorgen bei Atomkraftgegnern jedoch für Unmut. Lange Zeit wurde auch über mutmaßlich unsichere Schweißnähte am Kühlwassersystem des Reaktorblocks 1 diskutiert. Die deutsche Bürgerinitiative "Stoppt Temelin", mit der grünen Kreisrätin Brigitte Artmann an der Spitze, forderte seit einigen Jahren eine Untersuchung der Schweißnähte im Block 1. Das deutsche Bundesumweltministerium betrachtet die Angelegenheit mittlerweile - nach einigen bilateralen Treffen - als erledigt und sieht keine groben sicherheitstechnischen Mängel bei den Schweißnähten, obwohl die relevanten Akten von der tschechischen Atomaufsicht beziehungsweise dem AKW-Betreiber bis heute nicht herausgegeben worden sind.

Österreich fordert Prüfung vor Laufzeitverlängerung

Ein Gutachten der Linzer Johannes Kepler Universität im Auftrag des oberösterreichischen Umweltressorts kommt nun zu folgendem Schluss: Die geplante Laufzeitverlängerung von Temelin muss eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchlaufen.

Die Umweltrechts-Professorin Erika Wagner stützt sich in der Expertise auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Sommer, in dem es um die belgischen AKW Doel 1 und Doel 2 geht. Der EuGH erlaubt darin zwar, dass die Reaktoren vorerst weiterlaufen, betont aber, dass eine grenzüberschreitende UVP zwingend nötig sei. Damit sieht Wagner die Forderung nach einer solchen auch im Fall Temelin "auf rechtlich sehr sicherem Terrain".

In Temelin läuft im Oktober 2020 die Genehmigung für Block 1 aus, 2022 jene für Block 2. Geplant sei aber, die Reaktoren bis mindestens 2060 am Netz zu halten, sagte Umweltlandesrat Rudi Anschober, dessen Ressort das Gutachten in Auftrag gegeben hat. Er will es nun der Bundesregierung übermitteln - mit dem Appell, Rechtsschritte gegen die Laufzeitverlängerung ohne UVP zu ergreifen. Auch der EU-Kommission will er es zukommen lassen, mit der Forderung, für die Einhaltung der UVP-Richtlinie bei allen 18 AKW, deren Laufzeit bereits ohne UVP verlängert wurde, zu sorgen.

Der tschechische Energiekonzern CEZ betreibt in Tschechien die beiden Atomkraftwerke Temelin und Dukovany. Der Reingewinn des CEZ-Konzerns lag 2018 bei 10,5 Milliarden Kronen (406,4 Mio. Euro). Das waren um 45 Prozent weniger als 2017. In dem Jahr hatte der Konzern ertragreich seine Beteiligungen am ungarischen Mineralölkonzern MOL verkauft.