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Rainhard Fendrich: "Möchte keine rechtspopulistische Partei in der Regierung"

Interview - Rainhard Fendrich: "Möchte keine rechtspopulistische Partei in der Regierung" © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

Rainhard Fendrich wird auf seinem neuen Album "Starkregen" deutlich: gegen Gleichgültigkeit, unmoralische Politiker und skrupellose Wirtschaftstreibende. Ein Rezept für die Liebe braucht er nicht, um sie in gelungene Balladen zu gießen

News: Rainhard Fendrich alleine mit der Gitarre an einer staubigen Landstraße mitten im Nirgendwo: Die Szene aus Ihrem neuen Video suggeriert Freiheit. Entspricht das Ihrem aktuellen Selbstbild?
Rainhard Fendrich: Natürlich ist die Gitarre mein Hauptinstrument. Aber meine Freiheit besteht nicht darin, dass ich per Autostopp unterwegs bin. Meine Freiheit ist, dass ich dieses Album frei vom Korsett einer Plattenfirma ganz alleine und mit viel Zeit gemacht habe. Ohne Abgabetermin, ohne Studiotermin, ohne Druck. Von den wunderbaren Produzenten, mit denen ich früher gearbeitet habe, habe ich viel gelernt: von Christian Kolonovits, wie man Streicher arrangiert, von Harold Faltermeyer den Hollywoodsound, von Edo Zanki die Liebe zum Detail. So habe ich komponiert, getextet, alle Instrumente mit Hilfe der modernen Technik eingespielt, arrangiert und produziert. Das geht nur, wenn keine Uhr rennt.

War diese Entschleunigung wichtig? Sie besingen auch ein "Burn Out". Haben Sie das erlebt?
Nein, ich war auch nicht in der Nähe eines Burn-out. Aber ich sehe, wie die ständige Erreichbarkeit am Handy und über E-Mail uns keine Zeit zur Ruhe mehr lässt. Früher gab es Feierabend und Wochenende, heute ist es schwierig, jemanden beim Abendessen dazu zu bringen, nicht ins Handy zu tippen. Menschen, die das mit sich machen, brennen wie eine Kerze an beiden Enden. Als Künstler zwingt mich zum Glück die Ideenlosigkeit zu Pausen: Ich kann nicht auf Befehl an einem Vormittag drei Lieder schreiben. Manchmal schreibe ich fünf, manchmal drei Wochen lang keines. Dann gehe ich mit meinem Hund spazieren und lasse die Gedanken schweifen.

Sehr deutlich haben Sie Ihren Ärger über Politik und Wirtschaft formuliert: "Jeder reißt nur sei Maul auf, aber es kummt nix." Braucht es heute so direkte Texte?
Ich spiele den Ball genauso flach und polemisch zurück, wie er zu mir kommt. Nehmen Sie die Klimakonferenzen: Es wird ein Ziel gesetzt, etwas versprochen, es passiert nichts. Genauso im Wahlkampf: Es gibt Versprechen, von denen Politiker wissen, dass sie diese nicht halten können. Ich wünsche mir, dass in der Politik eine andere Kultur einkehrt und nicht die größte Energie darauf verwendet wird, den Gegner anzupatzen. Unwahrheiten werden so plakativ gebracht, dass man am Ende nicht mehr weiß, was die Wahrheit ist. Das ist gefährlich, denn frei nach Mark Twain bringt einen nicht in Schwierigkeiten, was man weiß, sondern was man sicher zu wissen glaubt.

»75 Jahre nach dem Holocaust möchte ich keine rechtspopulistische Partei in der Regierung«

Das klingt nach Politikverdrossenheit.
Der Stil verdrießt mich. Ich wünsche mir Moral als eine Linie, die man nicht überschreitet. Politiker sollen sich in der Parteienfinanzierung genauso an die Gesetze halten wie in der Migrationsfrage. Vor Kurzem habe ich eine TV-Diskussion gesehen, in der es auch um einen Lehrling ging, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, obwohl er erfolgreich eine Lehre gemacht hat. Drei Sätze davor sagte Herr Kurz, jeder, der willig ist, zu arbeiten, ist willkommen. Das ist ein Widerspruch. Mir fehlt Klarheit. Mich irritiert, das Wahlkämpfe nicht mehr mit Programmen geführt werden, sondern mit Sprüchen wie: "Einer, der unsere Sprache spricht". Was soll das heißen?

Das Flüchtlingsthema ist einmal mehr wichtiger Teil des Wahlkampfs. Wie geht es Ihnen als sozial engagierter Mensch damit?
Ich würde mir wünschen, dass man die Kausalkette in ihrem wahren Ursprung erkennt und benennt. Denn die Flüchtlingswelle ist ja keine Naturkatastrophe. Ein Grund dafür liegt in den immensen Waffenlieferungen aus Europa. Ich wünsche mir, dass ein Politiker aufsteht und darauf hinweist. Dass Lügen verbreitet werden, wie Afghanistan als sicheres Herkunftsland zu bezeichnen. Ich verstehe, dass es eine Regulierung geben muss. Aber dieses Feindbild, zu dem Flüchtlinge gemacht werden, ist unerträglich. Das dient nur dem Zusammenhalt einer rechtspopulistischen Partei,die ohne Feindbild keine Existenzgrundlage hätte.

Was wünschen Sie sich von der bevorstehenden Nationalratswahl?
Ich bin ein Verfechter der Menschenrechte, die sind nicht verhandelbar. Und 75 Jahre nach dem Holocaust möchte ich keine rechtspopulistische Partei in der Regierung. Ich ziehe den Hut vor unserem Bundespräsidenten, der in der Regierungskrise das Richtige getan hat und Ruhe bewahrt hat.

© APA/HANS KLAUS TECHT

Sie haben bei der Bundespräsidentenwahl Van der Bellen unterstützt. Gibt es eine Partei, die Sie unterstützen?
Ich habe Professor Van der Bellen unterstützt, weil ich der Überzeugung bin, dass er unser kleines Land nach außen richtig repräsentiert. Aber das war eine Personenwahl. Ich würde nie eine Wahlempfehlung für eine Partei abgeben.

Sind nicht gerade in unruhigen Zeiten Künstler mit Ihrem Talent zum Wachrütteln gefragt?
Man läuft rasch Gefahr, als der mit dem erhobenen Zeigefinger missverstanden zu werden. Georg Danzer hat gesagt, wir müssen dort schreien, wo es anderen weh tut, die nicht schreien können. Ich begreife Kunst als Reflektor: Wenn man mir heiße Luft entgegenbringt, werfe ich sie zurück. Ich interpretiere. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, immer recht zu haben. Wer mit mir diskutieren will oder mich eines Besseren belehren: gerne!

Früher haben Sie in Pophits unterhaltsam gesellschaftliche Trends auf die Schaufel genommen, heute empfehlen Sie, aus der Geschichte zu lernen. Eine logische Entwicklung?
Man schreibt mit 65 andere Lieder als mit 25. Wenn die Zukunft kürzer wird als die Vergangenheit, gehen die Gedanken in andere Richtungen. Ich frage mich oft in diesem Wahlkampf, ob Herr Kurz seine Entscheidungen in 30 Jahren auch noch gut finden wird. Anders gesagt: Ist politische Erfahrung kein Kriterium mehr dafür, dieses Land zu führen? Ich hatte 1983 das Glück, Hans- Dietrich Genscher kennenzulernen. Wie er geschichtliche Zusammenhänge erkannt und daraus Schlüsse gezogen hat, war einzigartig. Ich unterstelle Herrn Kurz keinen Bildungsmangel, aber Lebenserfahrung ist für mich ein notwendiger Bestandteil, um ein Land zu führen.

Was lernen Sie aus der eigenen Geschichte, wenn Sie - wie in "Rock 'n'Roll Band" - auf Ihre Jugend blicken?
Wir waren sehr begeisterungsfähig, und das habe ich mir zum Glück über die Jahrzehnte erhalten. Es war nicht alles gut, was ich geschrieben habe, auch nicht alles schlecht. Wenn man an der Vergangenheit mehr Freude hat als an der Zukunft, ist man alt. Das ist bei mir zum Glück nicht der Fall.

Was halten Sie heute vom jungen Fendrich von "Strada del Sole"?
Das ist fast ein fremder Mensch, ein ganz anderer. Ich lehne ihn nicht ab. Mir geht es wie André Heller im TV-Porträt zu seiner Person: Er hat darin sein junges Ich als "Er" bezeichnet. Ich bin nicht mehr der von früher. Ich bin frei von Zwängen. Geblieben ist die Leidenschaft für Musik.

»Nur die Kritik bringt dich weiter, nicht das Lob«

Was unterscheidet denn den Fendrich von heute vom jungen Rainhard?
Ich betreibe keine Selbstanalyse. Jeder geht seinen Lebensweg, den kann man sich aussuchen. Was man sich nicht aussuchen kann, sind die Menschen, die einem begegnen. Allein deshalb ist die Vergangenheit etwas, das man manchmal hinter sich lassen muss.

Stimmt es, dass man aus schwierigen Zeiten mehr lernt als aus den guten?
Nur die Kritik bringt dich weiter, nicht das Lob. Das ist meine Lebenserfahrung. Die harten Kritiken merkt man sich. Als ich "Strada del Sole" in der Blütezeit politischer Liedermacher wie Konstantin Wecker veröffentlicht habe, hat eine Tageszeitung geschrieben: "Rainhard Fendrich versteht es nicht, mit intellektueller Schärfe die Probleme unserer Zeit anzugehen." Damals warst du nicht gesellschaftsfähig, wenn du nicht politisch warst. Das hat mich getroffen. Aber vermutlich hat es mein Problembewusstsein gefördert.

Ihr Liebeslied "Mein Leben", ist das ein Ja zu sich selbst oder zu Ihrer Partnerin?
Es ist nicht rein autobiografisch. Die Liebe spielt in der Kunst immer eine große Rolle, ab dem ersten Gedicht, das man jemandem in die Schultasche steckt. Aber die Qualität der Liebe verändert sich im Lauf des Lebens: Am Anfang ist man verliebt, gegen Ende des Lebens ist es wichtig, geliebt zu werden. Für mich ist es ein reifes Lied über die Liebe. Inspiriert hat mich die spanische Koseform "mi vida", mein Leben. Das gefällt mir. Und natürlich trägt die Erfahrung, dass ich spät im Leben einen Partner gefunden habe, mit dem ich den Weg zu Ende gehen will, ihren Teil dazu bei.

Sie machen noch weitere kluge Feststellungen zum Thema Liebe auf dem Album. Haben Sie ein Fazit, wie Liebe gelingt?
Gar nicht. Es hat viel mit Zeit zu tun. Es gibt zwei starke Gefühle im Leben: Hass und Liebe. Hass kann man unterdrücken, Liebe nicht. Sie kommt und geht, wie sie will, und man kann sie mit einem Wort zerstören. Es ist ein Gefühl, das wir nicht beherrschen können, das nicht unserem Verstand unterworfen ist. Dieses Gefühl im reifen Alter zu beschreiben, finde ich spannend.

»Mein Beruf steht auf drei Beinen, wie ein Hocker«

Sie sprechen vom "reifen" Alter und haben einen berührenden Text über das Abschiednehmen geschrieben ("Abendrot"). Wie präsent ist das Thema?
Jeder Mensch ist endlich, und in den vergangenen drei Jahren sind meine Eltern gestorben. Ich erzähle aber von einem Alzheimerfall, weil ich erlebt habe, wie jemand im Bekanntenkreis auf diese Art gehen musste. Alzheimerpatienten sterben in Einsamkeit, haben mir Ärzte erklärt. Das ist grausam, weil ihnen alles fremd wird und Angst macht.

Welche Gedanken machen Sie sich zum Älterwerden?
Alle Menschen wünschen sich ein langes Leben, aber keiner will alt werden. Klar denke ich darüber nach. Ich rette mich, indem ich meinen Kopf in Arbeit stecke. Mein Beruf steht auf drei Beinen, wie ein Hocker: körperliche Gesundheit, geistige Wachheit und das Publikum. Fällt eines davon weg, kippt der Hocker um. Aber solange er so stabil ist, mache ich meinen Beruf, weil ich ihn liebe. Ich freue mich auf die Tour, vielleicht schreibe ich einen Roman oder mache ein Soloprogramm

Sie haben eine Zeit lang sehr öffentlich gelebt, nun schützen Sie Ihr Privatleben sehr. Was war der Auslöser?
Es gab keinen besonderen Anlass, vielleicht hat es mit Reife zu tun. Was mich scheu macht, ist die Dauerbeobachtung durch die neuen Medien. Wenn man ein bekanntes Gesicht hat,hat man kein Recht mehr, in der Öffentlichkeit privat zu sein, wird überall fotografiert. Aber ich mag es, mich zurückzuziehen und privat zu sein mit meinen Lieben.

Ihr Sohn Lucas veröffentlicht mit seiner Band Hunger im Dezember ein Album. Wie betrachten Sie die Karriere, die er sehr zielstrebig betreibt?
Mein Sohn ist sehr talentiert und hat eine unglaublich gute Stimme. Er singt besser als ich. Und Zielstrebigkeit hilft natürlich, eine Karriere zu starten. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Kindern, die denselben Beruf ergreifen, besser hilft, wenn man ihnen nicht hilft. Alles, was ich sage, könnte sich auch zerstörerisch auswirken, wie wenn man mit dem Fuß auf eine heranwachsende Pflanze tritt.

ZUR PERSON

Rainhard Fendrich Der Sänger kam 1955 in Wien zur Welt und prägte nach einer Zeit als Musicaldarsteller ("Jesus Christ Superstar") und Schauspieler ab den 1980er-Jahren die Austropopbewegung mit Hits an der Grenze zur Parodie ("Strada del Sole", "Schickeria","Macho Macho"). Mit "I Am From Austria" - als kritische Antwort auf Waldheim gemeint - schuf er Österreichs inoffizielle Hymne. Aus sozialem Engagement entstand 1997 Austria 3 mit Wolfgang Ambros und Georg Danzer, die drei spielten bis zu Danzers Tod 2007 zusammen. Bis heute ist Fendrich sozial engagiert, u. a. gegen Kinderarmut.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News-Ausgabe Nr. 37/19

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