Chronobiologie von

Mehr Rücksicht
auf die innere Uhr

Wer gegen seinen natürlichen Rhythmus arbeitet, gefährdet seine Gesundheit

Chronobiologie - Mehr Rücksicht
auf die innere Uhr © Bild: Thinkstock

Ausreichender Schlaf fördert die Gesundheit und ist die Grundlage für einen produktiven Tag. So weit, so bekannt. Doch ausschlafen alleine ist nur die halbe Miete. Auch wer seine acht Stunden Nachtruhe bekommt, ist dadurch nicht notwendigerweise auf seinem optimalen Leistungsniveau. Wer gegen seine innere Uhr arbeitet, dem helfen auch zwölf Stunden Schlaf nichts.

Während die einen klassische Frühaufsteher sind und um sieben Uhr morgens schon vor Energie strotzen, kommen die anderen vor Mittag kaum in die Gänge, sind aber dafür bis spätabends hoch produktiv. Darauf Rücksicht genommen wird im modernen Arbeitsalltag jedoch noch kaum. Ein Fehler, wie der niederländische Chronobiologe Thomas Kantermann der "Zeit" erklärt.

Denn unsere innere Uhr steuert beinahe jeden Aspekt unseres Lebens. Stoffwechsel, Tag-Nacht-Rhythmus, Stimmungen. Und dadurch logischerweise auch unsere Leistungsfähigkeit. Am besten sollte man seinen Chronotyp, also seine innere Uhr, schon in die Berufswahl miteinfließen lassen. "Bäcker oder Lehrer sollten gerne früh aufstehen", erläutert Kantermann das Offensichtliche – und dennoch zu wenig Berücksichtigte.

Schichtarbeit gefährdet die Gesundheit

Idealerweise sollte man ohne Wecker aufstehen, doch viele arbeiten gegen ihren natürlichen Rhythmus. Denn nur die wenigsten können ihren Alltag derart frei gestalten. Vor allem, wer im 24-Stunden-Schichtdienst arbeitet, etwa im Gesundheitswesen, bei Polizei und Feuerwehr oder auch am Fließband in einer Fabrik, gefährdet oftmals seine Gesundheit. "Das Gesundheitsrisiko von Schichtarbeitern ist deutlich erhöht, und zwar für die meisten Krankheitsbilder, von Schlafproblemen, über Herz- Kreislauferkrankungen bis hin zu Krebs", erklärt Kantermann.

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) versucht man, einen anderen Weg zu gehen. Natürlich muss auch im öffentlichen Verkehr einer Großstadt rund um die Uhr gearbeitet werden. Doch die BVG versucht ihren Mitarbeitern zu ermöglichen, gemäß ihrer Bedürfnisse, ihrer inneren Uhr zu arbeiten. Zwischen vier "Dienstlagen" können die BVG-Mitarbeiter wählen, Früh-, Tag-, Spät- und Nachtdienst. So weit möglich, werden die Wünsche bei der Dienstplanerstellung berücksichtigt. Freilich funktioniert auch dieses System mit Einschränkungen, so gibt es etwa eine Warteliste für die Frühschicht. Dennoch ist die Akzeptanz sehr hoch. "Unsere Mitarbeiter sind deutlich zufriedener mit diesem System, denn die meisten arbeiten zu ihren Wunschzeiten", sagt BVG-Betriebsärztin Manuela Huetten zur "Zeit".

Keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder

Anderswo ist man noch lange nicht so weit, etwa in Schulen. So unterschiedlich die Takte der inneren Uhren auch sind, in der Pubertät verschieben sich die Schlafphasen fast aller Jugendlicher deutlich nach hinten. Warum das so ist, wisse man nicht, sagt Chronobiologe Kantermann. Doch aus unserer eigenen Schulzeit wissen wir noch, dass der Großteil der Klasse in den ersten Stunden sicherlich noch nicht den Höhepunkt ihres Leistungsniveaus erreicht hat. Dennoch orientiert sich der Schulbeginn nicht im Geringsten an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen sondern an denen der Eltern. Die haben meist selbst einen engen Zeitplan, der es nicht erlaubt, den Schulbeginn plötzlich um mehrere Stunden nach hinten zu verschieben.

Für die Kinder wäre das aber ein Segen. Kantermanns Kollege Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum der Psychiatrischen Klinik Regensburg bezeichnet es etwa als "seelische Grausamkeit", Kinder morgens um sieben aus dem Bett zu werfen. Und auch die Leistungsfähigkeit sinkt dadurch rapide. "Wir selbst und Kollegen weltweit haben Studien dazu gemacht. Je später der Chronotyp, desto schlechter sind die schulischen Leistungen", sagt Kantermann.

Prüfungszeiten anpassen

Zumindest die Prüfungszeiten sollten angepasst werden, regt der Chronobiologe an. Nicht ohne Grund: Im Februar veröffentlichte zum Beispiel Kyla Wahlstrom von der University of Minnesota die Ergebnisse einer Studie, für die 9.000 Schüler von acht Schulen in drei US-Bundesstaaten begleitet wurden. Fazit: Durch den späteren Unterrichtsbeginn verbesserten sich die schulischen Leistungen bei Standardtests. Dazu kam, sozusagen als Nebeneffekt, eine Verringerung der Autounfälle mit Teenagern um 65 bis 70 Prozent.

Die Vereinigung der amerikanischen Kinderärzte fordert nun einen späteren Schulbeginn. Alle US-Schulen für 10- bis 18-Jährige sollten ihren Unterrichtsbeginn auf 8.30 Uhr verschieben, fordert die "American Academy of Pediatrics". "Alles ist besser als acht Uhr", sagt auch Russell Foster von der Universität Oxford. "Auch 8:30 Uhr ist ein Anfang, zehn Uhr wäre noch viel besser."

Tageslicht statt Powernap

Bis sich die Schul- und Arbeitszeiten der breiten Masse nach ihren eigenen Bedürfnissen richten, wird es jedenfalls noch etwas dauern. Bis dahin bleibt uns nur die Möglichkeit, die Gegebenheiten zu akzeptieren – oder uns eine neue Betätigung zu suchen. Powernaps, also kurze Mittagsschläfchen, sind laut Kantermann übrigens keine Lösung. "Ich empfehle, lieber die Mittagspause draußen an der frischen Luft zu verbringen und Sonnenlicht zu tanken", lautet der Tipp des Experten für Immermüde.

Kommentare

Solange die "Experten" diametrale Empfehlungen abgeben - die Einen sind für den Mittagsschlaf, die Anderen für Frischluft und Sonne - sollte man am System nix ändern, denn was ist nun richtig? Jeder soll das machen, was für ihn besser ist!

Oft sind die Umstellungszeiträume zu kurz und der Körper kennt sich einfach nicht mehr aus. Bei längeren Phasen stellt sich das innere System um. Jeder der lange im Schichtbetrieb gearbeitet hat kennt dieses Problem.

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