Diabetes-Patienten hoffen auf "Exenatide":
Neues Medikament macht Insulin überflüssig

Experte spricht von "Durchbruch nach 100 Jahren" Positiver Nebeneffekt: Wirkstoff reduziert Gewicht

Diabetes-Patienten hoffen auf "Exenatide":
Neues Medikament macht Insulin überflüssig

Patienten mit Diabetes Typ-2 können nun auf eine Alternative zu Insulin zurückgreifen. Das neue Medikament "Exenatide" des Pharmaunternehmens Eli Lilly und Amylin Pharmaceuticals verspricht große Vorteile gegenüber bisherigen Behandlungsmethoden. Von einem "großen Erfolg" und einem "Durchbruch, der hundert Jahre gebraucht hat", sprach der Wiener Diabetologe Guntram Schernthaner (Krankenanstalt Rudolfstiftung) bei einer Pressekonferenz im Wüstenhaus des Tiergarten Schönbrunn in Wien.

Bei Typ-2-Diabetes-Erkrankungen kommt es zu einer gestörten Bildung und Freisetzung von Insulin. "Normalerweise wird bei der Aufnahme von Nahrung die Zuckerausschüttung im Körper unterdrückt, das kann ein Patient mit Diabetes Typ-2 nicht, und der Zuckerspiegel steigt extrem an", sagte Fachkollege Hermann Toplak von der Grazer Medizinischen Universitätsklinik. In der Forschung bisher wenig beobachtet ist laut Schernthaner aber die Wirkung des Darmhormons Glucagon-like Peptide 1 (GLP-1). Es stimuliert die Insulinproduktion, wenn der Blutzuckerspiegel steigt, verhindert nach Mahlzeiten die Freisetzung von Glukose aus der Leber und hemmt den Appetit. Diabetes-mellitus-Typ-2-Patienten schütten aber zu wenig GLP-1 aus.

Medikament reduziert Unterzuckerungs-Gefahr
Das neue Medikament "Exenatide" enthält den Eiweißstoff Exendin-4, der dem GLP-1 sehr ähnlich ist. Es ist für Patienten konzipiert, die ihren Blutzuckerspiegel mit Tabletten nicht mehr in den Griff bekommen. Das Medikament senkt den Blutzucker sowie den für Diabetiker bedeutenden Langzweitwert HbA1c, der eine langfristige Aussage über die Blutzuckerlage geben kann. Im Gegensatz zu dem bisher in diesen Fällen verabreichten Insulin, gibt "Exenatide" dem Körper nur "so viel Insulin, wie er braucht", sagte Toplak. Dadurch sei die Gefahr an Unterzuckerung deutlich geringer und häufige Blutzuckermessungen würden wegfallen.

Positver Nebeneffekt: Gewichtsreduktion
Zusätzlich hätten Patienten im Vergleich zu einer Insulintherapie sogar an Gewicht abgenommen, statt zugenommen, berichtete Schernthaner. Außerdem soll "Exenatide" laut dem Experten - anders als Insulin - die Krankheit im Laufe der Jahre abschwächen. Langzeitstudien dazu gibt es nicht, die US-Gesundheitsbehörde FDA hat das Medikament erst 2005 zugelassen. Weltweit verwenden 700.000 bis 800.000 Menschen "Exenatide", so Schernthaner, es wird subkutan zusammen mit oralen Medikamenten verabreicht. Er konstatiert, dass die Therapie mit GLP-1 zur "Standardtherapie weltweit" werden wird. Als Nebenwirkung führt der Diabetologe Übelkeit an, diese verschwinde aber bei 90 Prozent der Patienten nach einiger Zeit. Das Medikament ist in Österreich noch nicht krankenkassenfinanziert.

Spucke von der Krustenechse
Grund für die ungewöhnliche Örtlichkeit der Pressekonferenz, das Wüstenhaus im Tiergarten Schönbrunn, ist die ursprüngliche Herkunft des Eiweißstoffes Exendin-4. Er wurde Anfang der 90er Jahre im Speichel der nordamerikanischen Krustenechse, dem "Gila-Monster", gefunden. Aus diesem Grund schenkt das Pharmaunternehmen Eli Lilly dem Tiergarten zwei der vom Aussterben bedrohten Tiere. Das Pärchen "Gluko und Sugar" soll den Bestand der einzigen giftigen Echsenart der Welt weiter sichern. (APA/red)