Baustopp - und wie geht's weiter?

Klimaministerin Leonore Gewessler hat den Bau des Lobautunnels und andere Projekte gestoppt. Nun muss sie erklären, was Mobilität in Zukunft heißt.

von Renate Kromp © Bild: Ian Ehm/News

Die ersten Überlegungen für eine Nordostumfahrung Wiens und in weiterer Folge für den Lobautunnel reichen zurück bis in die 1990er-Jahre. „Klimakrise“, dieses alarmierende Wort, sagten damals noch nicht einmal die österreichischen Grünen, die sich wenige Jahre zuvor rund um die Besetzung der Hainburger Au formiert hatten. Wer Auto fuhr – auch viel und gerne und hobbymäßig –, musste sich noch keine kritischen Frage anhören. Verkehrsplanung bestand im Wesentlichen darin, die zunehmende Zahl an Autos und damit gefahrenen Kilometern hochzurechnen und neue Straßen entsprechend zu dimensionieren. Bürgerinitiativen gegen solche Projekte formierten sich dann, wenn diese direkt vor ihrer Nase gebaut werden sollten. Überregional hatte solches Engagement aber selten Aufmerksamkeit.

»Klimakrise sagten in den 1990er-Jahren noch nicht einmal die Grünen«

Die Welt hat sich seither geändert. Das ist nicht nur eine Plattitüde. Die Erderwärmung hat sich in den letzten 30 Jahren stark beschleunigt. Das Bewusstsein für die globalen Probleme, die daraus entstehen – von Dürre bis Überschwemmungen, von Ernteausfällen und Hunger bis zur Flucht –, ist gewachsen. Die Zusammenhänge zwischen dem, was wir alle tun, und den Auswirkungen unserer Aktivitäten auf Klima werden international gesehen. Eine Straße ist nicht mehr einfach nur ein Asphaltband, das von A nach B führt und nur die Menschen zwischen A und B interessiert.

Wir halten bei 1,1 Grad mittlerem globalem Temperaturanstieg seit dem vorindustriellen Zeitalter. Klingt nach nicht viel. Aber nur 1,5 Grad können wir uns laut Klimaexperten leisten – darauf, dieses Limit einzuhalten, hat man sich bei Klimagipfeln wie zuletzt in Glasgow geeinigt –, alles darüber wird nicht einfach nur ungemütlich. Es wird für die meisten Menschen katastrophal.

Das Gute ist: Eigentlich weiß man, was man dagegen tun könnte. Das Schlechte: Zu oft reden wir nur darüber. Wenn die grüne Klimaministerin Leonore Gewessler nun große Straßenbauprojekte nach einer Evaluierung, an der das Umweltbundesamt und die Bundesstraßengesellschaft Asfinag mitgewirkt haben, stoppt, ist der Aufschrei in den Bundesländern programmiert, auch wenn man all das oben Beschriebene weiß.

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig hat den Rechtsweg angekündigt, wenn S 1 und Lobautunnel nicht gebaut werden sollen. Auch der türkise Teil der Bundesregierung ist nicht begeistert. Dabei haben ÖVP und Grüne das Drehbuch dafür selbst in ihr Regierungsprogramm geschrieben: Klimaneutralität 2040, maximale Bodenversiegelung von 2,5 Hektar täglich (statt derzeit 11,5 Hektar). Auch die EU gibt ambitioniertere Klimaziele vor als früher.

Die grüne Ministerin hat bewiesen, dass sie Gegenwind, Kritik, Klagsdrohungen nicht scheut. Das macht sie zur durchsetzungskräftigsten Umweltministerin, die dieses Land bisher hatte. Aber vielleicht folgt jetzt sogar der schwierigere Teil ihrer Aufgaben. Der Widerstand gegen ihren Baustopp rührt auch daher, dass es Fantasie braucht, sich vorzustellen, was Leben, was Freizeit, was Geldverdienen und was Mobilität in Zukunft heißen. CO2-Schleudern gegen gleich viele E-Autos tauschen, nicht. Das würde ja gleich viel Straße brauchen. Die Welt wird sich wieder ändern müssen. Klimapolitikerinnen müssen nun erklären, wie.