Spitzentöne von

Tausend Dank, Herr Harnoncourt

Über einen Künstler, an den noch kein Nachahmer herangekommen ist

Heinz Sichrovsky © Bild: News
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Als ich ihn vor einigen Jahren im alten Bauerngehöft bei Salzburg besuchen durfte, begab er sich plötzlich aus der Sicherheitszone. Das Interview war vorbei, und auf einmal sagte Nikolaus Harnoncourt: "Was glauben Sie, wie müde ich bin. Aber wenn ich aufhöre, lege ich mich ins Bett und stehe nicht mehr auf." Er war da schon an Krebs erkrankt, und aus Salzburg hörte man, er sei nach ekstatisch geführten Proben in der Garderobe fast zusammengebrochen. Dass Nikolaus Harnoncourt drei Monate nach seinem Rückzug von allen künstlerischen Aktivitäten gestorben ist, konnte wohl nicht anders sein. Schon der Rücktritt im vergangenen Dezember hat mich ratlos gemacht.

Wer sollte künftig Mozart dirigieren? Es waren ja keine "Hörgewohnheiten", in denen mich der Schöpfer der Originalklangbewegung gestört hätte: Was zwei Generationen geliebt hatten, weil es Teil ihres Aufwachsens war – Karajans "Don Giovanni", Karl Böhms "Così fan tutte" –, war plötzlich außer Kraft gesetzt von den radikalen Wahrheiten, die Harnoncourt ans Licht befördert hatte. Und seinen vielen Nachahmern gelang selten Adäquates. So war das Alte vorbei, und das Neue personifizierte sich in einem Mann, dessen Kräfte erkennbar zur Neige gingen. Er hat mich von jedem unserer nicht wenigen Gespräche ein Stück klüger nach Hause geschickt. Auch dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

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