Essay von

Im Archipel
Gemeindebau

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Ein Blick auf das Jahr 2020: Wie lang macht es die SPÖ? Sie wird dringend gebraucht, aber keiner weiß es. Und wohin führt uns der Regulierungswahn der Bobos

Helene Beier war Witwe und wohnte auf Stiege vier, vis-à-vis von Stiege fünf, wo wir wohnten. Aber wenn sie einmal im Monat an der Tür läutete, um den Mitgliedsbeitrag einzuheben, hatte sie die Identität gewechselt wie die Fee im Märchen: Dann hatte sich Helene Beier in DIE PARTEI verwandelt. Streng und mild in einem kam mir die ehrenamtliche Funktionärin der SPÖ vor, wenn sie unter den seltsam feierlichen Blicken meiner Eltern den Betrag quittierte, der seit der Früh abgezählt auf dem Küchentisch lag. Dann klebte Helene Beier je eine Marke in die Mitgliedsbücher von Sichrovsky, Dr. Johanna, und Sichrovsky, Prof. Heinrich. Und einmal im Jahr hob sie zusätzlich die Abo-Gebühr für die "Arbeiterzeitung" ein. Am 1. Mai wurde Helene Beier womöglich noch größer: Da dankte ihr der Bürgermeister in Anwesenheit Abertausender auf dem Rathausplatz. Freilich ohne sie eigens beim Namen zu nennen, aber dessen bedurfte es gar nicht: Man war einander auch so gewiss. Die Wiener SPÖ regierte seit Menschengedenken mit absoluter Mehrheit, und am 1. Mai war jedes Fenster im Hernalser Gemeindebau beflaggt. Dafür waren jedem Haushalt zwei Garnituren Fähnchen zur Verfügung gestellt worden: Die Bekenner entschieden sich für den von drei Pfeilen durchbohrten Kreis auf rotem Grund, die Vorsichtigeren begnügten sich mit der rot-weißen Wiener Flagge (wir waren die Vorsichtigeren).

Mein Dreiviertelleben später wird Helene Beier, als Archetypus verstanden, zwar immer noch bedankt. Mittlerweile wäre es allerdings eine Option, sie namentlich zu belobigen, so wenige ihresgleichen gibt es noch. Und gedankt wird ihr vor allem nach Wahlen, weil sie trotz offenbarer Aussichtslosigkeit ihre Bemühungen nicht eingestellt hat. Zumindest in der Bundespolitik ist das so, denn in den Bundesländern walten weiterhin eigene Gesetze. Hoffe ich zumindest und habe mich damit, nicht zum ersten Mal, als gepeinigter Stammwähler zu erkennen gegeben: Ich wähle die SPÖ bis zum letzten Atemzug - ob ihrer oder meiner, ist eine Frage der Kondition. Bis es aber bei einem von uns so weit ist, würde ich ihr gern Mut zusprechen, indem ich sie an ihre Unentbehrlichkeit erinnere. Nie war sie, die demnächst größte Oppositionspartei, weniger entbehrlich als jetzt, da sie sich so entbehrlich präsentiert wie nie in ihrer Geschichte.

Im anbrechenden Jahr wird in Wien gewählt, und die Chancen der SPÖ müssten nach den Gesetzen der Logik großartig sein, vorausgesetzt, Logik wäre noch eine politische Kategorie. Wien ist ein urbanes, lebenswertes Biotop, innerhalb dessen sich allerdings wegen der komplizierter werdenden Bevölkerungsstruktur die sozialen Gegensätze nach unten hin verschärfen. Jetzt ist bei der FPÖ ein riesiges Wählerpotenzial abzuräumen. In Massen sind ihr seit Jahren die SPÖ-Wähler zugelaufen, weil sie sozialen Abstieg befürchteten und den albernsten Beteuerungen glaubten. Nicht einmal Ibiza konnte der FPÖ zunächst schaden, im Gegenteil: Zwei Pülcher, die über schoafe Weiber mit dreckiche Zechn schweinigeln, zogen sogar einen gewissen Solidarisierungseffekt auf sich. Dann stellte sich heraus: In Ibiza ging es gar nicht um Beischlaf, sondern sieben Stunden lang um Korruption. Da ließ das Interesse schlagartig nach: Man wird doch noch sieben Stunden über Korruption verhandeln dürfen! Aber dann wurden Straches hohe Bezüge ruchbar (die sich von denen der politischen Konkurrenz vermutlich weder in ihrer Höhe noch durch die Art ihrer Beschaffung unterschieden). Strache hat in seiner aktiven Zeit hundert Anlässe zur Ächtung geboten und wurde immer stärker. Gestürzt ist er erst, als das verlässlichste aller Gefühle - der Neid - gegen ihn mobilisiert wurde. Und jetzt löst sich die FPÖ auf. Wobei ich mir keine Hoffnungen mache, dass die nicht wiederkommen (sie kommen immer wieder). Aber zuerst sind Wahlen, und die von der Partei der Kleinen, Fleißigen und Anständigen veruntreuten Stimmen wären abzuholen.

Von wem? Von der ÖVP und den Neos wohl nicht ernsthaft. Von den Grünen? Dieser Wechselwähler muss erst geboren werden. Also von der SPÖ, die aufhören soll, die Grünen um die Bobo-Stimmen zu beneiden, und sich besser auf einen klaren sozialen Kurs verständigt. So wie er (ein Skandal, ich weiß) im Burgenland gepflogen wird, wo die SPÖ, einen dubiosen Koalitionspartner amikal in Schach haltend, ein solides Sozialkonzept umsetzt. Das mit anderen Worten, was sich damals im Gemeindebau materialisiert hat: das Versprechen, dass man für sein Leben Sicherheit und für seine Arbeit ein halbwegs gerechtes Äquivalent bekommt. Dass das zu Zeiten des triumphierenden Fresskapitalismus veraltet und die SPÖ neu zu erfinden wäre, kann sich nur in verschobenen Bobo-Gehirnen aufgebaut haben.

Meine andere Sorge gilt dem bösartigen, moralisierenden Kontroll- und Maßregelungswahn, der die selbst nominierten Repräsentanten der Zivilgesellschaft erfasst hat. Die Grünen haben sich damit vor zwei Jahren aus dem Parlament eliminiert, jetzt sind sie, als Passagiere auf dem sich drehenden Zeitgeist, schon fast in der Regierung. Angst und bang wird mir, wenn ich mir vergegenwärtige, wie die kollektive Befindlichkeit durch die Extreme und Ideologien schleudert. Vor einem Jahr war es noch mehrheitsfähig und Wahlsiege garantierend, Menschen beim Ertrinken zuzusehen, eine Schande des 21. Jahrhunderts. Wenig später setzte sich - bei Gott ein nobleres Anliegen - ein fünfzehnjähriges Mädchen vor das schwedische Parlament, um sich für den Klimaschutz zu erklären.

Und jetzt ist Greta-Zeit, Punkt. Dabei scheint mir das Projektschon entgleist, und ich meine damit nicht die jetzt 16-Jährige, die soeben, allein mit einem wildfremden Ehepaar, wochenlang über den Atlantik geschippert ist. Die zugehörige Yacht hat sich das umweltaktive Betreiberpaar eingestandenermaßen aus Spenden und Zuwendungen finanziert (mit vergleichbaren Transaktionen haben sich Personen aus meinem Bekanntenkreis hinter Gitter manövriert). Beim Umweltgipfel in Madrid kümmerte sich kein Mensch um das sich anbahnende Debakel, weil die Weltpresse Gretas Einlaufen erwartete, wahlweise in der ersten Klasse oder auf dem Boden einer Garnitur der Deutschen Bahn. Derweil kündigt der Cirque du Soleil eine Greta-Show an, und der britische Begründer des militanten Arms der Bewegung faselt von Gaskammern und bagatellisiert die Shoah. In welche Gesellschaft drohen da idealistische junge Leute zu geraten? Aber wehe, einer vertritt eine auch nur relativierende Position. Sogar der deutsche Bobo-Humorist Dieter Nuhr wurde der Gretalästerung schuldig befunden und von seinesgleichen durch Shitstorm bestraft.

Da bedarf es gar keines englischen Antisemiten, damit man sich Sorgen macht: Kürzlich wurde vor den Kohlengruben im Ruhrpott aggressiv für deren sofortige Stilllegung demonstriert. Dass damit Massenarbeitslosigkeit eingefordert wird, ist ebenso wenig Thema wie die noch tiefere Verelendung Afrikas, wenn dort, wie seitens der EU-Präsidentin versprochen, Maßnahmen zur industriellen Entwicklung ausgesetzt werden. Mit Entsetzen las ich in Internetforen, wie niederösterreichische Pendler quasi als Umweltschädlinge stigmatisiert wurden. Und Fluglinien setzen, in guter kapitalistischer Übung, unter Berufung auf mögliche Gewinneinbrüche Tausende auf die Straße. Im Frühjahr konnte Greta von ihrem Pressesprecher übrigens in letzter Minute bewogen werden, zustimmende Äußerungen zur Atomkraft zurückzuziehen. Klar, dass jetzt der tschechische Energieminister CO2 - freie Morgenluft wittert.

Fragt sich, wofür als Nächstes marschiert werden wird, wenn in einem halben Jahr das Klima wegen Themenübersättigung niemanden mehr interessiert, was die wahre Katastrophe wäre. Und vor allem: wo wir dann stehen werden. Also: Ruhe, Besonnenheit, zurück zum Blick über das Ganze. Ja, und: zurück auf die Schulbank, was für alle Generationen gilt.

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