Spitzentöne von

Das Wort in seiner
Kraft und Klarheit

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Ein Maßstabsetzer, fast schon aus der Zeit gefallen: Werner Schneyder, der eine Generation von Kabarettisten auf den Weg gebracht hat, ist in Wien gestorben

Dass er Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek nicht mochte: Das war Standard in den Nachrufen. Darauf wurden noch ein paar verkündigungsschwere Einlassungen gegen Manager und die Weltwirtschaft gepackt. So, als wäre Werner Schneyder ein frustrierter Kunstbanause und ein verdrossener Leitartikler gewesen. Und nicht der Witz, die Schärfe, der Charme und das freie Denken in Person. Ein freier Denker, das war er: Galaxien über den Empörungskarawanen aller Richtungen, die sich heute durch die öffentliche Wahrnehmung wälzen und einander dabei als Faschisten beziehungsweise Linkslinke beblöken. Er war ein Linker von Gardeformat, Inhaber eines geeichten sozialen Gewissens und eines rasierklingenscharfen Reflexes gegen intellektuelle Wiederbetätiger. Aber er nahm sich auch heraus, den Islam zu kritisieren, ohne sich in die Relativierungen des "politischen Islams" oder des Islamismus zu retten. Man mochte ihm dabei zustimmen oder nicht: Aber dass er es sich in Zeiten der Generalregulierung gestattet hat, war befreiend und machte ihn nicht zum Rassisten. So wie es keinen zum Bolschewisten macht, sich über die Entwicklung des Christentums zu entsetzen.

Werner Schneyder war mein Freund seit 35 Jahren. Unsere Dispute waren ruppig bis rau, wenn es um den literarischen Geschmack ging, aber keine Minute mit ihm war verloren. Er war ein fulminanter Sportkommentator, ein tüchtiger Regisseur, ein unterschätzter Schriftsteller und ein epochaler Kabarettist, der eineinhalb Generationen den Weg gewiesen hat. Die österreichische Kleinkunst hatte sich vor ihm stets aus der Komödie, der Kostümierung, dem Spektakel gespeist. Das war im "Simpl" vor und nach dem Krieg nicht anders als bei der Gigantenformation um Helmut Qualtinger: Sie alle waren Komödianten, die sich verkleideten und Rollen spielten. Sogar Karl Kraus, der Hohepriester des Wortes, verstand sich als Schauspieler, wenn er komplette Werke von Nestroy und Offenbach rezitierte.

Da kam in den Siebzigerjahren Werner Schneyder, der in München mit seinem Partner Dieter Hildebrandt Stilgeschichte geschrieben hatte, und schuf neue Maßstäbe. Seiner war der vergötterte Kurt Tucholsky: Sein Instrument war die pure Sprache in ihrer Klarheit und bewusstseinsschärfenden Kraft. Wenige Jahre nach ihm wagte sich Lukas Resetarits mit seinem ersten Soloprogramm auf das Podium, es folgten Erwin Steinhauer, Josef Hader, Andreas Vitásek, Alfred Dorfer. Sie alle wurden später auch avancierte, bisweilen großartige Schauspieler. Aber Schneyder, sonst ein unerschrockener Universalist, blieb als Kabarettist pur und unverbiegbar. Das zog Konsequenzen nach sich: In Zeiten des nachlassenden intellektuellen Gesamtbefunds verstand man ihn nicht mehr. Wenn Böhmermann als politischer Kabarettist durchgeht, ist Schneyder keiner. "Vor 50 Jahren", sagte er mir vor nicht langer Zeit, "war ich einer von vielen. Heute bin ich aus der Zeit gefallen, ein Relikt."

Dabei war er ein Lyriker von sublimer Zartheit und betörender Poesie. Seine Liebeslieder stehen auf einer Höhe mit denen seines Freundes Konstantin Wecker, und die zählen zum Besten. Seine Pointen funkeln wie Eiszapfen, denen man sich bekanntlich mit Vorsicht nähert. Jörg Haider, der Mimikry-Künstler, der Menschenfischer und Rattenfänger? "Der Mann, dem es gegeben ist, sich in einem Gebüsch zwischen zwei Wirtshaussälen vom Kameradschaftsbündler zum Rabbiner umzuziehen." Nicht zu reden von seinem Befund zur damals in Höchstaktivität befindlichen, in Wahrheit geliebten Dagmar Koller: "Die einzige mir bekannte Künstlerin, die ihren Beruf im Schweiße unseres Angesichtes ausübt." Unsterblich nennt man das. Schlaf gut, Werner.

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