Spitzentöne von

Zwischen Liebe und Gier

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Die zweite Woche in Salzburg: "Pique Dame" triumphiert, "Hunger" lässt Wünsche offen

Sechs Wochen rasender Betriebsamkeit, mit einem Ausstoß, den manches Mehrspartentheater nicht in einem Jahr bewältigt: Kaum, dass man sich über die eröffnenden Abstürze und Triumphe erregt hat, sind die Salzburger Festspiele schon wieder fast vor über. Obwohl noch das eine oder andere wertvolle Projekt der Premiere harrt, wird in den ersten beiden Wochen über Gelingen und Scheitern des Ganzen entschieden.

Die zweite Woche ist bestanden, und im Opernbereich hat sich die Bilanz ins Positive gedreht. Verantwortlich dafür ist "Pique Dame", Tschaikowskis zweite aus dem Kosmos des Dichters Alexander Puschkin generierte Oper. Die Geschichte eines labilen Außenseiters wird da erzählt, der sich entscheiden muss: zwischen der Liebe und der Gier in der Gestalt seiner Spielsucht - er wählt den Weg in den Abgrund. Den Festspielen gelingt ein exemplarisches Stück Musiktheater. Entstanden ist es aus Not, als Riccardo Muti vor nicht einmal einem Jahr von einer "Aida"-Wiederaufnahme zurücktrat und eilig Ersatz gefunden werden musste. Mariss Jansons, einer der Rarsten unter den Großen, erklärte sich bereit, "Pique Dame" zu dirigieren. Das Resultat setzt schon im Orchestralen Maßstäbe: Die Wiener Philharmoniker schöpfen aus einem unendlichen Reichtum düster glühender Farben -nicht mehr Psychogramme werden da erstellt, sondern psychiatrische Befunde.

© APA/BARBARA GINDL "Pique Dame" als Ereignis: Hanna Schwarz mit Brandon Jovanovich

Kongenial vertritt diese Deutung der Regisseur Hans Neuenfels, der hoch musikalische Verrätsler, Poet und Polemiker. Er entwirft eine finstere Welt der Unterdrückung, besiedelt von Militärs und Turnern, in den Händen der Majestät des Todes: Zarin Katharina, die Puschkin in die Verbannung und seinen Kollegen Radischtschew in den Suizid schickte. Wegen der kurzen Vorbereitungszeit waren die riesigen Namen nicht mehr verfügbar, umso verblüffender ist die Geschlossenheit und Glaubhaftigkeit der Besetzung, aus der Hanna Schwarz als tod-und liebessüchtige Greisin und Igor Golovatenko als Jelezki hervorragen. Brandon Jovanovich und Evgenia Muraveva sind ein mehr als respektables Protagonistenpaar. Wie schon in der " Salome" behauptet sich hier die pure Qualität.

Die Theatersparte muss sich ihre positiven Befunde noch mit den letzten Produktionen erarbeiten. Knut Hamsuns "Hunger", dramatisiert vom alten, genialen, müdgehetzten Wüterich Frank Castorf, erfüllt nur einen Teil der Erwartungen. Die autobiografische Geschichte des jungen, verelendenden Dichters, der halb wahnsinnig durch Oslo streunt, wird von Castorf routiniert in den Häcksler gestopft, mit Livevideos und Dialogen aus dem Off unterhoben. Erwarteterweise unverzichtbar: biografische und politische Assoziationen zum Nazi-Kollaborateur Hamsun. Die Schauspieler sind gewohnt grell und expressiv ausgestellt -einmal noch sammelt Castorf unter Salzburger Luxusbedingungen sein Ensemble um sich, nachdem ihn ein von allen guten Geistern verlassener Kultursenator aus der Berliner Volksbühne delogiert hat.

Die sechs Stunden auf der Perner-Insel gestalten sich trotz starker Momente zusehends mühsam und redselig, zumal man all das schon unendlich oft gesehen zu haben meint. Das aber liegt weniger an Castorf als an den Schwärmen plagenhafter Nachahmer, die er nach sich gezogen hat. Ehren wir also das Original, mag die Regiepranke auch ein wenig ermattet sein. Aus dem Ensemble ragt turmhoch Sophie Rois hervor. Allein ihr Erscheinen rechtfertigt das Ganze.