Spitzentöne von

Peymanns Abschied
und Wiederkehr

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Dass Claus Peymann seine Abschiedsregie von der "Burg" nicht fertigen kann, ist schade, aber keine Katastrophe: In der nächsten Saison inszeniert er Bernhard an der "Josefstadt"

Und das soll es gewesen sein? Eine halbe Zeile im Programmheft des Akademietheaters, wo ab 13. März Ionescos "Stühle" gezeigt werden, inszeniert von Claus Peymann und seinem Schüler Leander Haußmann? Der musste übernehmen, weil der Meister nach einer übergangenen Virusgrippe das Werk nicht vollenden kann. Die größten Maler der Geschichte haben so arbeiten lassen, und zwar ohne gesundheitliche Bedrängnis.

Aber Claus Peymann, der im Juni 82 Jahre alt wird, ist anders beschaffen und diese Premiere keine wie alle: Peymanns Abschied vom Burgtheater wird das, gegen seinen Willen und weil es sein Nachnachnachnachfolger Martin Kušej, der im Herbst antritt, so will. Auch Andrea Breth, die andere Verbliebene der Gigantengeneration nach Peter Zadek, Jürgen Gosch, George Tabori, Einar Schleef, Luc Bondy, bereitet ihren Abschied vom Burgtheater vor. Gerhart Hauptmanns Sozialtragödie "Die Ratten" kommt am 27. März heraus. Und dann ist das goldene Zeitalter des Wiener Theaters auch in seinem letzten Abglanz Geschichte.

Vielleicht folgt ein platinenes, vielleicht ein blechernes. "Nathan der Weise", als erste Absichtserklärung der neuen Ära inszeniert vom Monumentalisten Ulrich Rasche, dazu als Übernahmen aus München "Faust", "Der nackte Wahnsinn" und der heimkehrende "Weibsteufel", alle in Kušejs Regie: Das könnte schon etwas sein. Schade, dass Rasches apokalyptische Münchner "Räuber" aus technischen Gründen nicht übertragbar sein dürften. Aber kann das denn sein, dass Peymann so klanglos Abschied nimmt aus der Stadt, der er in Theaterbelangen das Licht angezündet hat? Als er 1986 kam, hatten die Vorgänger Gerhard Klingenberg und Achim Benning schon (spät genug) das Tor ins 20. Jahrhundert aufgestoßen. Bei Peymann aber wurde auf der Bühne alles so hell wie zuvor nur beim großen Giorgio Strehler. Hell, klar, herrlich gespielt: die theatergewordene Aufklärung. Zadek, Andrea Breth, Tabori inszenierten neben Peymann. Und die Österreicher der Geniegeneration, Thomas Bernhard, Peter Handke, Elfriede Jelinek, Peter Turrini, wurden in die Stratosphäre der Gegenwartsdramatik geschleudert. Keiner pfuschte ihnen etwas an den Texten. Peymann mühte sich, mit durchaus wechselndem Resultat, bis zur Erschöpfung um Textgenauigkeit und schauspielerische Exzellenz, die er durch Gert Voss, Ignaz Kirchner, Kirsten Dene oder Martin Schwab implantiert hatte. Dass sie mit den Großen davor - mit Fritz Muliar, Joachim Bißmeier, Franz Morak, Erika Pluhar, Gertraud Jesserer - nicht zusammenwuchsen, war nur zum Teil Peymanns Verantwortung. Er hat einige pensioniert, aber niemanden um die Existenz gebracht wie jetzt Kušej. Dieser Unterschied ist zu beachten.

Und jetzt soll die leidenschaftliche, zu Zeiten der Uraufführung von Bernhards "Heldenplatz" zum Himmel flammende Geschichte zwischen Peymann und Wien vorbei sein? Eben nicht. Sein Gesundheitszustand sei keineswegs so dramatisch, wie manche befürchten, hört man aus der Josefstadt. Aus der Josefstadt? Ja, weil die dortige Direktion weitblickend genug ist, ihm eine Heimat zu geben, nachdem er im Vorjahr das Berliner Ensemble verlassen hat. Thomas Bernhard soll es werden, "Ein Fest für Boris", das von Peymann uraufgeführte Geniewerk aus dem Jahr 1970. In der Josefstadt ist man klug und der Spielplan dem Peymann'schen von damals nicht unähnlich: einerseits text- und schauspielerzentrierte Klassik, andererseits das ambitionierteste Uraufführungsprogramm des Landes. Dass Peymann jetzt dort ankert, ist ein Coup: Er hat sein Publikum, nicht mehr das jüngste, aber immer noch eine Generation jünger als das der Josefstadt. Man muss auf den Nachwuchs schauen.

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