Onlinehandel von

"Schnauze, Alexa!" -
und weg mit Amazon?

Onlinehandel - "Schnauze, Alexa!" -
und weg mit Amazon? © Bild: Getty Images

Zuerst lassen wir Einkaufsstraßen veröden, dann zahlen wir auch noch Geld dafür, dass wir uns eine Superwanze ins Wohnzimmer stellen können. Überwachung, aber freiwillig? Nein, Amazon lässt grüßen! Der Autor Johannes Bröckers kritisiert in seinem neuen Buch "Schnauze, Alexa! - Ich kaufe nicht bei Amazon" die Dominanz des Online-Händlers. Wir haben bei Bröckers nachgehakt.

Amazon, der böse Online-Händler. Trägt unser aller Faulheit im Endeffekt nicht Mitschuld am kometenhaften Aufstieg des Konzerns?
Johannes Bröckers: Anscheinend reichen ein paar Sonderangebote und ein bequemer Lieferservice aus, um unser kritisches Bewusstsein zu sedieren. Wenn uns die gebratenen Tauben ins Haus fliegen, warum sollen wir noch auf die Jagd gehen. Die smarte Welt bedient den Hang zur Trägheit, der uns Menschen eigen ist. Aber wir müssen uns klar machen, dass wir für jeden neuen Service mit einem Stück an unbeobachteter Privatheit und Freiheit bezahlen.

»Schon heute verfügt Amazon über eine beängstigende Macht. Mit jedem Einkauf stärken wir dieses System weiter.«

Ein autonomer Staubsauger, der meine Wohnung reinigt, ohne dass ich ihm hinterherlaufen muss, ist doch toll – aber warum muss dieser Staubsauger gleichzeitig meine Wohnung ausmessen und diese Daten an Dritte versenden? Ein cloudbasierter Voiceservice wie Alexa kann ja – zum Beispiel für ältere Menschen – eine hilfreiche Haushaltshilfe sein, aber warum muss Alexa wie eine Superwanze jeden Befehl aufzeichnen den ich ihr gebe? Schon heute verfügt Amazon über eine beängstigende Finanz-, Markt- und Datenmacht. Und mit jedem Einkauf stabilisieren und stärken wir dieses System weiter.

Könnte man nicht umgekehrt auch formulieren, dass Amazon gar nicht so besonders ist, sondern die anderen einfach nur verschlafen haben und/oder schwach sind?
Ob Jeff Bezos, ob Mark Zuckerberg mit Facebook oder die Google Gründer Larry Page und Sergey Brin – sie alle waren Anfang der 90er Jahre, als es mit dem Internet so langsam los ging, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und haben die Chancen der digitalen Möglichkeiten früh erkannt. Und weil es in dieser neuen Welt des eCommerce keinerlei Spielregeln gab und bis heute kaum gibt, haben alle diese Unternehmen eine marktbeherrschende Position erobert.

In unserer analogen Welt wäre hier längst das Kartellamt eingeschritten, aber das gibt es in der digitalen Welt nicht und deshalb hat sich hier eine neue Form des Überwachungskapitalismus entwickelt, in dem wir unsere Bürgerrechte aufgeben. Wir werden zu gläsernen Konsumenten degradiert und dürfen in dieser smarten wie komfortablen Welt gerne mitspielen – aber natürlich nur, solange wir bezahlen können. Wer pleite ist, muss leider draußen bleiben.

Wie durchbricht man die Kette der Bequemlichkeit, bei Amazon zu bestellen?
Wer mit dieser Entwicklung nicht einverstanden ist, muss und kann handeln. Niemand zwingt uns bei Amazon eizukaufen.

Kaufen Sie online ein? Falls ja, gibt es einen bevorzugten Händler?
Klar kaufe ich auch online ein. Das hängt ganz davon ab, was ich gerade brauche und wo es zu finden ist. Ich habe allerdings keinen bevorzugten Händler. Und nur weil ich ein Unternehmen wie Amazon kritisiere bin ich weder technologiefeindlich noch wünsche ich mir eine Zeit ohne Internet zurück. Aber wir müssen uns dringend ein paar grundsätzliche Gedanken machen, wie wir die Digitalisierung und den eCommerce gestalten, denn wenn wir nicht aufpassen, landen wir – schneller als wir es selbst begreifen – in einer neuen Art von Überwachungskapitalismus.

Deshalb ist Amazon ein gutes Beispiel. Der „Allesverkäufer“ als der sich Amazon-Gründer Jeff Bezos selbst gerne bezeichnet ist auf dem Weg zum Allesbeherrscher und Alleswisser über unser Leben zu werden. Wollen wir uns wirklich auf eine digitale Zukunft einlassen, die von wenigen Monopolunternehmen gelenkt und organisiert wird, die dabei totalitäre Überwachungsmethoden anwenden? Das ist eine zentrale Frage, auf die wir Antworten finden müssen.

»Wir müssen runter vom Sofa und den trägen Hintern hoch kriegen«

Welches Gegengewicht zu Amazon wäre Ihrer Ansicht nach sinnvoll und woher sollte es kommen?
Ganz klar, wir müssen runter vom Sofa und den trägen Hintern hoch kriegen. Wir als Bürger und Konsumenten müssen die Spielregeln selbst und neu definieren. Wir müssen uns klar machen, was die Digitalisierung mit uns, unserer Gesellschaft und Demokratie macht und wie wir das in Zukunft regeln wollen. Digitalisierung ist vielleicht am wenigsten eine Frage der Technologie, es geht darum, wie wir unsere demokratischen Bürgerrechte verteidigen und weiter entwickeln können.

Holen sich Leute mit Alexa versehentlich einen Spion nach Hause oder trauen Sie heutigen Konsumenten zu, dass sie das wissentlich tun?
Es fehlt sicher an Problembewusstsein, aber eben auch an Aufklärung. Alexa fragt uns ja nicht ob sie die Befehle aufzeichnen darf, die wir ihr geben. Wenn man die Gebrauchsanweisung bis ins Kleingedruckte liest oder die richtige Einstellung der App findet, kann man die Befehlshistorie von Alexa auch löschen. Bis das passiert, sind die Daten natürlich längst ausgewertet. Der Prozess müsste doch umgekehrt laufen: Wenn ich Alexa installiere, müsste ich doch zunächst einmal ganz offensiv erfahren, welche Daten aufgezeichnet werden, was damit passiert und ob ich damit einverstanden bin. Aber das passiert nicht.

Amazon ist im Grunde genommen nur ein Teilproblem. Das Hauptproblem scheint, dass sich unsere westliche Gesellschaft von der Digitalisierung überrollen lässt, ohne abzuwägen, was Sinn macht und was nicht. Gibt es Ihrer Ansicht nach eine realistische Fluchtoption vor dieser Datenkrake?
Wie schon gesagt, wir müssen uns dringend die Frage stellen, in welcher Gegenwart wir in Zukunft leben wollen. Und der erste Schritt heißt „Schnauze, Alexa!“ und raus mit der Superwanze auf den Elektroschrott.

Welches Bild würden Sie auf Basis der gegenwärtigen Entwicklungen für die Zukunft zeichnen?
Edward Snowden, der den NSA-Skandal aufgedeckt hat, begründete seine Whistleblower-Aktion mit dem Satz: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird.“ Das ist der richtige Ansatz, um die digitale Welt noch mal neu erfinden und die Auswüchse, die sich in den Kindertagen der Netzwelt in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt haben, zu stoppen.

© Westend Verlag

Mehr zum Thema und zu den Erkenntnissen von Johannes Bröckers können Sie im neuen Buch "Schnauze, Alexa! - Ich kaufe nicht bei Amazon" (Westend Verlag, 62 Seiten, ISBN: 978-3-86489-251-6) nachlesen.

© Westend Verlag

Zur Person: Johannes Bröckers, Jahrgang 1960, studierte Germanistik und Europäische Ethnologie in Marburg und arbeitete als Journalist, Texter und Creative Director in der Werbung. 2000 gründete er pleasant_net, das Büro für strategische Beeinflussung. Er lebt und arbeitet als Marketingberater, Autor und Dozent in Frankfurt am Main.