Leitartikel von

"Entschuldigen Sie
die Störung"

Leitartikel - "Entschuldigen Sie
die Störung" © Bild: News/ Matt Observe

Zwischen Klima-Hype und Klima-Apokalypse sorgen jetzt die Aktivisten von "Extinction Rebellion" für maximale, aber am Ende überschaubare Aufmerksamkeit

Es gibt wichtige und wirklich wichtige Themen. Der Klimaschutz fällt in letztere Kategorie -zumindest in Deutschland, wo diese Woche das bis zuletzt umstrittene Klimapaket verabschiedet wurde. 54 Milliarden Euro werden in die Hand genommen, um Kursänderungen vorzunehmen -und um die Klimaziele für das Jahr 203o zu erreichen, etwa durch eine Reduktion der Treibhausgase um 55 Prozent gegenüber 1990. Während den einen das alles viel zu wenig ist, loben sich die Urheber (und in Sachen Eigenlob sind Politiker in der Regel länderübergreifend immer ziemlich gut) dafür, dass Deutschland das erste Land sei, "das einen verbindlichen Fahrplan in Richtung Treibhausgasneutralität vorgelegt hat". Bis Mitte des Jahrhunderts -in Zeiten von schnellen Klicks und noch schnelllebigeren Themen also einer Ewigkeit -, soll Deutschland weitgehend klimaneutral werden. Ein Baustein: Fliegen teurer und Bahnfahren billiger machen. Je nach Streckenlänge soll die Steuererhöhung für Flugtickets zwischen drei und 17 Euro liegen. Das ist lieb. Und in den Auswirkungen auf das Geldbörsel moderat. Wer fliegt wegen drei Euro nicht mehr?

Es reicht also nicht. Oder es liegt noch nichts auf dem Tisch -etwa hierzulande, weil in den Tagen und Wochen nach der Wahl eben noch beschnuppert wird, um später zu sondieren und um noch später etwas festlegen zu können. Und bis dahin? Gehen die Jugendlichen der "Fridays for Future"-Bewegung weiter auf die Straße. Und neuerdings auch die Anhänger der Protestbewegung "Extinction Rebellion". Die machten -quasi ohne Zöpfe -diese Woche erstmals europaweit lautstark von sich reden. In Wien legten sie den Verkehr rund um das Museumsquartier lahm. Maximale Aufmerksamkeit, lautet die Devise. Maximale Wortwahl gibt es dazu. "Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant", meint Mitgründer Roger Hallam. Ob es ihm am Ende um eine "Diktatur der Guten" geht, sagt er nicht. Es wäre in jedem Fall zu dick aufgetragen. "Wir rebellieren, bis die Regierung den ökologischen Notstand ausruft und danach handelt." Und was kommt danach? Diese Frage muss erlaubt sein.

Die Aktivisten haben sich den Kampf gegen das "Aussterben" auf die Transparente, die zwischen Straßenblockaden und Flashmobs in die Höhe gehalten werden, geschrieben. Es sind höfliche Aktivisten. "Entschuldigen Sie die Störung, es geht ums Überleben", ist zu lesen. Aufmerksamkeit ist ihnen gewiss. Nächste Woche soll der Protest weitergehen -in Wien ohnehin überschaubarer und mit einem weniger langen Atem als anderswo. Ob sie mit den Straßenblockaden ihren Zielen ein Stück näher kommen? Ungewiss. Die Kritiker haben sich längst ihre Meinung gebildet -"Grünchaoten" und "Ökofuzzis" sind dabei noch die netteren Zuschreibungen. Natürlich wird es immer jemanden geben, der jede Bewegung, die von der Gesellschaft Veränderung verlangt, denunziert. Und ja, wir sind noch zu ruhig. Zu bequem. Zu uneinsichtig. Aber es macht Sinn, zu überzeugen, nicht zu vergrämen. Protest kann, muss aber nicht zwingend laut, grell und auf Konfrontation gebürstet sein, um das Ziel zu erreichen. Dafür lohnt ein Blick zurück, zum 9. Oktober 1989, als in Leipzig 70.000 friedlich auf die Straße gegangen sind; eine Woche später waren es 140.000. Einen Monat später fiel die Mauer.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: gulnerits.kathrin@news.at

Kommentare

Günther Kadlec

Wie immer sehr gut erkannt, es ist richtig das wir und mit wir meine ich alle Menschen Weltweit, etwas tun müssen. Die ganzen Demos sind Unnötig wie ein Kropf, der Fehler daran dass sie spazieren und den Klimaschutz fordern anstatt einmal zu sagen wie sollen wir unser Klima retten. Soll doch ein kompetenter aufstehen und sagen ich kann das Klima retten weil ich ........

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