Spiritualität von

Mystik zwischen
Humbug und Lebenshilfe

Scharlatane, die das Geld aus der Tasche ziehen wollen, oder echte Unterstützung?

Meditation © Bild: Thinkstock

Bäume umarmen, Astrologie oder Kinesiologie - das Feld der spirituellen Methoden ist weitläufig. Die einen schwören darauf, die anderen halten gar nichts davon. Ist Mystik einfach nur Humbug? Oder kann sie eine echte Lebenshilfe sein? Fragen, denen die Beststeller-Autorin Pamela Obermaier in ihrem neuen Buch "Gummibärchen für die Seele" auf den Grund gegangen ist. Die bodenständige, aber weltoffene Realistin hat zusammen mit ihrer Co-Autorin Gabriele Hasmann zahlreiche Methoden dem Praxistest unterzogen. Wir haben mit ihr über ihre Erfahrungen gesprochen.

Was versteht man unter Mystik, Spiritualität oder Esoterik?
Zur Begriffsdefinition ist zu sagen, dass Mystik an und für sich ein Forschungsgegenstand der Theologie ist und es dabei um Berichte von der Erfahrung einer göttlichen Wirklichkeit geht, aber in unserem alltäglichen Sprachgebrauch und in populärer Literatur steht das Thema „Mystik“ meistens in Beziehung zu religiösen oder spirituellen Erfahrungen. Damit kommen wir zum nächsten Ausdruck: „Spiritualität“ meint eine Form von Geistigkeit als Gegensatz zum rein rationalen Denken. Sie ist aber auch eine spezielle Art der Lebenspraxis und bezeichnet die Auffassung, dass die menschliche Seele ihren Ursprung einer höheren Instanz verdankt. Der dritte wichtige Begriff in diesem Zusammenhang ist „Esoterik“: Dabei handelt es sich um die auf das Innere bezogene Lehre, die seelische und spirituelle Ursachen erforscht. Im alltäglichen Sprachgebrauch benützen die meisten Leute alle drei Bezeichnungen für die selbe Sache, also sie beziehen sich damit eigentlich immer auf einen inneren, spirituellen Erkenntnisweg. Außerdem werden sie alle drei in freier Weise für ein breites Spektrum verschiedenartiger geistiger, übersinnlicher und okkulter Lehren, Weltanschauungen und Praktiken benutzt. Ein verwandter Sammelbegriff ist auch „New Age“. Es geht dabei vorrangig darum, die Existenz von Phänomenen außerhalb des wissenschaftlich Messbaren zu postulieren und sowohl naturwissenschaftliche als auch religiöse Betrachtungsweisen als nicht ausreichend anzusehen, um unsere Welt vollständig erklären zu können.

Warum zweifeln so viele Menschen daran?
Das hat wohl mehrere Gründe: Einerseits sind wir - und damit meine ich uns Menschen im Westen - stark wissenschaftshörig und wachsen damit auf. D.h. wir glauben, was uns logisch erscheint, was uns als logisch erklärt und gezeigt wird. Außerdem unterliegen wir dem Mainstream - und der ist alles andere als spirituell, denn hier geht es hauptsächlich um Leistung, Erfolg und Konsum; und diese Gesellschaft, die wir ja selbst geschaffen haben, ist einfach teilweise recht weit weg vom Spirituellen, weil ja auch kaum Zeit für irgendetwas bleibt in unserem vollgestopften Tagesablauf. Dem gegenüber steht ja aber trotzdem eine zu beobachtende Sehnsucht nach etwas "Größerem", wie wir es sind, weshalb sowohl Religion als auch Spiritualität ja dennoch für die meisten Lebensthemen sind. Und da ist dann aber der nächste Haken: Es gibt wenige attraktive Vorbilder. Denn die meisten Leute, die sich selbst als spirituell bezeichnen, wirken, als wären sie von einem anderen Planeten: Sie sprechen anders, sie reden über völlig andere Themen, sie klingen immer vergeistigt und man hat das Gefühl, nicht mehr am gesellschaftlichen Leben - das ja auch reizvoll ist und trotz seiner Tücken nicht nur Nachteile für uns hat - teilhaben zu können, wenn man sich darauf einlässt, weil bei diesen Personen scheinbar kein Platz mehr für einen "normalen" Beruf und bodenständige Dinge ist. Also halten viele gleich mal die ganze Sache für Humbug, weil deren Vertreter oft so abgehoben wirken. Und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass es auf dem Gebiet der Esoterik einfach ganz viele Scharlatane und schwarze Schafe gibt, und zwar einerseits Menschen, die sich und ihre Fähigkeiten überschätzen, obwohl sie sie noch gar nicht gut ausgebildet haben, die sich der Verantwortung anderen gegenüber nicht bewusst sind, eigentlich nur Gutes tun wollen, aber dennoch Gefährliches fabrizieren - da denke ich an selbsternannte Rückführer, die ihre Klienten mit den Erlebnissen völlig allein lassen, weil ihnen auch der Background fehlt, sie psychologisch aufzufangen -, und andererseits gibt es leider sogar solche, die selbst nicht von dem überzeugt sind, was sie verkaufen, aber einen Weg gesucht haben, mit wenig Aufwand Geld zu verdienen - und "Opfer" gibt es genug, die dadurch zu schaden kommen. Insgesamt machen es diese Erfahrung und unsere Sozialisation also nicht unbedingt einfach, sich dafür zu öffnen und dennoch ein vernunftbegabtes Wesen zu bleiben, sag ich jetzt mal überspitzt.

Pamela Obermaier
© Gerhard Kunze

Ist alles Humbug?
Nein, natürlich ist nicht alles Humbug. Und ich denke, dass man mit Intuition und Hausverstand (nicht zu verwechseln mit wissenschaftlicher Logik) in Wahrheit recht schnell erkennt, was Blödsinn ist und wo wirklich etwas dran ist. Außerdem ist auch für jeden etwas anderes noch annehmbar oder schon zu abgehoben - eine allgemein gültige Wahrheit gibt es also de facto nicht.

Aber gibt es Praktiken, die Sie tatsächlich als fragwürdig bezeichnen würden?
Ja, die gibt es. Doch sind es unterm Strich nicht die Praktiken, sondern deren Anwender, die fragwürdig sind. Alles Methoden, die ich kennengelernt habe, haben einen guten Kern, ein positives Ziel, eine mehr oder weniger sogar logisch nachvollziehbare Strategie und Vorgehensweise. Aber es reicht halt nicht, ein Buch zu lesen oder ein Wochenendseminar zu machen, um sich auf diese Verfahren voll einzulassen, sie gänzlich zu begreifen und weitergeben zu können. Besonders bei Familienaufstellungen oder Rückführungen ist daher nach meiner Erfahrung wirklich Vorsicht geboten, von wem man sich da betreuen oder behandeln lässt, damit es einem danach nicht schlechter als vorher geht.

Und welche Bereiche sind wissenschaftlich bestätigt?
Ich glaube, dass hier schon der Hund begraben ist: Spiritualität und Wissenschaft vertragen sich auf den ersten Blick nicht so gut. Darum würde ich mir selbst auch nicht die Frage stellen, was davon einen wissenschaftlich bestätigten Wirkungsgrad hat - obwohl wir sie der Vollständigkeit halber im Buch sehr wohl für jede einzelne getestete Methode beantwortet haben und es durchaus Bereiche gibt, wo beides ineinandergreift: Stichwort Quantenphysik - aber ich finde, es geht bei alternativen Heilmethoden, Naturheilkundeverfahren und sogenannten esoterischen Prakitken mehr um das subjektive Erleben und Erfahrbare denn um das objektiv Erklärbare. Anders gesagt bzw. als Frage zurück: Wenn mir etwas gut tut, es gleichzeitig auch niemand anderem schadet und es mir hilft, mit Problemen klarzukommen, mich in der Hektik des Alltags zu entspannen oder einfach nur wohlzufühlen, ist es dann wirklich so wichtig, was die Wissenschaft dazu sagt? :-)

Sie und Ihre Co-Autorin haben für das Buch "Gummibärchen für die Seele" zahlreiche Praktiken getestet. Welche Methoden haben Sie persönlich überzeugt oder beeindruckt? Und warum?
Auf Anhieb kann ich da Reiki, die Kinesiologie und Familienaufstellungen nennen - das sind Dinge, die gut zu mir und meiner Persönlichkeit passen und mir besonders gefallen. Das liegt die Kinesiologie und Aufstellungen betreffend sicher am psychologischen Hintergrund und daran, dass bei diesen Methoden der Verstand mal abgelegt oder gar ausgetrickst wird, was für jemanden, der alles hinterfragt und über Dinge ewig grübeln kann, befreiend und erfrischend ist. Und Reiki ist etwas so Einfaches und irgendwie logisch Nachvollziehbares, weil sich jedes Kind automatisch die Hand auf eine Wunde oder eine schmerzende Körperstelle legt. Doch auch die anderen Dinge, die ich ausprobiert habe, haben mich positiv überrascht und ich kann mir durchaus vorstellen, bei körperlichen Beschwerden zusätzlich zu einer medizinischen Behandlung auch Body Talk oder Lithographie zu Rate zu ziehen, bei Entscheidungsschwierigkeiten einen Blick in mein persönliches Horoskop zu werfen oder eine neue Wohnung durch die Augen des Feng Shui anzuschauen und nach dessen Richtlinien einzurichten, nachdem ich sie mittels eines Clearings von alten Energien habe befreien lassen. Diese Dinge sind spannend, machen Spaß, geben ein gutes Gefühl und sorgen dafür, dass man sich mal mit ganz anderen Begebenheiten beschäftigt, was den Horizont nur erweitern kann.

Gibt es etwas, das Sie nie wieder ausprobieren oder mitmachen möchten?
Von den Methoden her fällt mir nichts ein, das ich grundsätzlich ablehne, aber ich würde nie etwas von einer Person an mir ausprobieren oder machen lassen, bei der ich den Eindruck habe, dass sie nicht vertrauenswürdig und kompetent ist, nicht weiß, wovon sie spricht oder was sie tut oder bei der meine Alarmglocken schrillen, auch wenn ich nicht genau weiß, warum.

Sind Sie auf spirituelle Methoden gestoßen, die Sie getestet haben und die tatsächlich funktionieren, bei denen Sie sich aber beim besten Willen nicht erklären können, woran das liegt?
Ja, nach einer Theta-Healing-Behandlung gab es tolle Entwicklungen in meinem Leben, aber der skeptische Anteil in mir sagt, dass das natürlich einfach nur purer Zufall sein kann und das auch ohne diese Methode geschehen wäre, obwohl der Experte sehr gut erklären kann, wie das zustande kommt.

Pamela Obermaier
© Gerhard Kunze Obermaier landete mit ihrem Buch "Seitensprung" in den Beststeller-Listen.

Wissenschaftlich bestätigt oder nicht - wie findet man als "Suchender" das richtige spirituelle Feld und vor allen Dingen einen vertrauenswürdigen Profi?
Ich hoffe, durch unser Buch ;-) Im Ernst: Weil es eben wirklich schwierig ist, einen guten Überblick zu bekommen, ist das Buch überhaupt als Idee entstanden. Man kann sich hier in einem Nachschlagewerk informieren, was es alles gibt, wofür was gedacht ist, welche Methode wobei helfen kann, wo die Grenzen der einzelnen Praktiken liegen, wie sie funktionieren etc. - da sollte man dann schon mal so ein Gefühl dafür bekommen, was einen reizt und was einem gar nicht gefällt. Und im Anhang haben wir vertrauenswürdige Verteter der einzelnen Methoden vorgestellt, zu denen es auch Kontaktdaten gibt. Ansonsten ist eine intensive Recherche sicher ratsam bzw. sich jemanden empfehlen zu lassen von einer Person, die man gut kennt und der man vertraut, denke ich.

Oft reagiert auch das Umfeld recht skeptisch - haben Sie einen Tipp, wie man bodenständigen Realisten in der Familie oder im Freundeskreis erklären kann, dass man neuerdings Bäume umarmt oder der Kinesiologie vertraut?
Ich glaube, einen Baum zu umarmen wie Kinder das ganz intuitiv aus einem Impuls heraus machen, ist ja nichts, wofür man sich genieren müsste, und Kinesiologie ist eine weltweit anerkannte Methode. Aber wenn das nur Hausnummern waren, möchte ich dazu raten, den betreffenden Personen entweder unser Buch zu schenken, damit sie am selben Stand sind oder ihnen einfach nichts davon zu erzählen und sich damit zu ersparen, dass man in einen Rechtfertigungs- oder Erklärungsmodus gerät, denn ganz ehrlich: Es muss ja nicht jeder im Umkreis wissen, was man macht - kleine Geheimnisse darf sich doch jeder bewahren! ;-)

Nachdem Sie sich so lange Zeit mit der Recherche spiritueller Methoden beschäftigt haben - was würden Sie überzeugten Skeptikern gerne sagen?
"Skepsis ist gesund und Hinterfragen bringt uns weiter und schützt uns - also bleibt ruhig skeptisch! Ihr müsst auch nichts von all dem ausprobieren, wenn es Euch ohne auch gut genug geht, aber bitte versucht niemanden zu missionieren, was Eure Ablehnung und negative Haltung betrifft - wie Ihr auch umgekehrt nicht missioniert werden wollt!" Und wenn einer nicht einfach nur blöd reden will, sondern offen für meine Meinung ist, würde ich ihm sagen: "Probier's aus! Jede Erfahrung macht uns doch irgendwie klüger und das Leben bunter!"

Gummibärchen für die Seele
© Goldegg Verlag

Mehr zum Thema finden Sie in "Gummibärchen für die Seele" von Pamela Obermaier und Gabriele Hasmann, erschienen im Goldegg Verlag, 16,95 €

Mehr über Pamela Obermaier auf www.textsicher.at.

Kommentare

Oberon

Von Esoterik halte ich überhaupt nichts. Ich stehe nicht darauf, mir das Gehirn mit heile-Welt-Geflüster vernebeln zu lassen. Positiv denken, auch wenn alles in Scherben liegt, und
das nur, um die Realität als ideal anzusehen.

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