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Andreas Herzog: Der
Teamchef der Herzen

Sport - Andreas Herzog: Der
Teamchef der Herzen © Bild: Ricardo Herrgott

Andreas Herzog galt als hochsensible Diva. Doch seit er als Israels Nationalcoach Erfolge feiert, ist er auch in der Heimat plötzlich wieder so etwas wie Teamchef der Herzen.

Sensibelchen. Mimose. Mamasöhnchen. Die Klischees, die diesem Andreas Herzog über Jahrzehnte hinweg anhaften, sind hartnäckig wie ein Manndecker. Und eigentlich ist es der Kerl, der den tödlichen Pass in die Tiefe, den Freistoß aus der Distanz, das Einsgegen-eins in der Vorwärtsbewegung beherrschte wie kaum ein anderer österreichische Fußballer vor und nach ihm, allmählich leid, sich ihretwegen immer und immer wieder rechtfertigen zu müssen. "Was soll's? Mit den Vorurteilen habe ich zu leben gelernt", sagt er.

Worte wie ein scharfer Schuss

Ja, er wollte österreichischer Teamchef werden. Nicht ein Mal, zwei Mal. Und ja, er hat das auch klar und deutlich gesagt, anstatt aus einer gesicherten Defensive heraus herumzudrucksen und herumzutricksen. Und als er dann zwei Mal überspielt wurde - ein Mal zugunsten von Marcel Koller, ein Mal zugunsten von Franco Foda - zog er schließlich aus vollem Lauf ab: "Verarschen kann ich mich selber auch! Der Herr Windtner kann meine Telefonnummer löschen."

Dazu muss man wissen, dass der Herr Windtner, Vorname Leo, Präsident des Österreichischen Fußballbundes ist und so dem mächtigsten Männerbund nach den Freimaurern vorsteht.

Sei es drum, Herzog, der 50-jährige Urwiener, löste sich von seinem Österreich-Trauma und wurde dennoch Teamchef. Ein Mal fast, als langjähriger Assistent von Jürgen Klinsmann in Amerika. Und ein Mal ganz, als Chefcoach der israelischen Nationalmannschaft: In der aktuellen EM-Qualifikation rangiert er -zumindest bis Freitagabend - auf dem komfortablen zweiten Platz seiner Gruppe, in deren unteren Gefilden - Ironie des Zufalls -auch das bis dahin noch punktelose Österreich aufscheint. Das erste direkte Duell zwischen Herzogs aktuellem Team und Herzogs Ex-Team, für das er als Aktiver gezählte 103 Mal auflief, endete im März im Sammy-Ofer-Stadion von Haifa mit 4 :2 für Israel. "Es war ein Sieg von Charakter, Entschlossenheit und Effizienz", jubelte die konservative hebräische Tageszeitung "Jedi'ot Acharonot" über das österreichische Sensibelchen.

»Es war ein Sieg von Charakter, Entschlossenheit und Effizienz«

Und während Herzog in der Heimat auf einmal als eine Art Teamchef der Herzen gehandelt wird, gibt er sich selbst routiniert und abgeklärt: "Mich hat das Ergebnis nicht so sehr überrascht wie viele andere", sagt er. "Denn ich wäre ja ein Volltrottel, wenn ich aus meiner langjährigen internationalen Erfahrung als Spieler und dann als Assistenztrainer nichts mitgenommen hätte."

Er selbst, scheint er damit sagen zu wollen, hat es ja schon immer gewusst. Nun dämmert es eben schön langsam auch den anderen.

Eine Schau des eigenen Ichs

Eine beschauliche Einfamilienhaussiedlung auf einer sanften Anhöhe, südwestlich von Wien. Hier hat sich der zweifache Vater und ausgewiesene Familienmensch Andreas Herzog unweit vom eigentlichen Stammsitz einen kleinen Bungalow mit Garten gekauft und dort sein Büro eingerichtet. Doch eigentlich ist der lichtdurchflutete Hauptraum eher ein Museum der eigenen Karriere: Unmengen an Trikots sind hier gehortet, die er im Laufe der Zeit zerschlissen hat -erst bei der Vienna, dann bei Rapid, später bei Werder Bremen und sogar bei Bayern München und zu guter Letzt auch noch in Kalifornien bei L. A. Galaxy, wo immerhin auch ein gewisser David Beckham seine Laufbahn ausklingen ließ.

Doch auch Gegnertrikots, nach dem Schlusspfiff getauscht, im Schongang gewaschen und sanft gebügelt, stapeln sich hier -eines stammt von einem kleinen, zunächst ebenfalls als filigran verkannten Kerlchen namens Lionel Messi. Und ja, ein Bild von Herzog als Nationalteamkapitän, versinkend in einer Jubeltraube, hängt da auch noch: Oktober 2001, soeben hat er in der Nachspielzeit per Freistoß den Ausgleich geschossen und Österreich so im Rennen um die WM-Qualifikation gehalten - gegen Israel. "Bitte nicht fotografieren", ersucht Herzog. "Das ist eine ganz persönliche Erinnerung."

© Ricardo Herrgott

Wie die meisten anderen Stücke auch. Herzog hat das nicht alles zusammengetragen, um damit zu protzen und gockelhaft wie ein Ausstellungskurator durch diese Schau des eigenen Ichs zu führen. Außenstehende haben hier so gut wie keinen Zutritt. Nein, für Herzog sind das alles eher Versatzstücke des eigenen Selbstwertes. Ein kurzer Rundumblick vom hölzernen Schreibtisch aus reicht, um zu sehen: Ich war was, und ich bin was! Auch wenn der Herr Windtner Herzogs Nummer womöglich wirklich gelöscht hat.

Aber warum? Immerhin war er Assistent von ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger, der ihn direkt vom Spielfeld als zweiten Mann auf die Bank geholt hatte. Dann Trainer des U21-Nationalteams. Und als Co-Trainer des amerikanischen Teams stieß er vor fünf Jahren sogar bis ins WM-Achtelfinale vor: So weit wie kein anderer österreichischer Trainer vor ihm und im Übrigen auch kein Spieler. Herzogs Philosophie: "Ich lasse so spielen, dass ein Herzog gerne mitspielen würde." Und ist es nicht so, dass auch die Deutschen mit Franz Beckenbauer kurzerhand ihren besten Ex-Spieler zum Teamchef machten - und mit ihm Weltmeister wurden?

Nach Amerika kein Altach

Ein Herbert Prohaska hatte noch ohne nennenswerte Trainererfahrung Nationalcoach werden dürfen, ein Hans Krankl ebenso, doch für die Generation eins nach Cordoba sollten unter dem Druck der veröffentlichten Meinung und medienhöriger Funktionäre plötzlich andere Regeln gelten. Und so wurde Herzog zum Vorwurf gemacht, dass er nach seinem Engagement als Klinsmann-Vize nicht einfach das Angebot des heimischen Bundesligisten Altach angenommen hatte, um sich aus den Niederungen der heimischen Liga hochzudienen. Was für eine Überheblichkeit!

»Hätte ich aus meiner langjährigen internationalen Erfahrung nichts mitgenommen, wäre ich ein Volltrottel«

"Dabei habe ich doch nur wegen meiner Familie abgesagt", erklärt Herzog. Schurli, habe er zu Altachs Sportdirektor Georg Zellhofer gesagt, Schurli, ich kann jetzt einfach nicht. Durch das langjährige Pendeln zwischen Amerika und Österreich sei er über Jahre hinweg nie über eine längere Phase daheim gewesen, zudem habe ihn das transatlantische Pendeln gerade in den Wintermonaten krankheitsanfällig gemacht. Und so hat die vermeintliche Diva, was kaum wer weiß, statt in Altach ein Jahr lang als Trainer des niederösterreichischen Landesausbildungszentrums in der Südstadt Station gemacht -und dort Schüler gecoacht. Bis der Anruf aus Israel kam.

© APA/Picturedesk/Robert Jäger

Andreas Herzog, der Spieler, hasste Waldläufe und Krafteinheiten. Andreas Herzog, der Spieler, bat die Rapid-Offiziellen, doch bei seiner Mama vorzusprechen, ob er mit den Profis mit ins Trainingslager dürfe. Damals war er 18 und stand knapp vor der Matura, doch die Ankedote hielt sich und prägte langfristig sein Image. "Es stimmt schon, dass Kreative sensibler sind", sagt Herzog heute. "Schließlich müssen sie ja auch Außergewöhnliches leisten: Einen Superpass zu spielen ist nun einmal schwieriger, als dem Gegner den Ball abzunehmen." Deswegen will er auch jetzt die Kreativen fördern, anstatt sie in immer engere Korsetts zu zwängen. "Vielleicht gehe ich da mehr Risiko als andere."

Verformt und geschliffen

Mehr Risiko nimmt er auch, wenn es darum geht, die Schablonenhaftigkeit des durch und durch kommerzialisierten Systems Fußball zu kritisieren: Kicker, die durch Persönlichkeitsentwickler und Interviewcoaches bis zur Unkenntlichkeit verformt und geschliffen sind, machen ihn skeptisch. Wenn etwa ein Spieler nach einem entscheidenden Tor behauptet, das sei ihm ja üüüberhaupt nicht wichtig, weil der Star die Mannschaft sei, läuft Herzog so richtig unrund: "So ein Blödsinn, natürlich ist ihm das wichtig, dafür trainiert er doch." Nein, solche aalglatten Typen möge er nicht. Und: "Wenn das die Zukunft des Fußballs ist, dann spiele ich in dieser Zukunft keine Rolle mehr."

Doch noch ist lange nicht Zukunft, noch ist Gegenwart: Und in der Gegenwart steht Herzog mit seinem israelischen Team auf Rang zwei seiner Qualifikationsgruppe und Österreich in derselben Gruppe auf Rang fünf. Noch hat Österreichs Teamchef Franco Foda seinen Job, doch nach der Niederlage gegen Israel wurden bereits erste Ablösegerüchte laut. Und: Noch hat ÖFB-Präsident Windtner Andreas Herzogs Telefonnummer gelöscht. Noch.

Der Beitrag erschien ursprünglich im News 23/2019.