Suchttherapie von

Schöneres als
die Sucht

Suchttherapie - Schöneres als
die Sucht © Bild: apa/dpa/Patrick Pleul

Nach einem Mittagsschläfchen kam dem Psychiater Michael Musalek die Idee, wie Suchtkranke zu einem Leben (fast) ohne Suchtmittel finden können.

Herr Professor Musalek, Sie leiten die größte Suchtklinik Österreichs und haben einen neuen Behandlungsansatz entwickelt. Einfach gesagt: Sie schauen mehr auf die PatientInnen als auf die Diagnose. Warum?
Das Problem der sonst angewandten evidenzbasierten Medizin ist, dass man auf Diagnosen, wie wir sie von Beipackzettel kennen, schaut und quasi so tut, als wären alle Menschen mit Schizophrenie oder Lungenentzündung gleich. Es wird sozusagen ein Standardpatient behandelt. Wenn ich aber auf den Menschen statt auf die Krankheit fokussiere, ändern sich Therapieziel und Diagnostik. Das ist der zentrale Kern der humanbasierten Medizin.

Was bedeutet das?
Ein Mensch besteht nicht nur aus Störungen oder Defekten, sondern auch aus dem, was er schaffen kann, aus seinen Fähigkeiten und Potenzialen, die in den therapeutischen Prozess einbezogen werden müssen. Sie sind der Schlüssel, wie jemand gesund werden kann.

Welche Rolle spielt das bei einer Sucht?
Eine große, weil praktisch bei jedem Suchtkranken eine Lebensneugestaltung nötig ist. Es funktioniert nicht, das Leben gleich weiterzuführen, nur ohne Suchtmittel. Es braucht die Ressourcen des Einzelnen, sie geben Kraft. Wenn ich etwas für möglich halte und das gleichzeitig schön für mich ist, habe ich viel Kraft, etwas zu schaffen. Wenn es nicht schön ist und ich mir nicht vorstellen kann, dass ich es jemals erreichen kann, bin ich nicht motiviert.
Das verändert Ihre Arbeit? Wir haben das Therapieziel völlig verändert. Nicht mehr die Abstinenz ist das Ziel - weil das für die meisten nicht schön ist und sie es sich nicht vorstellen können, sondern das eigentliche Therapieziel ist ein freudvolles und autonom geführtes Leben, also das, was die meisten Menschen wollen. Die Kunst in der Therapie liegt darin, dem Patienten, der in der Regel freudlos und in Abhängigkeiten lebt, Möglichkeiten sichtbar zu machen, dass er wieder ein freudvolles und selbstbestimmtes Leben führen kann. Die Abstinenz ist eine Voraussetzung dazu, weil wenn man weiter Suchtmittel nimmt wie vorher, kann's nicht funktionieren.

Wie waren die Reaktionen?
Die Patienten waren von Anfang an begeistert dabei. Die Angehörigen weniger, weil sie das Gefühl hatten, naja, dem Patienten geht es besser, aber sie selber schlagen sich mit den Folgen seiner Sucht herum. Da spielt, wie oft in der Suchtkrankheit, so ein Schuld-Sühne-Faktor mit. Seit wir Angehörige in den Prozess einbeziehen, funktioniert es besser. In der Fachwelt gab es einigen Gegenwind - und zwar beim Ziel des freudvollen Lebens.
Das ist fast tabuisiert. Freude dürfen wir haben, wenn wir etwas geleistet haben, brav waren. Es schön zu haben, ist dann sozusagen die Zierleiste des Lebens. Aber Freude ist die Kraftquelle des Lebens schlechthin. Und ein freudvolles Leben ist nichts anderes als ein psychisch gesundes Leben - wie es die WHO als Teil von Gesundheit definiert.

»Das Therapieziel ist ein freudvolles und autonomes Leben«

Und was "bringt" die humanbasierte Medizin?
Das ist nicht nur graue Theorie. Wir haben ein konkretes Beispiel, wo wir sie seit fünf Jahren umsetzen: das Orpheus-Programm. Ich hatte die Idee nach einem Mittagsschlaf, es war also ein "Musen-Kuss". Die Grundidee war: Wir verlangen von unseren Patienten, dass sie auf etwas ganz Wichtiges in ihrem Leben verzichten. Wenn ich Sie frage, ob Sie, sagen wir, auf das Drittwichtigste in Ihrem Leben verzichten, und zwar ein Leben lang, bin ich mir ziemlich sicher: Das wird nichts werden. Ich möchte das auch nicht. Ich könnte aber auf das, sagen wir, 30-Wichtigste verzichten. Also war die Grundidee, das Allerwichtigste zum 20-oder 30-Wichtigsten runterzubringen. Man kann aber uns Wichtiges leider nicht downgraden.

Wie gelingt es dann?
Ich kann so vieles anderes upgraden, dass das vorher so Wichtige automatisch nach hinten gereiht wird, im Fall der Sucht eben das Suchtmittel. Das ist die Grundidee des Orpheus-Programms. Odysseus überwand die Verlockung der Sirenen, indem er sich an den Schiffsmast fesseln ließ. So wie wir es früher im Suchtprogramm hatten: mit aller Kraft möglichst lang an der Sucht vorbeischrammen. Orpheus hatte eine andere Strategie: Er übertönt mit seiner Leier die betörenden Gesänge der Sirenen mit schönerer Musik. Damit haben die Sirenen keine Chance.

Also die Verlockung der Sucht übertönen. Ist der Erfolg messbar?
Die schwierigste Zeit ist das erste halbe Jahr nach der - stationären und ambulanten -Behandlung. Wenn der Patient sie, allein und gegen Einflüsse von außen, übersteht, stehen die Chancen gut, dass er es länger schafft. Üblicherweise sind das 30 bis 60 Prozent. Wir haben rund 200 Alkoholkranke nachuntersucht. Wenn sie ganz oder nahezu abstinent sind, kurz etwas trinken, aber gleich wieder aufhören, kommen wir auf 80 Prozent.

Und wie geht es den Patienten damit?
Ein Beispiel: Eine alkoholkranke, 45-jährige Frau mit Depressionen, lebt in Scheidung, hat den Job verloren. In der herkömmlichen Medizin hätte man sich vorrangig nur mit ihrer Suchtkrankheit und der Depression beschäftigt. Jetzt ist das Ziel, dass sie freudvoll und weitgehend autonom leben kann. Dafür nützen wir ihre Stärken, Wünsche, Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn sie das kann, ist ein wesentliches Therapieziel erreicht. Sie hat dann auch genug Kraft, den Verlockungen des Suchtmittels zu widerstehen.

© Michael Gruber / EXPA / picturedesk.com Michael Musalek leitet das Anton Proksch Institut in Liesing

Suchtklinik
Anton Proksch Institut

Das Anton Proksch Institut ist ein Sonderkrankenhaus, spezialisiert auf alle Formen der Sucht: auf stoffgebundene legale Suchtformen wie Alkohol-, Nikotin-und Medikamentensucht und auf illegale Substanzen: Heroin, Kokain etc. Stoffungebundene Suchtformen sind Glücksspiel-, Kauf-, Online-und Arbeitssucht.

Kommentare

herrlich! was alles an der sucht verdient. unglaublich! alle alle vergessen den spaß und die lust und die LIEBE am leben. selbst DAS muss einem extra gesagt werden.das ist ein trauerspiel!denn an sich haben wir das alle intus. es wird uns bloß abgewöhnt im lauf des von vorgaben bestimmten lebens.DAS ist das problem.lernt einfach leben,es ist sooo einfach

Seite 1 von 1