Ausland von

Angela Merkel:
Im Abgang bitter

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Was bleibt von Angela Merkel, wenn sie geht?

Was bleibt von einem, wenn man geht? Im Falle von Angela Merkel hat die Geschichte ihr Urteil wohl bereits gefällt, bevor der Abgang noch vollzogen ist. "Wir schaffen das" - der eine Satz, 2015 von ihr hingeworfen, um zu beruhigen, als Tag für Tag Zehntausende Flüchtlinge nach Deutschland drängten. Merkel ist dieser Satz passiert. Sie hat ihn weder groß geplant, noch geahnt, welche Wirkmacht er entfalten würde. Er war eher Ausdruck ihres Hangs, die Dinge auszusitzen. So, wie sie es sonst in all den Nächten langer Messer getan hatte. Es war ihr Rezept. Anfangs in der CDU, als sie mächtige Männer ausbootete. Später in Brüssel, bei Dramen vom Grexit bis zum Brexit. Und zuletzt in ihrer verkorksten Koalition und im Clinch mit dem eigenen Innenminister Horst Seehofer: Angela Merkel blieb immer die Frau mit dem längeren Atem, dem kühleren Kopf und dem geringeren Schlafbedürfnis. Bloß in der Flüchtlingskrise reichte das nicht mehr. Der Satz verselbstständigte sich. Rannte ihr davon. Und porträtierte sie als Kanzlerin des Kontrollverlusts. Ein politisches Erbe, wie es keiner für sich will. Nicht einmal eine so unprätentiöse Frau wie Angela Merkel.

Sie hatte selbst miterlebt, wie unschön einst die Ära ihres Ziehvaters Helmut Kohl endete. Die Zeit zum Absprung verpasst, hatte er seine letzte Wahl donnernd verloren und war im Abgang noch über einen Spendenskandal gestolpert. Sein politisches Denkmal blieb ihm, der Einheit sei Dank, trotzdem. Was bei Merkel aus heutiger Sicht weit weniger klar ist. Im Sommer reifte daher in ihrem Wochenendhäuschen in der Uckermark ein Plan. Den "Merkel muss weg!"-Schreiern draußen und den Flüsterern drinnen in ihrer CDU sei nur zu trotzen, wenn sie ihr Credo brach. Parteichefin ade, dafür Kanzlerin bis 2021. Zeit genug, Dinge zu korrigieren, Image zu polieren, das Erbe aufzufrisieren. Gerade, wenn ihr die eigene Statthalterin in der CDU den Rücken freihielte.

So weit der Plan. Doch auf einmal sind da Männer im Schatten Merkels, welche sich in ihrer Dämmerung zurück ans Licht trauen. So geriet Friedrich Merz ins Spiel, ihr einstiger Intimfeind, den sie vor Jahren abservierte. Nun protegiert ihn Merkels Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble, selbst ein von ihr Gekränkter. Es sind Männer, die auf Rache sinnen und offene Rechnungen begleichen wollen. Merz ist bloß zwei Jahre jünger als Merkel, ein wenig kantiger und konservativer als sie. Nach 13 Jahren in der alles aussitzenden Merkel-Mitte reicht selbst das schon für einen kleinen Hype. Holt er sich den CDU-Vorsitz, sind ihre Tage als Kanzlerin gezählt. Was bliebe, wären ein zerborstenes Parteiensystem, gestärkte Ränder und ein durch ihre Migrationspolitik gespaltenes Europa. Ein wahrlich bitteres Vermächtnis.

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