Leitartikel von

Was uns
Trump lehrt

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Seine Wahl vor zwei Jahren war kein Unfall, sondern der Beginn einer Zeitenwende. Nur Europa tut so, als wäre nichts.

Es war eine Mischung aus Wut, Zorn, einer schwachen Gegnerin und etwas Hilfe aus Moskau, die ihn zum Präsidenten machte. Am 9. November werden es zwei Jahre, dass ein Mann, der zuvor noch nie in seinem Leben irgendein ein politisches Amt innehatte, das mächtigste der Welt gewann. Donald Trump mag ein eitler, selbstverliebter Egomane sein, ein notorischer Lügner und ein vulgärer Nationalist -doch seine Wähler kümmerte das kaum. Für sie war er der wütende Stinkefinger gegenüber der herrschenden politischen Klasse. Der Outsider, den man ins Zentrum der Macht wählte, um es dort zu richten. Und dieser eine Teil der Amerikaner hält bis heute zu seinem Präsidenten, denn sie wussten, wer er ist. Es mag viele überraschen, doch Trumps Zustimmungsrate liegt aktuell bei 45 Prozent -und damit ungefähr dort, wo auch Barack Obama nach zwei Jahren im Amt stand. Läuft die US-Wirtschaft weiter so robust, ist selbst Trumps Wiederwahl in zwei Jahren nicht ausgeschlossen.

Spätestens damit wird klar, dass Trump kein Unfall der Geschichte ist, der einfach so vorüberzieht. Er steht vielmehr für den Beginn einer Zeitenwende. Und die hat Folgen für die gesamte Welt, besonders für uns in Europa. Außenpolitisch versucht Trump mit brachialen Methoden Dinge zu tun, von denen er glaubt, sie seien gut für Amerika. So kündigt er Handelsabkommen, steigt aus Verträgen zur atomaren Abrüstung aus und stellt Beistandsallianzen in Frage. "America first" wird damit zur Gefahr für alle anderen und es wäre höchste Zeit für Europa, die Lehren daraus zu ziehen. Doch geschehen ist bisher: nichts. Außer in Sonntagsreden und TV-Talkshows. Dort wird Trump dann gern ein Weckruf genannt, der dazu nötigt, dass sich Europa abnabelt, gemeinsam und geschlossen auftritt, sich den rauen Realitäten der Welt stellt. In Wahrheit aber ist die EU heute schwächer und gespaltener als je zuvor. Erst riss die Flüchtlingsfrage tiefe Gräben auf zwischen Nord und Süd, Ost und West. Etliche Gipfel brachten zwar Ideen und Streit darüber, aber kaum Lösungen. Nun zerbröseln in Reaktion darauf in etlichen Ländern die traditionellen Parteiensysteme und Populisten werden stärker. Deren Erfolg ist, wie schon bei Trump, ein Symptom dafür, dass die Leute, die die Dinge eigentlich hinkriegen sollten, gescheitert sind. Anstatt Krokodilstränen über den Aufstieg derer zu vergießen, die Europa zerstören wollen, braucht es einen Handlungsauftrag, es selbst besser zu machen.

Stattdessen marginalisiert sich Europa weiter selbst. Die Briten sind weg -egal ob auf die harte oder weiche Brexit-Tour. Macrons Glanz ist schon halb erloschen, bevor er noch den Kontinent erleuchten konnte. Die Polen und Ungarn igeln sich in autoritärer werdenden Staaten ein. Die Italiener spielen griechisches Roulette mit ihrem Staatsbudget. Und die Deutschen blicken in einer Angststarre auf Merkels näher rückendes Ende. Dabei könnte Trump der Magnet sein, der alle eint und erkennen lässt, wie sehr wir einander brauchen. "Europe first" hieße, außenpolitisch nicht länger der Wurmfortsatz Amerikas zu sein, gemeinsam die Grenzen Europas effektiv zu sichern und wirtschaftlich bei der Digitalisierung nicht nur ins Silicon Valley zu schielen. Was mehr als Trump braucht es noch, um es endlich auch zu tun?

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