Leitartikel von /

Der Lügner
und der Leim

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Wie Scharlatane ganz Großbritannien in Geiselhaft nahmen und ihr Brexit-Spiel mit dem Feuer zum Flächenbrand führte

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Ginge es danach, müsste Boris Johnson schon vor langer Zeit die Gunst der letzten Gutgläubigen verloren haben. Denn noch bevor "Mr. Brexit" diese Woche als britischer Außenminister zurücktrat, schien sein Leben mit Lügen gepflastert. Erst als Journalist, wo er in der Rolle des Brüssel-Korrespondenten den Briten jedes noch so unwahre, aber knallig klingende EU-Gerücht auftischte. Später als kleiner Mandatar, ein vierfacher Vater, der die eigene Frau betrog, das verheimlichte und, als es aufflog, weiter log, bis sich die Balken bogen. Und dann in seiner Paraderolle als EU-Ausstiegsbefürworter. Was an sich ja noch keine anrüchige Sache ist, da es gute Gründe gibt, die einen ob der EU den Kopf schütteln lassen. Besonders, wenn man Brite ist und dem Kontinent grundsätzlich skeptischer gegenübersteht. Nur bei der Wahrheit sollte man schon bleiben. Was Boris Johnson schwerfiel, als er im knallroten Brexit-Bus über die Insel tingelte. 350 Millionen Pfund würde man dem gefräßigen EU-Monster jede Woche in den Rachen werfen, posaunte er in jedes Mikrofon, das sich seinem Ego in den Weg stellte. Wie fein wäre es doch, das Geld stattdessen lieber ins kränkelnde Gesundheitssystem zu investieren.

Der Rest ist Geschichte und darf als bekannt vorausgesetzt werden. Die Briten waren Scharlatanen auf den Leim gegangen, üblen Zündlern, die sie jetzt im Flächenbrand allein lassen. Denn natürlich haben ihnen all die Brexit-Boys ein paar nicht ganz unwesentliche Details einfach verschwiegen. Abgesehen von Johnsons 350-Millionen-Pfund-Lüge etwa die Tatsache, dass die Briten der Austritt mindestens weitere 40 Milliarden Euro an Ausständen gegenüber der EU kosten wird. Dann, dass Großbritannien als Handelsmacht auch in Zukunft irgendeine Art von Freihandelsdeal mit Brüssel braucht, da sonst in Dover alles steht und die halbe Industrie zusammenbricht. Auch hatte kaum einer laut gesagt, dass der mühsam errungene Frieden in Nordirland gefährdet ist, wenn es diesen Deal nicht gäbe und zum Nachbarland und EU-Mitglied Irland wieder eine harte Grenze hochgefahren werden müsste.

All das ist wahnsinnig kompliziert, nicht gerade sexy und passt auf keinen Bus, der über die Insel rollt. Aber es ist nun einmal die Wirklichkeit. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob die Briten in Kenntnis dieser Fakten anders abgestimmt hätten. Ebenso verdrießlich ist die Feststellung, dass wir alle in Europa durch ihren Austritt verlieren und es nichts nützt, ihnen gegenüber die härtesten Geschütze aufzufahren. Was Premier Theresa May, die selbst damals für den Verbleib in der EU war, nun hinbiegen soll, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Mit ihrer in sich zerstrittenen Partei. Mit einer Opposition, die in dieser Frage kaum geschlossener wirkt. Vor einem Volk, dem unerfüllbare Erwartungen geweckt wurden. "Taking back control", also die Kontrolle zurückgewinnen, lautete das Credo des Brexits. Geschehen ist seither das Gegenteil. Dass Johnson das erkannte und hinschmiss, war nach all den Lügen feig, aber erwartbar. Die Briten hingegen bleiben in Geiselhaft der falschen Verführer. Was wiederum uns, die auch mal mit der EU hadern, mehr als nur eine Mahnung sein kann.

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