Saudi-Arabiens Thronfolger von

Der böse Prinz

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Saudi-Arabien: Agieren USA und EU weiter so, verspielen sie ihre Glaubwürdigkeit komplett.

Es ist der Plot des Jahres, und er blamiert all jene, die gerne moderne Märchen verbreiten. Etwa das vom Reformer Saudi-Arabiens, dem jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman, der ihnen als Lichtblick in der dunklen Klerikaldiktatur galt. Als cooles Kürzel "MbS" geisterte er durch die Leitartikel. Huldigende Porträts erschienen, er selbst tourte durch die USA, traf Trump, die Clintons und die Bosse im Silicon Valley. Bis sich dieser Tage ein grausiger Verdacht verdichtet. Der Kronprinz soll ein Killerkommando nach Istanbul geschickt haben, um seinen größten Kritiker auszuschalten. Der Journalist Jamal Khashoggi wollte im dortigen saudischen Konsulat eigentlich nur seine Scheidungspapiere abholen. Draußen wartete seine Verlobte vergeblich auf ihn. Denn drinnen soll er erst betäubt, dann zerstückelt und später in Einzelteilen ausgeflogen worden sein. Es gäbe dafür Ton-und Videobeweise, behaupten die Türken, die nur ungern zugeben können, dass sie das Konsulat verwanzt haben.

Und seither sind die fantastischen Freunde von "MbS" alle ganz verdattert, geschockt und entrüstet. Wer die Heuchelei und Lügen der Weltpolitik live erleben will, muss dieser Tage nur genau hinschauen. Denn es lässt sich beobachten, wie versucht wird, ein himmelschreiendes Verbrechen unter den Tisch zu kehren. Anzeichen, dass der Kronprinz nicht dem Bild gleicht, das viele von ihm zeichneten, gab es schon zuvor genug. Man musste sie nur sehen wollen. Beginnend bei den Frauen, die er einsperren ließ, nachdem sie jahrelang für ihr Recht aufs Autofahren gekämpft hatten, der Prinz aber lieber selbst die Meriten für die Aufhebung des Verbots einheimste. Dann beim Krieg im Jemen, wo er Völkerrecht bricht und aktuell fünf Millionen Kindern (!) der Hungertod droht. Großes Thema war beides bislang kaum. Und wagte etwa ein Land wie Kanada Kritik, brach der Prinz die diplomatischen Beziehungen ab. Auch die Empörung darüber, dass die Saudis den unfolgsamen Premier des Libanon einfach festsetzten, hielt sich in engen Grenzen. Selbst Deutschland, das unter seinem Außenminister Sigmar Gabriel kritischere Töne anschlug, machte mit Nachfolger Heiko Maas den Kotau.

Das Warum umfasst zwei einfache Worte: Geld und Öl. Allein Trump spitzt auf Rüstungsdeals von 110 Milliarden Dollar und sinniert daher im Fall Khashoggi schon von wild gewordenen Killern, die ohne Wissen des Kronprinzen handelten. Was für ein Hohn! Agieren USA und EU weiter so, verspielen sie ihre Glaubwürdigkeit komplett. Wer soll noch verstehen, wieso beim Giftkrimi um die Skripals schon der Verdacht für Sanktionen gegen Russland reichte, die Sünden der Saudis aber ungesühnt bleiben? Wenn das die neuen Prinzipien der Weltpolitik sind, gerät sie zu willfähriger Heuchelei.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: lehermayr.christoph@news.at

Kommentare