Digitale Gesellschaft von

Was das Smartphone mit uns macht

Die Smartphone-Sucht und ihre Gefahren

Digitale Gesellschaft - Was das Smartphone mit uns macht © Bild: shutterstock

Wann haben Sie das letzte Mal ein ganzes Buch gelesen? Oder einen längeren Zeitungsartikel? Wann haben Sie das letzte Mal bei einer Bushaltestelle gewartet, ohne auf das Handy zu blicken? Wann das letzte Mal in der Früh aufgewacht, ohne sofort zum Smartphone zu greifen? Und, haben Sie die erste Frage schon wieder vergessen? Dann sollten Sie vielleicht weiterlesen. Bis zum Ende.

Pro Minute werden weltweit 140 Millionen E-Mails verschickt, 100 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen, 350.000 Tweets geschrieben, 240.000 Fotos auf Facebook gepostet und fast 1000 neue Blogeinträge veröffentlicht. Um all diese Inhalte abrufen zu können, schalten wir unsere Smartphones am Tag 88 Mal an. Bei acht Stunden Schlaf bedeutet das: Wir unterbrechen unsere Tätigkeit alle 18 Minuten, um zum Handy zu greifen. Insgesamt sind das zweieinhalb Stunden pro Tag, die wir in den unendlichen Weiten des Internets verbringen.

»Die digitale Welt führt dazu, dass wir unsere Aufmerksamkeit zerstückeln. Wir können uns einfach nicht mehr lange konzentrieren.«

Alexander Markowetz ist Autor des Buches „Digitaler Burnout. Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist“. In einem Interview mit der FAZ sagt er: „Insgesamt führt die digitale Welt dazu, dass wir unsere Aufmerksamkeit zerstückeln. Wir können uns nicht mehr so lange konzentrieren. Ein Buch bindet einen an längere Texte. In der digitalen Welt wird alles in kleinen Portionen präsentiert.“ Das digitale Burnout führt er auf die ständige Erreichbarkeit und Interaktion zurück: „Früher hatten wir im Alltag eine Grunddosis an Pausen. An der Bushaltestelle im Zug oder im Wartezimmer hatten wir Zeit, in uns reinzuhören, innezuhalten. Diese Pausen füllen wir nun mit dem Handy aus.“ Jeder Smartphone-Besitzer wird das zu bestätigen wissen.

Smartphonisten und richtige JUKER aufgepasst: Smartphone Lane ftw!

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Dopaminsüchtige Smombies

Kurz zusammengefasst: Wir wurden zu Smombies. Zur Erinnerung: Smombie war das Jugendwort 2015. Eine Verschmelzung der Begriffe „Smartphone“ und „Zombie“. Verschmelzung ist hier das Schlagwort. Was aber bringt uns dazu, ständig mit unserem Smartphone eins zu werden? Laut Markowetz stehen hier ähnliche Mechanismen wie bei einer Sucht dahinter.

»Jedes Entriegeln des Handys ruft schon Glücksgefühle hervor, es sind Automatismen, die uns zum Handy greifen lassen«

Schuld dabei ist das Glückshormon Dopamin. Das wird vom Körper nämlich nicht nur dann ausgestoßen, wenn etwas Positives erlebt wird, sondern auch, wenn rein die Erwartung besteht, etwas Positives zu erleben. „Jedes Entriegeln des Handys ruft schon Glücksgefühle hervor, es sind Automatismen, die uns zum Handy greifen lassen“, meint Markowetz. Entsperrt man das Handy, wird man ja vielleicht belohnt. Mit einer Neuigkeit, einem „Like“, „Herz“, „Retweet“ oder, besonders aufregend, mit einem „Match“. Diese ganz schnelle Belohnung ist es auch, die uns verlernen lässt, zu warten.

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Das Smartphone als Aufmerksamkeitskiller

Aussagekräfte Forschung, vor allem Langzeit-Forschung, wie sich die neue Art des Medienkonsums genau auf unsere körperliche und geistige Gesundheit auswirkt, fehlt allerdings. Studien, wenn überhaupt vorhanden, können daher lediglich als Momentaufnahmen gesehen werden. Warum? Das iPhone gibt es gerade erst einmal zehn Jahre. Der Zeitraum, in dem wir das Handy so exzessiv nutzen, ist demnach noch zu kurz, um Langzeitfolgen abschätzen zu können.

All die Untersuchungen kommen jedoch zum gleichen Ergebnis: Das Smartphone ist ein enormer Aufmerksamkeits- und Konzentrationskiller.

So ist beispielsweise bewiesen, dass das Licht heutiger Bildschirmmedien die Melatonin-Absonderung unterdrückt und so das Einschlafen verzögert. Mediennutzung kann sich folglich negativ auf die Schlafquantität und -qualität auswirken. Die dauerhafte Müdigkeit untertags führt wiederum zu Aufmerksamkeit- und Konzentrationsdefiziten. Faktoren, die sich gegenseitig bedingen, zu einer Abwärtsspirale führen und im schlimmsten Fall in einer Depression enden.

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Unkonzentriert und hyperaktiv: Smartphones können Kinder krank machen

Statistisch signifikante Zusammenhänge zwischen der Nutzung digitaler Medien und bestimmten gesundheitlichen Folgen konnten vor kurzem auch bei Kindern und Jugendlichen festgestellt werden. Das Ergebnis der „BLIKK Studie 2017“: Intensive Nutzung digitaler Medien kann bei Kindern zu Entwicklungsstörungen führen. Die Risiken reichen von Sprachentwicklungsstörungen bei Kleinkindern bis zu Konzentrationsstörungen und Hyperaktivität bei 8- bis 13-Jährigen. Gerade Kinder werden durch intensive Mediennutzung ungeduldiger und verlieren schnell das Interesse, wenn die erwartete Reaktion nicht sofort eintritt. Fehlt der Input medialer Reize zur Gänze, sind Kinder also auf sich selbst gestellt und zeigen nach kürzester Zeit Anzeichen von Unruhe und Anspannung – typische Symptome für Konzentrationsstörungen.

»Kleinkinder brauchen kein Smartphone. Sie müssen erst einmal lernen, mit beiden Beinen sicher im realen Leben zu stehen«

Bereits 70 Prozent der Kindergartenkinder benutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich. Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung in Deutschland meint dazu: „Kleinkinder brauchen kein Smartphone. Sie müssen erst einmal lernen, mit beiden Beinen sicher im realen Leben zu stehen. Es ist höchste Zeit für mehr digitale Fürsorge- Durch die Eltern und Schulen, aber auch durch die Politik.“

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Digital Detox

Den Kindern ist jedoch kein Vorwurf zu machen. Denn viele Eltern sind im Umgang mit Smartphones kein gutes Vorbild. Ein Trend, der helfen soll digitale Auszeiten zu schaffen, ist „Digital Detox“, zu Deutsch: Digitales Entgiften. Eine „Bewegung“, die für einen bewussteren Umgang mit Smartphone, Tablet und Co. eintritt. Auch Markowetz, wir erinnern uns – der Autor des Buches „Digitaler Burnout“, plädiert für digitale Diäten im Alltag. Das Handy einfach öfter einmal bewusst weglegen und versuchen, sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren. Wem das von alleine nicht gelingt, kann auf Apps wie „Offtime“ zurückgreifen und gezielt einzelne Anwendungen für einen selbst festgelegten Zeitraum blockieren. Außerdem hilft die App dabei, zu kontrollieren, wie oft man sein Smartphone nutzt. Und wie „süchtig“ man wirklich ist. Prinzipiell gilt der Grundsatz: Je nervöser man ist, wenn einmal der Akku ausgeht, desto abhängiger ist man. Wenn Sie es allerdings bis hierher, dem Ende des Textes, geschafft haben, ist das bereits ein gutes Zeichen.