Kontrapunkt von

Wähler - Hooligans oder Hobbits

Gerfried Sperl © Bild: News

Was haben Hooligans oder Hobbits mit der Wahl zu tun? Und wie steht es um die "Stammwähler"?

Nicht nur in den Kandidatenlisten für die Oktoberwahlen sind Wissenschaftler stark vertreten. Stärker als jemals zuvor werden wissenschaftliche Theorien diskutiert, die helfen sollen, die Demokratie zu verbessern. Vor allem: die Kluft zwischen Politikern und "Volk" zu vermindern. Einen der Vorschläge umgesetzt hat Gilt-Gründer Roland Düringer. Er folgt dem niederländischen Politologen David Van Reybrouck und dessen Buch "Gegen Wahlen". Demnach sollen zur Vorbereitung von Gesetzesvorlagen Bürgerkomitees errichtet und deren Mitglieder mit dem Los ermittelt werden. Bevor Düringer damit auftrat, hat auch "ZIB 2"-Moderator Armin Wolf für eine neue ORF-Gesetzgebung dieses Demokratie-Modell in einem "Standard"-Kommentar favorisiert. Das kann auch schnell nach hinten losgehen, wie man im Fall der Verlosung für die Düringer-Liste gesehen hat, als ein rechtslastiger Kandidat auf der Liste landete.

Stärker debattiert wird momentan ein Modell des US-Wissenschafters Jason Brennan, der in seinem Buch "Gegen Demokratie" eine Herrschaft der Wissenden proklamiert. Die Wählerschaft, im Buch auf die USA gemünzt, in Interviews auf Europa ausgedehnt, teilt er in drei Gruppen ein -in "Hooligans", die er als informiert, gleichzeitig als gruppenegoistisch und gegenüber anderen Positionen als intolerant bezeichnet. Weiters in "Hobbits", die für ihn intolerant sind, unwissend und apathisch, womit vor allem die Nichtwähler charakterisiert seien. Schließlich die "Vulcans", die Wissenden, die Informierten, die sich sogar in andere Denk-Positionen versetzen könnten.

Die "Hobbits" und "Hooligans" machten laut Brennan je mindestens 45 Prozent des Wählervolks aus. Klein daher die Gruppe der "Vulkaner" - aber gerade die will er (nach einer Prüfung) ausschließlich zu den allgemeinen Wahlen zulassen. Zu Recht wird unter Wissenschaftlern und Demokratieverfechtern diese Ansicht als absurd zurückgewiesen. Dazu kommt noch die plakative, aber gleichwohl fragwürdige Bezeichnung der einzelnen Gruppen. Die "Vulcans" sind den Filmen rund um die Helden des Raumschiffs Enterprise entlehnt. Aber die Hooligans? Fußball-Gewalttäter, in Österreich extremistische Rapid-Fans. Das ist jenseitig.

Die "Hobbits" indessen sind populäre Figuren aus den Romanen von J.R.R. Tolkien. Fast jeder kennt sie. Aber es ist fahrlässig, ein Volk von kleinen Menschen, diskriminierend auch "Halblinge" genannt, aus der Fiktion in die Wirklichkeit zu übertragen. Die Wahlforschung sollte nicht mit Literatur-oder Filmkritik verwechselt werden.

Halten wir uns lieber an die weniger spektakulären Analysen der politischen Wissenschaften. Für sie sind die "Stammwähler", dominierend noch in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, eine langsam aussterbende Art. Sie sind loyal, aber unwissend und gegen jede Veränderung ihres Weltbildes.

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