Porträt von

"Ich bin weder Freimaurer,
noch gehöre ich einer Partei an"

Schriftsteller, Regisseur, Produzent: David Schalko, der Allgegenwärtige

David Schalko © Bild: News Herrgott Ricardo

Regisseur, Schriftsteller, Produzent: In Dreifachfunktion hat sich David Schalko als einer der einflussreichsten Intellektuellen des Landes etabliert. Das Porträt eines müden Rastlosen.

Ein Blick auf die laufenden Ereignisse verstärkt den Eindruck, hier befinde sich ein multinationaler Mischkonzern in Hochaktivität. Soeben hat der Schriftsteller David Schalko, 45, unter erheblicher öffentlicher Anteilnahme seinen vierten Roman "Schwere Knochen" auf den Markt befördert. Der Regisseur gleichen Namens dreht als sein eigener Produzent noch bis Ende April für die Sender ORF und RTL den Sechsteiler "M -eine Stadt sucht einen Mörder" und begibt sich damit in tollkühne Konkurrenz zu Fritz Langs Meisterwerk aus dem Jahr 1931, einem Schlüsselwerk der Filmgeschichte. In seiner Eigenschaft als geschäftsführender Gesellschafter der Produktionsfirma Superfilm schließlich befördert Schalko in diesen Tagen den Film "Zauberer" mit Nicholas Ofczarek zum Kinoeinsatz (siehe übernächste Seite). Schalko steht im Ruf, der mächtigste und eigensinnigste Kreative des Landes zu sein. Drei von seiner Firma produzierte "Tatorte" und ein "Landkrimi" brachten Quote und Anerkennung, Bobos entzücken sich über "Willkommen Österreich". Nicht zu reden von Schalkos selbst geschriebenem, produziertem und inszeniertem Achtteiler "Braunschlag", der mit seinen 975.000 Sehern pro Folge nach sechs Jahren schon im Reich der Legende eingemeindet ist. Der Nachfolger "Altes Geld", ein respektvoll kritisierter Quoteneinbruch, verstärkte noch den Ruf des unbeirrbar seiner Wege rasenden Genies: ORF-Direktorin Kathrin Zechner machte darob umgehend sechs Millionen Euro für das Projekt "M" locker. "Wenn man als Ermöglicher davon ausgeht, dass man einen Erfolg zu liefern hat, sollte man in die Schrottindustrie gehen", zürnt Zechner in Beantwortung einschlägiger Vorhaltungen. "Ich will keine serielle Mittelmäßigkeit! Der David ist machtvoll, weil er Wege beschreitet, die nie zuvor einer beschritten hat. Ich habe zu den Angstfreien eine tiefe Liebe und Verehrung."

Prinzip Selbstausbeutung

Der libidinös Verehrte erweckt beim Gespräch im Sacher den schon institutionalisierten Eindruck, kaum die Augen offen halten zu können. Masche? Tarnung eines Machtapparats?"Müde", berichtigt er, um dann das Prinzip Schalko zu skizzieren. Macht? Keine Spur. "Wir sind eine kleine, mittelständische Firma. Die großen Mehrteiler sind ein Nullsummenspiel und machen erst im DVD-Verkauf Gewinn. Ohne ,Willkommen Österreich' ginge es sich gar nicht aus. Der Kuchen im Land wird immer kleiner, und immer mehr Leute streiten sich um ihn. Es gibt kaum Möglichkeiten, aus dieser Zange herauszukommen." In der Tat ist Superfilm mit 35 Bediensteten und 135.000 Euro Bilanzgewinn (2016) ein Branchenzwerg, vergleicht man ihn etwa mit Kurt Mrkwickas MR-Film, die mit 106 Beschäftigten, vier Millionen Bilanzgewinn und dem deutschen Mitbesitzer Beta-Film unter anderem die "Vorstadtweiber" verantwortet.

"Selbstausbeutung" sei das Prinzip, sagt Schalko und nennt als Lebenskomplizin seine Ehefrau Evi Romen, die Mutter der beiden gemeinsamen Töchter. Sie schreibt mit ihm die Drehbücher und verantwortet den Schnitt. Sechs Millionen für den Sechsteiler "M" sind da nicht überbudgetiert, rechnet er vor: Großprojekte wie " Babylon Berlin "(Sky, ARD) hätten 2,5 Millionen Euro pro Folge zur Verfügung. Ist es also das Netzwerk, mit dem er sich kühn über die Branchenabgründe schwingt?"Ich habe kein Netzwerk", wehrt er ab. "Ich bin weder Freimaurer, noch gehöre ich einer Partei an. Ich kannte vor 15 Jahren noch keinen Menschen beim Fernsehen." Aber? "Ich lebe davon, dass Leute an mich glauben", sagt er und nennt neben Zechner den ORF-Spielfilmchef Heinrich Mis und den früheren ORF-Intendanten Reinhard Scolik, heute Chef des Bayerischen Fernsehens und dafür verantwortlich, dass sich Produzent Schalko mit dem Kabarett-Format "Ringlstetter" ein weiteres regelmäßiges Auskommen samt kleinem Büro in München schaffen konnte. Ein weiterer Garant, "dass es übernächstes Jahr noch weitergeht", sagt Schalko.

"Es wird immer schwieriger, Überzeugungsarbeit zu leisten, damit man etwas machen kann, das nicht der klassische Quotenbringer ist. Dazu fühlt sich das Fernsehen gar nicht mehr verpflichtet, weil es zusehends verflacht. Und das, obwohl es Netflix gibt. Wobei allerdings auch Netflix zunehmend verflacht", umreißt er das Dilemma. "Die Angst vor Nicht-Erfolg ist beim Fernsehen extrem hoch, was bei den Öffentlich-Rechtlichen ein bisschen absurd ist, weil es ja Gebühren gibt. Es geht immer um Relevanz, aber die wird über Quoten definiert, weil man mehr den Zahlen vertraut als dem inneren Drang, zu erzählen. Aber nur diese Dringlichkeit ist relevant."

War der Quoteneinbruch für "Altes Geld" eine Enttäuschung? "Nein. Ich war zwar enttäuscht, dass es sich weniger Leute angesehen haben, als man gedacht hatte. Aber letztlich hat das Gefühl überwogen, dass man etwas probiert hat, das für einen selber neu war. Ich fand es künstlerisch interessant, deswegen habe ich es gemacht. Das Gefühl des Gelingens ist mehr ein Gefühl des Erfolgs als ein quotenmäßiger Erfolg, von dem ich selber weiß, dass er Mist ist. Bevor ich Mist produziere, gehe ich lieber zum Billa, Regale schlichten."

Dieses Schicksal blieb allerdings von Anfang an Theorie, denn Schalko kommt aus der behüteten Welt der Döblinger Siebzigerjahre. Vom Vater, Anleihenexperte bei Raiffeisen, wertkonservativ ins katholische Privatgymnasium verbracht, begann er gehorsam ein Wirtschaftsstudium und enthob sich damit für ein paar Jahre des Zwangs zum eigenen Broterwerb. Die Ablösung vollzog er "in einer Mischung aus Trinken und intellektuellen Gesprächen". Man inhalierte Sartre und Camus und schärfte sich am Erfolgsmodell Jörg Haider im Widerstand.

Statt sich in Wirtschaftsbelangen zu vervollkommnen, brachte er in einem Kleinstverlag einen Gedichtband heraus und bekam beim heute nicht mehr aktiven Kabelsender W1 die erste Chance. Moderator des von Schalko konzipierten, geschriebenen und in Szene gesetzten Formats "Zap" war der Wirt des Cafés Torberg, Robert Palfrader. Schalko wurde Werbetexter und Sex-Kolumnist, schrieb einen Roman, erfand 2002 für den ORF die beachtete "Sendung ohne Namen" und schlängelte sich sieben Jahre lang unter Mühen in die Branche. "Bis ich 30 war, habe ich von der Hand in den Mund gelebt. Ich dachte nicht mehr, dass es irgendwann einmal in meinem Leben funktioniert." Dass Josef Hader dem reifen Greenhorn 2009 die Regie des Krimis "Der Aufschneider" zutraute, war der karrierebefördernde Moment.

Die Hölle der Geschichte

Der Roman "Schwere Knochen" arbeitet sich mit einer hoch riskanten Geschichte an den Wiener Nachkriegsjahren ab: Es geht um die Wiener Unterwelt, die sich nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reichs auch aus KZ-Überlebenden formierte. Als meist "arische" Kleinkriminelle in die Hölle eingeliefert, vollendeten sie sich im Nazi-Lager zu Schwerverbrechern. Und der kriminelle jüdische KZ-Überlebende Grünbaum? Keineswegs, beeilt sich Schalko zu bemerken, solle der als Provokation verstanden werden. "Natürlich ist die Kriminalität im KZ immer noch ein Tabuthema. Aber ich finde es wichtig, das zu thematisieren. Im KZ gab es eine Art Wolfsgesellschaft, in der jeder sich selbst der Nächste war. Die Polen haben die Russen gehasst, die Russen die Italiener und Spanier. Ganz unten in der Hierarchie standen die Juden, doch auch hier gab es Hierarchien, die deutschen Juden standen über den Ostjuden. Ganz oben standen die Politischen, und die Kriminellen haben für die Nazis die Drecksarbeit gemacht." In die Bordelle, komplettiert Schalko das magenhebende Szenario, wurden Albanerinnen oder politische Guerilla-Kämpferinnen aus dem Frauen-KZ Ravensbrück über die Lager verteilt.

Im Gegensatz dazu führt "M" in eine tendenzielle Vorkriegszeit. Das Original entstand zwei Jahre vor Hitlers Machtergreifung, Schalko verlegt die Ereignisse um den Kindermörder, zu dessen Ergreifung sich die Unterwelt verschwört, in die Wiener Gegenwart. 130 Schauspieler, unter ihnen Lars Eidinger, Moritz Bleibtreu, Udo Kier, Sophie Rois und Bela B (Die Ärzte), lichtern spukhaft durch die Wiener Milieus. "Die Figuren sind so facettenreich geschrieben, dass ein intelligenter Schauspieler sofort weiß, was er spielen muss", rühmt Bleibtreu. Eidinger begeistert sich über die "Sensibilität, Zuneigung und Behutsamkeit" des Regisseurs. Und Bela B greift zu drastischer Metaphorik: "Der Fisch stinkt in jeder Produktion vom Kopf. Bei David duftet er nach Rosen."

Harte Diagnosen

In Analogie zum Original von einer präfaschistischen Gesellschaft zu sprechen, wäre ihm zu banal, sagt Schalko. Eher befände man sich in der postdemokratischen Ära. Die Regierung, in Komplizenschaft mit dem Boulevard, suggeriere ständig "einen potenziellen Ausnahmezustand, um sich selber zu legitimieren, Sicherheitspakete durchzubringen, das Bundesamt für Verfassungsschutz zu durchsuchen. Die FPÖ rüttelt an demokratiepolitischen Säulen." Diese Art Politik, fügt er hinzu, werde in die Filme einfließen, habituell auch ein gewisser Politikertypus. "Am Praterstern stand schon vor acht Jahren täglich die Rettung. Nur geht heute wegen jeder Kleinigkeit eine Pressemeldung heraus, mit der Botschaft, dass ein paar afghanische Flüchtlinge in einer Zweimillionenstadt den Ausnahmezustand herbeiführen. Ob Kurz dabei aktiv ist oder es nur duldet, ist mir relativ egal. Österreich ist ein stabiles Land, aber der ständige Versuch, ein Land zu destabilisieren, ist das Gegenteil von Regierungsfähigkeit."

In diese Kategorie rechnet er auch die "widerlichen" Zugriffsversuche der FPÖ auf den ORF. "Man sollte lieber einmal über die Entpolitisierung des ORF diskutieren, statt ihn zunehmend unter die Fuchtel der regierenden Parteien zu stellen." Und wenn er selbst mit der amtierenden Führung aus dem öffentlich-rechtlichen Kosmos stürzte? Schalko verweist auf etwa 80 Projekte, die in den vergangenen fünf Jahren aus Deutschland an ihn herangetragen wurden. Er hat sie alle abgesagt. Weil er den Dreijahresrhythmus des Schreibens und Drehens und die vom ORF gewährte Freiheit liebt. Nur die nämlich gewährt Zutritt zu dem Land, das in ihm und in dem er zu Hause ist: "Eine Parallelwelt, die in mir existiert und die nicht minder real ist als die Realität. Für mich ist das Geschichtenerzählen ein Organ, das zu mir gehört." Formuliert zur Abwechslung Schalko, der Dichter.