Musikfestival von

Wien Modern trotzt
dunklen Mächten

Wiens Avantgarde-Musikfestival wartet mit prognostizierbaren Höhepunkten auf

Wien Modern © Bild: Wien Modern

Maßstabsetzend war das Festival für neue Musik "Wien Modern" bei seiner Gründung durch Claudio Abbado und Hans Landesmann. Das ist 29 Jahre her. Dass man es mit der zeitgenössischen Musik in Wien immer noch sehr ernst meint, zeigt das Festival im ersten Jahr der Intendanz des Schweizers Bernhard Günther. Neben herausragenden Uraufführungen des Österreichers Georg Friedrich Haas, lässt die letzte Festivalwoche mit großen Klassikern der neuen Musik wie Oliver Messiaens "Vingt regards sur l’Enfant-Jesus" weitere Höhepunkte erwarten.

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Mit 55 Ur- und Erstaufführungen begeht Bernhard Günther seine Intendanz von "Wien Modern" unter dem Motto "Die letzten Fragen". Die kluge Programmierung des ehemaligen Chefdramaturgen der Philharmonie Luxembourg überzeugt nicht nur durch die Wahl der Werke, sondern auch durch den Aufbau des Programms. Noch vor dem Eröffnungskonzert gab Georg Friedrich Haas mit seiner Vertonung von Mira Lobes Kinderbuchklassiker "Das kleine Ich bin Ich" den Auftakt für das jüngste Publikum. Die ersten, in der Kinderoper gestellten Fragen, "Wer bin ich?" leiteten über zu den großen Lebensthemen.

Im zeitlichen Mittelpunkt des Festivals stand wiederum ein Konzert mit Kompositionen von Georg Friedrich Haas. "Hyena", ein Werk für Sprecherin und Kammerorchester, führt in menschliche Abgründe, zeigt vom Kampf gegen ein übermächtiges Ich, das sich selbst unheimlich geworden ist und fortan gegen die ständig lauernden Dämonen zu kämpfen hat. Weniger poetisch ausgedrückt. Die Ich-Erzählerin berichtet sich gegenüber schonungslos von ihrem Kampf gegen die Alkoholsucht und den Sieg über dieselbe, der jedoch ständig von den Schatten der Vergangenheit, von nächsten Verführungen, die sie wie ein Dämon in Gestalt einer Hyäne verfolgt. Mollena Lee Williams-Haas hat den autobiographischen Text verfasst. Ihre intensive Interpretation, die zwischen distanzierter Selbstbeobachtung und gespielter Non-Chalance eine um Hilfe und Rettung Ringende zeigt, wird von der bewegend, berührenden, aber sich nie in den Vordergrund drängenden Musik ihres Ehemanns Georg Friedrich Haas begleitet. Als genuiner Partner erwies sich Dirigent Bas Wiegers mit dem Klangforum Wien.

Zum Ereignis geriet die Uraufführung des 9. Streichquartetts von Haas. Wie einst bei dessen 3. Streichquartett wurde der große Saal des Wiener Konzerthauses völlig abgedunkelt. Das JACK Quartet gab die fast eine Stunde währende Komposition auswendig mit einer Intensität, die Ihresgleichen nicht so leicht finden wird. Der Aufwand hat gelohnt. Die Klänge, die ob der Dunkelheit ohne jegliche Ablenkung, durften sein, was sie eigentlich sein sollten, ephemere Schönheiten.

Das nahezu Sphärische findet nun zum Beginn der letzten Festivaltage seine Entsprechung mit Olivier Messieans "Vingt regards sur l’Enfant-Jesus".

Nicht minder spannend verspricht das Abschlusskonzert am Mittwoch, 30. November zu werden, in dessen Rahmen der Salzburger Schlagwerker von Weltrang, Martin Grubinger, "Trurliade – Zone. Zero" der österreichischen Komponistin Olga Neuwirth mit den Wiener Symphonikern unter Ludovic Morlot aufführt.

Vorab bilanzierend ließe sich behaupten, dass das Festival "Wien Modern" sich von jeglichen dunklen Mächten befreit hat.

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