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Ein Fußballgott geht
in die dritte Halbzeit

Sport - Ein Fußballgott geht
in die dritte Halbzeit © Bild: Ricardo Herrgott

Tränen, Tage wie in Trance: Steffen Hofmann brauchte lange, um seinen Abschied zu verarbeiten. Langsam aber macht sich wieder jenes Gefühl breit, das seine Karriere stets vorantrieb: Zufriedenheit

Erst seien da Tränen der Rührung gewesen, dann eine Art Vakuum, ein Trancezustand, der gut eine Woche angehalten habe. Nur ganz langsam, erzählt Steffen Hofmann, beginne er zu verstehen, was da an diesem 22. Juli passierte: 25.300 Zuschauer waren bei Gluthitze ins Allianz-Stadion gepilgert, hatten Eintritt bezahlt und im Akkord applaudiert, nur um ihn noch ein letztes Mal spielen zu sehen. Steffen Hofmann und Freunde gegen die Kampfmannschaft des SK Rapid, eine bessere Juxpartie ein paar Tage vor Beginn der neuen Meisterschaft. Sportlich völlig wertlos. „Aber emotional komplett überfordernd“, sagt Hofmann. „Dieser überwältigende Abschied zeigt, dass ich in meiner Karriere nicht alles ganz falsch gemacht habe.“

Eine Karriere, die im schnelllebigen Fußball mit all seinen überhitzten Transfers und permanenten Personalrochaden absolut atypisch anmutet: 16 Saisonen hat der drahtige Mann mit der Stoppelfrisur für Rapid bestritten, in 540 Pflichtspielen ist er aufgelaufen, 128 Tore hat er als Mittelfeldspieler dabei erzielt. Und – eine Minute, eine einzige Minute, hatte er vor seinem Transfer sogar beim großen FC Bayern gespielt. In der 93. Minute eingewechselt, einen Ball nach Outeinwurf in die gegnerische Hälfte befördert, Schlusspfiff. 21 Jahre war er damals und galt in Deutschland als hoffnungsvolles Talent.

Eine Frage der Dichte

„Mein Trainer hat mich gefragt, ob ich noch ganz dicht bin, in die österreichische Liga zu wechseln.“ Heute ist er fast 38 und trägt, zumindest im Westen Wiens, ganz und gar unironisch den Beinamen „Fußballgott“. „Zunächst war mein Plan, nach zwei, drei Jahren wieder zurück nach Deutschland zu wechseln“, erzählt der grüne Erlöser. Doch dann habe er hier etwas gefunden, was für jeden überdurchschnittlich begabten, durchschnittlich fleißigen Fußballer österreichischen Zuschnitts den frühzeitigen Karrieretod bedeutet: nämlich Zufriedenheit.

„So, jetzt habe ich’s geschafft, jetzt bin ich Profi – ich habe in meiner Karriere viele hoffnungsvolle Talente kommen und gehen gesehen, die gerade an dieser Zufriedenheit gescheitert sind“, erinnert sich Hofmann. Doch es war nicht diese Form der Zufriedenheit, die er in Wien suchte, sondern eine ganz andere, die er, mehr oder weniger zufällig, fand.

Eine Eroberung auf Raten

Hofmanns Erzählungen. Rückblende. Der 22-jährige Bursche aus Kirchheim bei Würzburg mit seinen 2.200 Einwohnern und einem Bildstock am Friedhof als größter Sehenswürdigkeit war noch neu in Wien. „Ich war nicht schüchtern, aber doch zurückhaltend“, sagt er. Und: „Ich brauchte Mithilfe, um die Dinge ins Rollen zu bringen. Denn der Typ, der auf eine Frau zugeht und sagt: ,Hey, gib mir deine Nummer‘, der war ich nicht.“

Da war Barbara, die junge Frau, die im Kreise ihrer Familie oft und gerne den VIP-Club von Rapid frequentierte. Und da waren Freunde, die das künftige Paar, auf sanften Nachdruck des Fußballers, miteinander bekannt machten. Mittlerweile sind die studierte Tourismusmanagerin und der drehfreudige Mittelfeldmotor seit 14 Jahren verheiratet, der Ehe entstammen drei Kinder, zwei Mädchen, ein Bub.

„Ich wusste schon sehr rasch, was ich hier in Wien hatte – nämlich Zufriedenheit. Und ich wusste sie auch zu schätzen, anstatt ihr unentwegt hinterherzurennen“, sagt Hofmann heute. Natürlich hätte ein Spieler seines Zuschnitts die Möglichkeit gehabt, ins Ausland zu wechseln, doch sieht man von einem gerade einmal halbjährigen Intermezzo bei 1860 München ab, so blieb auch Hofmann selbst dort, wo seine junge Familie von Anfang an daheim war: in Wien. Erst war die Erdung, dann der Aufstieg zum Fußballgott.

„Ich habe versucht, über diesen Status nicht allzu viel nachzudenken, denn natürlich hat das Ganze etwas Surreales. Aber im Grunde genommen hat es wohl damit zu tun, dass mir die Leute abnehmen: Ich bin einer von ihnen.“ Da der Arbeiterverein Rapid, dort Dauerläufer Hofmann: Im Vergleich zu den über und über mit Tattoos übersäten, den eigenen Friseur straffer als jeden Gegner manndeckenden Fußballstarlets von heute verkörperte der langjährige Kapitän den absoluten Anti-Star.

Es gab in Hütteldorf Modischere als ihn, es gab technisch Bessere als ihn, es gab Torgefährlichere als ihn – aber es gab wenige, die besser zur Identifikationsfigur taugten. „Trotz allem: Respekt für Steffen Hofmann“ prangte sogar auf einem Transparent, das ausgerechnet die Ultras von Sturm Graz, dem großen Rapid-Rivalen und zweitgrößten „Hacklerverein“ Österreichs, bei Hofmanns letztem Auftritt in Graz entrollten.

Fußballgott Steffen Hofmann – eine Arbeiterapotheose. „Du musst immer alles geben“, habe ihm sein Vater von klein auf eingeimpft. Damals, als der Sohn noch als Knirps daheim beim 1. FC Kirchheim kickte. Und später, als er sich bei Rapid bereits endgültig durchgesetzt hatte.

Das Modell Unterfranken

Steffen Hofmann ist der Sohn eines Maschinenbauers, der bis zu seiner Pensionierung stets in ein und demselben Betrieb arbeitete. Auch der Vater hätte von daheim weggehen können, um seine Karriere anderswo noch vehementer voranzutreiben. Doch stattdessen sei er daheim geblieben, habe im Dorf ein Haus gebaut, erzählt der Sohn. „Da haben immer alle zusammengeholfen, sich gegenseitig unterstützt.“ Wie eben bei Rapid oder zumindest so, wie sich Rapid und seine Fans selbst gerne sehen – nur eben in Unterfranken.

Zurück nach Hütteldorf: Dort wechselt Hofmann nunmehr das Fach und wird so etwas wie Gottvater: Als sogenannter „Talentemanager“ bleibt er in den Diensten von Rapid und sieht seine Job Description als „Anwalt der jungen Spieler“. „Ich bin der, an den sich die Spieler unserer Nachwuchsmannschaften wenden können, wenn sie irgendwo der Schuh drückt, wenn sie in schwierigen Situationen jemanden mit Erfahrung brauchen.“

Hofmann wird möglichst vielen Trainings und Spielen der zweiten Mannschaft, aber auch des U18- und U16-Teams beiwohnen, teilweise auch mittrainieren und dabei versuchen, Talente an die Kampfmannschaft heranzuführen. „Ich werde ihnen aber auch dabei helfen, mit Enttäuschungen und Rückschlägen umzugehen und sie vernünftig zu verarbeiten.“

Denn auch darin hat Steffen Hofmann durchaus Erfahrung. Es war am 21. Juli 2005, und die Spitze des ÖFB hatte stolz zur Pressekonferenz ins Hilton am Handelskai geladen. Kein Geringerer als Sepp Blatter, damals macht- und skandalbeladener Präsident der Fifa, hatte nach flüchtiger Durchsicht der nötigen Unterlagen zugesagt, dass Hofmann, sobald er eingebürgert würde, für das österreichische Team spielen könne. Das entsprechende Trikot mit der Nummer 11 war bereits bedruckt, Hofmann hat es noch heute als Souvenir gehortet. Doch dann entdeckte man einen Formalfehler, eine versäumte Frist, und die sportliche Austrifizierung scheiterte im letzten Moment. „Diese Wende hat mir schwer zu schaffen gemacht, ich hätte so gerne für Österreich gespielt.“

Nun ist es er, der möglichst viele Rapidler teamreif machen soll. Als Mann im Hintergrund, aber wohl kaum je als Trainer. „Denn der schnellste Weg, sich seinen Ruf komplett kaputt zu machen, wäre, sich da unten an die Seitenlinie zu stellen.“ Steffen Hofmann – oder die Angst des Fußballgottes vor der Götterdämmerung.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 31 2018