Spitzentöne von /

Auch Literatur kann
ein Trauma sein

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Das Kindheitsschrecknis Ferdinand Raimund wird in Gutenstein abgearbeitet. Er ist eines von vier literarischen Gestirnen, die mir in meinen frühen Jahren heimgeleuchtet haben

Schon meinte ich, ich hätte mir den Dramatiker Ferdinand Raimund, diesen traumatischen Oberaufseher über meine Kindheitswelt, von der Seele geschafft. Jetzt bin ich ihm (das Resultat finden Sie ab Seite 84) auf der Straße nach Gutenstein wiederbegegnet. Und wie er mir wieder im Nacken sitzt! Weil er in den verdrängungsbeschwipsten Sechzigerjahren eines von vier Gestirnen war, um die das literarische Selbstverständnis des Landes seine Endlosschleife zog. Das eine war der soziale Realist Peter Rosegger, ein wilder Hund. Der Titeldesperado seines Romans "Jakob der Letzte" verschanzt sich am Ende bewaffnet gegen die Großgrundbesitzer, die seinen Hof wollen. Gar nicht zu reden vom Roman "Weltgift", der selbst in aufgeklärte Editionen keinen Eingang fand: Ein degenerierter Fabrikantensohn wird da im Protest gegen seinen ausbeuterischen Vater schwul und geht mit dem Pferdeknecht durch. Aber im Kindheitsösterreich gab Rosegger bloß einer degoutanten Armutsidylle den Namen: Der Waldbauernbub, ein Streber mit Seppelhut, war die niederschmetternde Alternative zum Familienhund Lassie, wenn ich zum Kindernachmittag ans nachbarliche Schwarz-Weiß-Gerät durfte. Der zweite Vergöttlichte war Nestroy. Das Gesicht meines Vaters verklärte sich, wenn er den Namen auf der Zunge rollte. Nestroy war pfiffig, etwas zum Lachen: ein echter Österreicher eben, der sich das Maul nicht verbieten lässt, aber das Herz auf dem rechten Fleck trägt wie seine fatale Scheinreinkarnation, der Iffland-Ring-Träger Josef Meinrad. Was es mit Nestroy auf sich hat, lehrte uns erst der Direktor und Regisseur Gustav Manker am Volkstheater: Sprache und Menschenskepsis in konsequenter Befolgung des Reinheitsgebots -mehr braucht es nicht, um seine wahnsinnige Komik in Betrieb zu setzen.

Der dritte Göttliche war der Goethe-Imitator Grillparzer: der Nationalklassiker, fast zu erhaben für eine Kinderseele. Seine sämtlichen Werke standen, Goldprägung auf imprägniertem Leinen (hellblau), daheim im Regal. Zu uns herabgestiegen ist er mit dem Evangelium des österreichischen Selbstverständnisses, dem Monolog des Ottokar von Hornek aus "König Ottokars Glück und Ende" mit der surrealen Pointe: "'s ist möglich, dass in Sachsen und beim Rhein/es Leute gibt, die mehr in Büchern lasen;/ Allein, was Noth thut und was Gott gefällt,/ der klare Blick, der offne, richt'ge Sinn,/ da tritt der Österreicher hin vor Jeden,/denkt sich sein Theil,/und lässt die Andern reden!" Ein stolzer Analphabet mit anderen Worten, ein Querulant, der zur Tirade Luft holt und dann doch lieber abduckt, weil er es sich mit niemandem verderben will.

Und endlich Raimund, dessen Tischler Valentin (aus dem "Verschwender") uns im Sinne des vormärzlichen Zufriedenheitsideals die ruhestörenden Ambitionen aus den Gehirnen hobeln sollte. "Zu wenig und zuviel ist aller Narren Ziel", senkte mir mein herzensguter Vater das Metternich'sche Dogma in die Seele. Wie es Raimund, dem hoch neurotischen Selbstzerstörer, tatsächlich ums Herz war, entnehmen Sie bitte der Geschichte auf den Seiten 84 bis 86. Das eigentlich Wahnwitzige an dieser Besetzung? Sie betraf wesentlich die vergleichsweise bedeutungslose Epoche vor dem Fin de Siècle, in dem die österreichische Literatur erst zur Weltklasse explodierte. Die Exilautoren waren nach dem Krieg ausgeblendet, selbst Horváth und Joseph Roth harrten noch der Erschließung durch das Fernsehen. Die Wiener Gruppe zertrümmerte gerade die Sprachrückstände der Nazi-Zeit, die Bachmann hatte es schon 1954 auf das "Spiegel"-Cover geschafft. Aber im Gymnasium lasen wir "Der Barometermacher auf der Zauberinsel", ein nachweislich dummes Zaubermärchen von -nichts für ungut, verehrter Meister -Ferdinand Raimund.

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