Spitzentöne von

Salzburg: die Bilanz

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Viel früher wurde das so genannte "moderne Stück" nur zur Abtragung der Pflichtschuld ins Salzburger Opernprogramm gerückt. Dann, vor allem im vergangenen Jahrzehnt, rettete es mehrfach die künstlerischen Bilanzen (mangelnde Vergleichsmöglichkeit kann ein Segen sein, wenn über dem Rest des Opernprogramms der Mantel des Schweigens lastet). Jetzt beendete Markus Hinterhäuser seine zweite Saison mit Hans Werner Henzes "Bassariden": eine Aufführung, mit der andere das Scheitern eines ganzen Festspielsommers bemäntelt hätten. Hier aber bloß eines - und nicht das exponierteste -aus einer Reihe toller Ereignisse, die auf Hochrisiko zustande kamen.

Und welches Risiko könnte größer sein als Festspiele ohne einen einzigen Quotenstar auf der Bühne ? Asmik Grigorian logierte vor der "Salome"-Premiere in der reputativen Mittelklasse. Zehn Minuten nach Fallen des Vorhangs begann das Wettrennen um einen neuen Superstar. "Salome" insgesamt war die Premiere des Sommers: dank Franz Welser-Möst, der orchestrale Ekstasen entfesseln und eine Sängerin zugleich auf Händen tragen kann; und dank Regisseur Romeo Castellucci, der ein gründlich abinszeniertes Meisterwerk in die finstere Welt des kollektiven Unbewussten zu rücken vermochte. Auch der fabulöse amerikanische Tenor Sean Panikkar, der Dionysos der "Bassariden", war vor der Premiere ein nahezu Unbekannter. Merke (und das gab es anno Holender auch an der Staatsoper und schon anno Ruzicka in Salzburg): Die Netrebko engagieren kann und soll jeder, der das Geld hat. Die Netrebko (oder die Grigorian) erfinden, das ist Intendantenkunst.

Zweiter Haupttreffer des Sommers war eine Aufführung, die aus Not zustande kam: Nach dem Scheitern der "Aida"-Wiederaufnahme wurde Tschaikowskis "Pique Dame" quasi aus dem Nichts geboren. Der große, rare Maestro Mariss Jansons und der erschöpfte, aber keine Spur von ermüdete Wilde Hans Neuenfels machten es möglich: Mit Hanna Schwarz als einziger emeritierter A-Zelebrität auf der Bühne gelang ein Stück mustergültigen Musiktheaters. Und den russischen Bariton Igor Golovatenko wird man künftig nicht mehr ignorieren können.

Ansonsten erlebte man (hier verlasse ich mich auf das Urteil meiner Kollegin Susanne Zobl) Jan Lauwers' bildmächtig aufgeladene Inszenierung einer sonst respektablen Produktion von Monteverdis "Poppea". Sowie (und hier steige wieder ich ein) das Ärgernis des Sommers, Constantinos Carydis als Dirigenten einer etwas infantil inszenierten, nicht erregend besetzten "Zauberflöte". Mitwirkende versichern, er habe jede seiner Tempo-Eskapaden, jede seiner exaltierten Fermaten eloquent erklären können. Bis über den Graben sind die Erläuterungen nicht gedrungen.


Und das Theater? Ermüdete im Kontrast zum Opernangebot durch Vorhersehbarkeit. Eine ärgerliche Hörspielfassung von Kleists "Penthesilea" und Hamsuns "Hunger" unter den Altmeistern Johan Simons bzw. Frank Castorf: Avantgarde, die sich auf den Weg ins Museum gemacht hat. Susanne Zobl rühmt die Abschlusspremiere, "Die Perser" des Aischylos, in der rasenden, stampfenden, an den großen Einar Schleef erinnernden Inszenierung von Ulrich Rasche (ein interessanter Vorgriff auf die nächste Burgtheaterdirektion, die auf Rasche vertraut). Aber letztlich konzentrierte sich das Interesse doch auf die Erkrankung und Genesung des fabelhaften Jedermann Tobias Moretti und seinen tollen Einspringer, Philipp Hochmair. Salut ihnen beiden.

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