Spitzentöne von

Klimaneutrales Dichten

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Anhaltend viele Leserbriefe zu den Osterfestspielen und endlich ein neues Thema: Der Klimaschutz hat die Literatur erreicht, doch die Emissionen sind toxisch.

Die Zuschriften zu den dchandbaren Vorgängen um die Osterfestspiele werden nicht weniger, im Gegenteil. Die dort ständig gestellte Frage kann ich allerdings nicht beantworten: Wie hindert man den designierten Intendanten Bachler daran, den Weltdirigenten Christian Thielemann zu vertreiben? Ich Kann da zu meinem Bedauern nicht dienen. Zwar wird der ungerechtfertigt entlassene Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann nicht müde, zu monieren, dass die Malversationsvorgänge an seinem Haus ihren Ursprung in der Direktion seines Vorgängers Klaus Bachler hatten. Die Einschaltung des Rechnungshofs durch die Regierung, eventuell eine Anzeige, hätten in zivilisierten Ethnien aufschiebende Wirkung, was die Berufung in ein neues Amt betrifft. Aber 1.) Gibt es keine Regierung, Und 2.) steht diesfalls die Zivilisationsnähe durchaus infrage.

Lassen Sie mich also zu ebenfalls Dringlichem zurückkehren, Nämlich zum Korrektheitswahn und seinen Profiteuren aus der Welt der Kunst. Wenig hat mich zuletzt so erheitert wie die Aussendung eines deutschen Kinderbuchverlags, die mir vor wenigen Tagen zugegangen ist. Ab 23. September, so las ich da, hätten "Jugendliche die Möglichkeit, den nachhaltig produzierten literarischen Hochkaräter ,Schneetänzer' Von Antje Babendererde klimaneutral per Pedes (!), Fahrrad oder ÖPV in ihrer Buchhandlung vor Ort zu kaufen". Die Dichterin habe den Lebensraum der Cree-Indianer in Kanada persönlich erforscht, Und das Resultat spiegle "ihr Herzensthema Umweltschutz und Nachhaltigkeit inhaltlich und in der Druckumsetzung wider". Es folgt eine nicht endende Aufzählung begleitender umwelttechnischer Maßnahmen. Unter anderem habe man "ein Papier ausgewählt, dass (!) in einer 50 Kilometer entfernten Druckerei hergestellt wurde", wodurch zwar "der CO2-Ausstoss (!) beim Transport" verringert, das geltende Regelwerk zur Deutschen Sprache aber gefährlich überhitzt wird. Es folgen Anmerkungen zur Auswaschung von Lacken und Klebstoffen, zu Materialprüfung, Ressourceneinsatz und Abfallmanagement. Damit sind viele, aber nicht alle Fragen geklärt: Hat Die Dichterin - übrigens studierte Töpferin - ihre Recherchen in der kanadischen Wildnis tatsächlich unter ausschließlichem Einsatz flatulenzreduzierter Schlittenhunde getätigt? Hat sie die Neue Welt, wie sich das heute gehört, per Segelyacht bzw. Galeere bereist? Und welche juristischen Folgen drohen dem jugendlichen Leser, der sich zum Erwerb des Werks nicht "klimaneutral per pedes", sondern, Gott bewahre, mittels Inbetriebnahme seines Mopeds aufmacht?

Bliebe an sich noch das Buch selbst, und was wir zum literarischen Hochkaräter erfahren, ermutigt mich weniger: Geht es doch um einen "Jungen mit dem Wolfsherzen (...), der in der Einsamkeit der wilden, ungezähmten Natur der Liebe seines Lebens begegnen wird". Das Buch ist noch nicht greifbar, ich kann also mit keinem qualifizierten Urteil dienen. Wohl aber kann ich vorsichtig vom bereits verfügbaren Œuvre der Dichterfürstin hochrechnen, etwa vom Erfolgstitel "Wie die Sonne in der Nacht", der folgendermaßen anhebt: "Rosaria platzte in mein Zimmer: ,Hast du meinen hellblauen Bra irgendwo gesehen?' Ich hob den Blick von meinem Tagebuch, in dem ich gerade versuchte, Frust und Kummer loszuwerden: ,Nein, sorry!'" Im Lichte dieses Zitats beginne ich mich vorsichtig mit der umweltschonendsten aller Produktionsformen - nämlich der Unterlassung - zu befreunden. Und nun im Ernst: Die Greta'schen Beibootsegler (die klimaneutrale Abart des Trittbrettfahrers) sollen die Literatur in Ruhe lassen, so wie die Korrektheitsblockwarte insgesamt es sollten. Sie sollen lieber zusehen, verwendbare Kunst zusammenzubringen. Das ist mehr als genug für eine Lebensaufgabe.