Kindestötung von

Warum manche Mütter ihr
neugeborenes Baby töten

Kindestötung - Warum manche Mütter ihr
neugeborenes Baby töten © Bild: iStockphoto.com

Immer wieder hört man davon, dass Mütter ihr neugeborenes Baby töten. Unweigerlich fragt man sich dann: Warum? Eine aktuelle Studie gibt Aufschluss.

Gemeinsam mit finnischen Experten aus Helsinki und Turku konnte Claudia Klier von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der MedUni Wien erstmals Risikofaktoren von einmaligen und wiederholten Neugeborenentötungen identifizieren. Das Ergebnis: Die 28 untersuchten Fälle unterschieden sich nur in einzelnen soziodemographischer Variablen, wie etwa dem Alter der Frau, der Gesamtzahl an Kindern, dem Ausbildungsstatus und der Lebenssituation.

Was dagegen allen Fällen gemein war, ist die Negierung der Schwangerschaft - sowohl durch die Mutter selbst als auch durch ihr soziales Umfeld. Diesen Aspekt heben die Experten als wichtigsten Risikofaktor für den sogenannten Neonatizid hervor, wie die MedUni Wien in einer Aussendung berichtet.

Kindstötung häufiger als angenommen

"Generell konnte gezeigt werden, dass wiederholte Neonatizide nicht so selten sind, wie angenommen. Im Zeitraum von 1995 bis 2005 war jeder dritte getötete Säugling auf einen vorher noch nicht entdeckten Wiederholungsfall zurückzuführen", so die Leiterin der Pädiatrischen Psychosomatik der Klinik in Wien.

Unter Neonatizid versteht man die Tötung eines Kindes in den ersten 24 Stunden nach der Geburt. Der Tötung geht laut den Studienergebnissen offenbar ein monatelanger Prozess von "Negierung" voraus: Die Frau kann aufgrund von Traumata und/oder einer Persönlichkeitsstörung die Schwangerschaft nicht wahrhaben, negiert sie, und ihr soziales Umfeld hat - unabhängig von der Lebenssituation - häufig keine Kenntnis der Schwangerschaft. Eine Auseinandersetzung mit der ungewollten Schwangerschaft findet folglich nicht statt.

Zum Thema: Unbemerkt schwanger - wie kann das sein?

Dazu Klier: "Auch das Wort Schwangerschaft wird nicht benutzt. Die Frau erklärt bei Nachfragen die Gewichtszunahme durch zu viel Essen, Blähungen und andere Gründe, wodurch also eine Uminterpretation der Symptome stattfindet. Die Frauen haben keinen Kontakt zum Gesundheitssystem, die Geburt, von der die Frauen meist überrascht werden, erfolgt unassistiert und heimlich, was ein hohes Risiko für die Gebärende und das Kind birgt. Denn das Neugeborene wird entweder nicht versorgt oder aktiv getötet, da es in dieser Situation zu Panik und dissoziativen Zuständen bei der Gebärenden kommen kann.

Rückläufige Zahl in Österreich

In Österreich ist die Zahl der Neugeborenentötungen stark rückläufig. Waren zwischen 1991 und 2001 noch rund sieben von 100.000 Neugeborenen betroffen, so sind es derzeit drei Kinder pro 100.000 und Jahr. Österreich liegt damit inzwischen im europäischen Mittelfeld, die skandinavischen Länder haben jedoch deutlich niedrigere Raten.

Zurückzuführen ist diese Entwicklung in Österreich auf die Einführung der "anonymen Geburt" in Österreich im Jahr 2002. Claudia Klier: "Die anonyme Geburt und Schwangerschaftsbegleitung ist ein sehr effektives Mittel, um diesen Frauen in ihrer schwierigen Situation zu helfen und sie vor, während und nach der Geburt medizinisch und psychosozial zu betreuen."

Bis zu fünf Jahre Gefängnis

Der Neonatizid ist in Österreich nach dem Strafrecht ein "privilegiertes" Tötungsdelikt mit im Vergleich zu anderen vorsätzlichen Tötungsdelikten reduziertem Strafrahmen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren Gefängnis. Er wird angewendet für eine "Mutter, die das Kind während der Geburt oder solange sie noch unter der Einwirkung des Geburtsvorgangs steht, tötet."

Die Studie wurde im Themenheft der "Archives of Women's Mental Health" zum Thema "Kindstötung" publiziert.

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