Kritik an Österreichs Kinderimpfprogramm: Experten warnen vor Pneumokokken-Gefahr

Noch keine generelle Immunisierung bei Kleinkindern Private Impfung ist für viele Familien viel zu teuer

Kritik an Österreichs Kinderimpfprogramm: Experten warnen vor Pneumokokken-Gefahr

Schwere Kritik an Gesundheitsministerin Kdolsky: Vor zehn Jahren noch galt das von Sozial- und Gesundheitsministerin Lore Hostasch (S) eingeführte kostenlose Impfprogramm für Österreichs Kinder für zahlreiche Staaten Europas als Pioniertat. Doch unter Maria Rauch-Kallat (V) und Andrea Kdolsky (V) droht Österreich in Europa zum "Schlusslicht" zu werden, so der Obmann der Trägerkonferenz des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger Franz Bittner und Wiener Experten. Speziell geht es um die Bezahlung der Pneumokokken-Impfung für Kleinkinder, die sich mit mehr als 500 Euro Gesamtkosten nur wenige Familien leisten können und sie die Öffentliche Hand nur für rund acht Prozent der Babys zahlt.

Der Hintergrund: In den vergangenen Jahren sind neue und im Vergleich zu den Uralt-Vakzinen teurere Impfstoffe auf den Markt gekommen: Dazu gehört die Impfung gegen die Pneumokokken für Babys, die auch in Österreich Todesfälle und schwerste Erkrankungen mit Gehirnhautentzündungen sowie viele Lungen- und noch mehr Mittelohrentzündungen verhindern könnte. Derzeit kostet die Vakzine für die Impfserie insgesamt 512 Euro. Nur für angebliche "Risikokinder" ist eine kostenlose Impfung vorgesehen, wobei Wissenschafter bestreiten, dass man diese überhaupt identifizieren kann. Lediglich acht Prozent der Babys von einem Jahrgang von 75.000 würden in diese Risikogruppe fallen. Während die Rotavirus-Impfung in das Kinderimpfprogramm aufgenommen wurde, fehlt auch ein für die Allgemeinheit effizientes und kostengünstiges Vorgehen bei der HPV-Impfung, welche 70 Prozent der Fälle von Gebärmutterhalskrebs verhindern könnte. Diese Impfung kostet ebenfalls mehrere hundert Euro.

Schwere Folgen
Das Nichtvorhandensein eines Kinderimpfprogramms nach dem modernen Stand der Medizin hat laut dem Wiener Kinderarzt Alfred Stiskal dramatische Auswirkungen, die besonders die sozial Schwächeren bedrohen: "Im Zeitraum vom Februar 2001 bis März 2003 waren bei einer Gesamtzahl von 77 invasiven Erkrankungen (Pneumokokken-Infektionen, Anm.) vier Todesfälle zu verzeichnen. Bei rund 15 Prozent entstehen bleibende Folgeschäden wie Hörschäden, Hydrozephalus ("Wasserkopf") und halbseitige Lähmungen." Definitiv zumeist statistisch nicht erfasst würden Lungen- und Mittelohrentzündungen.

Auch alte Menschen betroffen
Schwere Vorwürfe an die Gesundheitspolitik richtete auch Impfexperte Wolfgang Maurer (Universitäts-Kinderklinik Wien/AKH): "Wir haben in Österreich einen ausgezeichneten 'Impfplan', aber wir brauchen ein Impfkonzept." Dabei wäre eine generelle Durchimpfung der österreichischen Babys und Kleinkinder gegen die Pneumokokken im Grund auch eine nicht nur eine potenziell lebensrettende Maßnahme, wie wissenschaftliche Daten aus den USA belegen. Die Durchimpfung würde nämlich die Pneumokokken, die jährlichen vielen alten Menschen das Leben kosten, auch in dieser Gruppe zurückdrängen.

Durchimpfung würde schützen
Maurer: "Bei den Masern müssen 93 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, dann hört der Erreger zu zirkulieren auf. Bei der Polio müssen 83 Prozent geimpft sein. Bei den Pneumokokken brauchen wir dazu eine Durchimpfungsrate von rund 80 Prozent." Sind nämlich die Kinder generell immunisiert, stecken sie laut dem Wissenschafter auch nicht mehr die Großeltern an.

Genügend Geld muss vorhanden sein
Maurer weiter: "Das Geld muss in einem so reichen Land wie Österreich vorhanden sein." Für die Verhinderung eines Todesopfers im Straßenverkehr würden bis zu 1,5 Mio. Euro aufgewendet, für die Verhinderung eines Lawinentoten bis zu drei Millionen Euro. Dagegen wären die Impfkosten extrem gering. Maurer hat die Kosten für eine generelle Pneumokokken-Impfung für Österreichs Kinder berechnet: Derzeit werden für die rund 20.000 Dosen Impfstoff pro Jahr (Risiko-Kinder) rund eine Million Euro aufgewendet. Der Privatverkauf kostet die Volkswirtschaft noch einmal sieben Millionen Euro. Für rund zehn Millionen Euro aber wäre schon eine generelle Durchimpfung im Rahmen des Programms der Öffentlichen Hand möglich. (APA/red)