FORMAT ist im Kältelabor mit Ulrich Seidl: Regisseur von "Hundstage" zurück im Kino

Film "Import Export" bekam Einladung nach Cannes Meister abgründiger Miniaturen im großen Porträt

FORMAT ist im Kältelabor mit Ulrich Seidl: Regisseur von "Hundstage" zurück im Kino

Ulrich Seidls neuer Film "Import Export" spiegelt die Lebensrealitäten von Österreich und der Ukraine durch die Augen zweier Arbeitssuchender. Der Autorenfilmer erhielt dafür prompt eine Einladung nach Cannes. FORMAT bat ihn vorab zum Gespräch.

Winter 2006: Klaus Pridnig, Regieassistent von Ulrich Seidl, notiert am 26. Drehtag: "Zweimal sah ich Seidl bei den Dreharbeiten lächelnd und glücklich: einmal, als uns ein Schneesturm während des Drehs in Kosice überraschte und wir kaum noch die Hand vor Augen sahen, ein zweites Mal in der Ostukraine, bei Schneeverwehungen und minus 30 Grad. Während alle an den äußersten Grenzen ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit angekommen waren, war nur einer glücklich: Seidl."

Schon im Vorfeld seines neuen Films lassen Produktionsdetails wie diese aufhorchen. Ulrich Seidl, ein Meister abgründiger Miniaturen, extremistischer Stillleben oder authentischer Alltagstragödien, ist zurück. Wie kaum ein anderer versteht sich der mittlerweile 55-jährige Autorenfilmer darauf, seine Beobachtungen in eine glasklare Bildsprache zu übersetzen. Fünf Jahre nach seinem inszenatorischen Bravourstück "Hundstage", das in Venedig mit dem Großen Preis der Jury honoriert wurde, erlebt Seidls zweiter Spielfilm "Import Export" kommende Woche im Wettbewerb von Cannes eine denkwürdige Premiere. Auch wenn eine solche Nominierung im mittlerweile erfolgsverwöhnten Filmland Österreich scheinbar schon als Selbstverständlichkeit empfunden wird, verdient sie schlicht das Prädikat "sensationell". Aus 1.600 eingereichten Filmen hat die Auswahlkommission 21 Arbeiten destilliert, darunter solche von Gus van Sant, Catherine Breillat oder Emir Kusturica.

Enormer Druck
Ulrich Seidl selbst freut sich - wie sehr, das lässt sich bei dem introvertierten Künstler nur erahnen. Viel Zeit, noch mehr Zeit als sonst, hatte er diesem, seinem vielleicht wichtigsten, Film eingeräumt, hartnäckig über zwei Winter gedreht, zwei Jahre lang geschnitten und sich durch ungeduldige Fragen nach der Fertigstellung nicht aus dem ihm eigenen Arbeitstempo bringen lassen. Die Einladung nach Cannes hat den Filmemacher einer großen Last enthoben: "Der Druck nach, Hundstage' war enorm. Es heißt ja, dass man beim zweiten Film beweisen muss, ob man es kann. Für mich war, Import Export' gewissermaßen mein zweiter Spielfilm, zudem musste ich als Produzent beweisen, dass ich finanziell nicht scheitere." Am Ende wurde es dann doch noch hektisch, um bis zur Eröffnung an der Croisette fertig zu werden. Noch vergangene Woche reiste Seidl nach Bern, wo "Import Export" zuletzt französisch untertitelt wurde, und fand über das Wochenende sogar Zeit für einen Abstecher nach Madrid. Dort widmete ihm einmal mehr ein Festival einen Tribute für sein Schaffen. In Wien wuchs indes die Schlange jener, die noch dringend um Interviews ansuchten. Derzeit, scheint's, ist jeder pro Seidl.

Blick in die Hölle
Das verhielt sich lange anders. Eigentlich gab es kaum eine Seidl-Arbeit, die nicht heftig umstritten war. Ob das der mittlerweile als Klassiker geltende Film "Der Ball" (1982) war, der zum Abgang Seidls von der Wiener Filmakademie führte; ob "Tierische Liebe" (1995) oder "Good News" (1990), der auf unerhörte Weise die elenden Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zeitungskolporteure mit jenen der feisten Wiener Leserschaft der "Kronen Zeitung" verknüpfte. Die Bilder, die Seidl dabei aus dem von routinierter Ignoranz verstellten Alltag freischaufelte, bezeichnete Werner Herzog einmal als regelrechten Blick in die Hölle. Die Proteste gegen Seidls Bilder entzündeten sich dabei ganz heftig an der Frage nach deren Zustandekommen. Hier würde konstruiert und manipuliert, nicht dokumentiert, hieß es dann ganz naiv. Erst mit "Hundstage" haben viele ihren Realitätssinn an der kinematografischen Form Seidls geschärft. Das Stichwort "Konstruktion" dürfte dabei geholfen haben. Im Fall von "Import Export" ist der Regisseur Seidl nun dem Produzenten Seidl gegenübergetreten - und hat versucht, die Grenzen des jeweils anderen neu auszuloten. Mit der Geriatrie Lainz als einem zentralen Drehort dürfte ihm das ganz gut gelungen sein. Welcher Produzent hätte schon zugesehen, wie der Regisseur seines 2,1-Millionen-Euro-Projekts sich ein halbes Jahr lang darauf versteift, im Pavillon 1 eine Drehgenehmigung zu erhalten? Am Ende triumphierte der Regisseur, denn der Produzent hatte einen langen Atem bewiesen.

Geriatrie als spontaner Raum
"Import Export" handelt wie beim Schuss/Gegenschuss mit der Kamera von der gegenläufigen Bewegung zweier arbeitsloser Menschen. Import bezieht sich, so Seidl, "auf eine junge ukrainische Mutter, die mit Internetsex Geld zu verdienen sucht, damit scheitert und in Lainz als Putzfrau zu arbeiten beginnt". Export führt einen gleichaltrigen Mann aus Österreich, der sich durch diverse Jobs nur mühsam über Wasser hält, in die Ukraine. Sein Stiefvater betreibt dort ein Automatengeschäft. "Während der Reise", verrät Seidl, "befreit er sich von seinem Vater."

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