Wie Affären Paare
auch stärken können

Affäre, Drama, Scheidung. Das können wir besser, meint Star-Therapeutin Esther Perel. Sie holt das Tabuthema "Untreue" ans Licht und nimmt ihm den Schrecken. Sie erklärt, wie eine Affäre ein Paar stärken kann und was dagegen immun macht.

von Beziehungen - Wie Affären Paare
auch stärken können © Bild: Richard Dumas / Agence Vu / picturedesk.com

Die aparte 60-Jährige mit den dunkel lackierten Fingernägeln hat den Nerv der Zeit getroffen. Wenn sie schlagfertig und spritzig hochkomplexe Zusammenhänge erklärt, jubeln auf Festivals in den USA die Zuseher. Angesagt wird Esther Perel als Rockstar unter den Psychotherapeuten. Ihre Praktiken sind außergewöhnlich, individuell und sehr erfolgreich. Ihre Ted-Talks erreichen 20 Millionen Klicks. Ihr Podcast "Where Should We Begin?", auf dem man ihr bei der therapeutischen Arbeit mit Paaren zuhören kann, geht bereits in die dritte Staffel. Es mag an ihrem Gespür für die richtigen Fragen zur richtigen Zeit liegen und dem Mut, Dinge anders zu sehen. So sieht sie Affären nicht bloß als Bedrohung. In ihrem neuen Buch, dem US-Bestseller "Die Macht der Affäre. Warum wir betrügen und was wir daraus lernen können", seziert sie das Tabuthema, interpretiert es neu und zeigt Wege auf, die nach Hoffnung schmecken statt nach Zerstörung.

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80 Prozent aller Menschen in ihren Vorträgen haben Erfahrungen mit Affären gemacht, erzählt sie. Aber niemand würde darüber sprechen, kritisiert Perel und sagt, was sie am liebsten sagt: "Das können wir besser!" Affären können eine Beziehung wachküssen, Untreue kann eine Chance sein und wir sollten uns gestatten, das Tabuthema positiv zu sehen, fordert die Autorin. News bekam einen raren Termin zum Nachfragen, wobei Perel darauf bestand, das Interview zwischen New York und Wien via Bildtelefon zu führen. Das sei doch anders, intimer, besser für ein Gespräch, sagt sie.

Eine Affäre muss nicht das Ende einer Beziehung sein, sondern kann ein neuer Anfang sein, meinen Sie. Wie darf man sich das vorstellen?
Ich betrachte moderne Beziehungen durch das Brennglas von Affären. Warum? Weil sie alle Zutaten intimer Beziehungen beinhalten: Liebe, Leidenschaft, Betrug, Täuschung, Lügen, Rache, Macht, Eifersucht. Das findet man sonst nur in der Oper. Warum ist Untreue heute der Hauptgrund für Scheidungen? Wie hat sich unser Blick auf die Ehe geändert? Warum sprechen wir über Krebs und Scheidung, aber nicht über Affären? Warum ist es ein Tabuthema, bei dem es nur Schwarz und Weiß gibt, obwohl 80 Prozent der Bevölkerung in irgendeiner Form Erfahrung mit Untreue gemacht haben? Diese Hintergründe müssen wir verstehen, um das Thema Affäre in neuem großem Rahmen betrachten zu können.

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Was ist denn so neu am Rahmen einer Affäre?
Leidenschaft und Liebe sind so alt wie die Menschheit. Aber beides war nie gleichzeitig die Basis jener Beziehung, in der wir Kinder großziehen. Damit hat sich die Bedeutung der Ehe völlig gewandelt: Während des Großteils der Geschichte hatte Ehe nichts mit Liebe zu tun. Und heute erwarten wir von unserer Ehe oder Beziehung so viel: Sicherheit und Abenteuer, Liebe und Sehnsucht, eine tiefe Verbundenheit und Freiheit. Das ist doch paradox! Damit hat Untreue hat eine völlig neue Bedeutung: Wir gehen nicht mehr fremd, weil wir unglücklich sind, sondern weil wir glücklicher sein könnten.

Wenn Affären sogar in glücklichen Beziehungen passieren können, wie wird dann aus Untreue eine neue Chance für ein Paar?
Manche Affären – nicht alle – können Paaren aus ihrer Faulheit und Nachlässigkeit helfen. Sie können Menschen daran erinnern, was ihnen wichtig ist. In einer Zeit, in der wir alles daran setzen den Einen, den Richtigen zu finden, erleben wir Betrug als Zerstörer unserer Welt. Dafür schämen wir uns und es wird ein Tabu. Wenn sich der Betrogene entscheidet, in der Beziehung zu bleiben, lebt er mit einer doppelten Lüge, denn niemand soll von der Affäre wissen. Sie wird zum dunklen Geheimnis. Ich finde, wir brauchen einen Platz für dieses Thema, einen Ort, an dem Affären nicht länger der Sargnagel einer Beziehung sind, sondern der neue Antrieb.

Beschreiben Sie doch konkret: Was tut ein Paar, nachdem einer von beiden eine Affäre hatte? Wie macht es daraus eine neue Chance?
Als Erstes muss der Partner, der untreu war, Verantwortung übernehmen. Es ist nicht in Ordnung, wenn er oder sie sagt: "Du hast mich in die Affäre getrieben", oder: "Es war nur Sex." Wer das sagt, hat möglicherweise recht, weil er so denkt, aber er wird am Ende alleine dastehen. Zur Heilung braucht es, Verantwortung zu übernehmen, und das tut weh. Danach kommt, Reue zu zeigen. Und: Zeige, dass dir wirklich etwas an der Partnerschaft liegt. Streng dich an. Die andere Person muss sich ehrlich mit der Frage des "Warum" beschäftigen. Warum ist es passiert? Warum jetzt? Was hat es dir bedeutet? Und ich meine nicht: Was ist passiert? Nicht die Fakten sind wichtig, sondern die Bedeutung der Geschehnisse. Es geht darum, zu verstehen, was die Affäre mit dem Paar und seiner Geschichte zu tun hat.

Inwieweit passieren Affären, weil in der Beziehung etwas nicht stimmt?
Manchmal haben sie mit dem Paar zu tun, weil einer der Partner nicht genug Aufmerksamkeit bekommt, der andere nie zuhört. Manchmal hat Untreue aber gar nichts mit dem Paar zu tun und passiert, weil einer von beiden mit Krankheit konfrontiert war und das Gefühl hatte, das Leben ist plötzlich kurz. Es gibt Milliarden Gründe, und die liegen nicht immer in der Beziehung. Sie zu kennen, ist aber für die Heilung wichtig.

Wie geht es weiter, wenn ein Paar die Hintergründe einer Affäre aufgedeckt hat?
Es soll gemeinsam neue Erfahrungen sammeln, Herausforderungen meistern. Das wirkt wie eine Frischzellenkur. Wenn man zur alten Routine zurückkehrt, wird man nicht immun gegen Affären. Nur neue Herausforderungen stärken ein Paar: eine Renovierung, ein Schlafzimmerwechsel, ein Umzug, eine neue Routine. So überwindet man gemeinsam die Affäre und schafft neue ­Erinnerungen und ein Gefühl des Zusammenhalts.

Gibt es einen Weg, um Affären zu verhindern?
Wir leben in einer Gesellschaft, die vom Individualismus geprägt ist. Wir selbst definieren unsere Identität, wir bestimmen, was unserem Leben Bedeutung gibt. Früher war das die Aufgabe von Religion und Tradition. Heute brauchen Menschen die Aufmerksamkeit des anderen. Sie gibt ihnen das Gefühl, Bedeutung für den anderen zu haben. Interesse und Neugierde zu zeigen, wirkt Wunder. Fragen wie: Was geht dir durch den Kopf? Was hat dich nicht schlafen lassen letzte Nacht? Das gibt dem anderen das Gefühl, dass er mehr ist als die Funktion, die er in der Familie ausübt.

Wächst Untreue aus mangelndem Interesse am anderen?
Das Thema ist sehr komplex: Wir legen den größten Teil unserer Energie in Aktivitäten außerhalb der Beziehung. Im Job geben wir alles. Für die Kinder opfern wir uns auf. Unsere Hobbys sind uns wichtig. Dann bekommt der Partner, was übrig bleibt. Würden wir unseren Partner wie unsere Kunden oder Geschäftspartner behandeln – mit Aufmerksamkeit, Humor, Neugierde –, würden sich Menschen in ihren Beziehungen viel lebendiger fühlen. Das ist nichts, das von selbst in der Luft liegt, das muss man kultivieren.

Muss man an der Beziehung arbeiten, wie es heißt?
Es geht nicht um Arbeit, es geht um Kreativität. Zu arbeiten heißt nur, den Termin in den Kalender einzutragen. Es geht um Kreativität, die dazu führt, dass wir uns lebendig fühlen. Wenn wir ein einfaches Essen zubereiten, geben wir Gemüse in den Dampfgarer. Fertig. Wenn wir etwas Besonderes wollen, gehen wir in verschiedene Geschäfte, suchen Rezepte, da ist Vorfreude, Spannung, Erwartung. Diese Art von Investition meine ich.

Welche Rolle spielt der oder die Dritte in einer Affäre?
Wenn eine Affäre auffliegt, befinden sich alle im Überlebensmodus. Jede Handlung kann den entscheidenden Ausschlag geben, wie sich die Sache weiterentwickelt. Alles ist sehr zerbrechlich. Wenn ich heimkomme und mein Partner ist stinksauer, ist es anders, als wenn er es mir unmöglich macht, sauer zu sein. Dabei kommt es stark darauf an, welche Art von dritter Person dabei agiert. Es gibt sehr talentierte Dritte, die ihre Vorzüge taktisch einsetzen.

Viele Paare kommen zu spät zur Therapie. Gibt es den richtigen Zeitpunkt?
Man kann auch zu Beginn einer Partnerschaft zur Therapie gehen. Sie ist wie Urlaub für die Beziehung. Je mehr man über seine Beziehung reflektiert, desto stärker wird sie. Denn dann agiert man bewusst, statt nur zu reagieren. In einer Familie ist Zeit für sich als Paar eine Investition in das Überleben der Familie. Wir leben zum ersten Mal in einer Zeit, in der das Überleben der Familie vom Glück der Eltern abhängt. Jungen Eltern sage ich oft: Wenn ihr euch vernachlässigt und denkt, in 18 Jahren wird es besser, wird einer von euch nicht mehr da sein. Heute gibt es nichts, das Menschen in einer unglücklichen Beziehung hält.

Was ist das Geheimnis der Paare, für die eine Affäre zur neuen Chance wird? Liebe? Guter Sex?
Wenn zwei Menschen zusammenbleiben, geht es am wenigsten um Liebe und Sex. Meistens sind es Pflichtgefühl, Loyalität, die Kinder. Sie lieben ihren Liebhaber und bleiben trotzdem beim Ehepartner. Es wird schwierig für die, die sagen: "Ich will, dass du wegen mir bleibst! Nicht weil es bequem ist! Nicht wegen der Kinder!" Denn meistens sind genau das die Gründe, zu bleiben. Das ändert sich erst im Lauf der Zeit. Nach spätestens zwei Jahren sagt der untreue Partner: "Ich bin so froh, dass es uns noch gibt! Was habe ich damals nur gedacht!?" Dieses Gefühl muss neu entdeckt werden. Wenn Sie darauf bestehen, dass Ihr Partner bleibt, weil Sie die Liebe seines Lebens sind, werden Sie ihn vergraulen.

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Solche Geschichten haben Sie tatsächlich erlebt?
Ja, ich muss an diesen Mann denken, der gesagt hat: "Meine Frau ist so außergewöhnlich, sie hat so viel zu geben, das hätte meine Freundin nie vollbracht. Sie war so selbstsüchtig und hat verlangt, dass ich meine Familie verlasse. Sie hat es mir leicht gemacht, zu bleiben." Oder der andere Mann, der seit zwei Jahren eine Affäre hat, als seine Mutter schwer krank wird. Plötzlich wird er nachdenklich und sagt, dass nur seine Frau weiß, wie er begraben werden möchte, nur mit ihr möchte er seine Mutter besuchen. Das ist der Unterschied zwischen einer Liebesgeschichte und einer Lebensgeschichte. Manche Affären sind Liebesgeschichten und nicht dazu bestimmt, Lebensgeschichten zu werden. Es gibt mehr Menschen für Liebesgeschichten als Menschen, mit denen wir leben können.

Wenn man sich für die Lebensgeschichte entscheidet, wie geht man dann mit der Liebesgeschichte um?
Mit Respekt. Man schreibt einen schönen Brief, sagt danke und wie wertvoll und wichtig er oder sie im eigenen Leben war, aber dass man sich für den Ehepartner entschieden hat. Sagt: "Ich wünsche dir nur das Beste, ich werde dich nie vergessen und es tut mir leid, dass ich dachte, wir hätten eine ­gemeinsame Zukunft, aber die Entscheidung ist nun eine andere. Es tut mir leid, dass ich dich warten ließ, und ich hoffe, dass du das Besondere, das wir hatten, mitnehmen kannst in deine Zukunft."

Was heißt das für die Zukunft von Beziehungen? Werden wir eine Lebensgeschichte haben und dazu mehrere Liebesgeschichten?
Nein, das war ja das bisherige Modell: Wir waren sozial monogam und sexuell promiskuitiv. Dieses Modell schien alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Nun klappt das nicht mehr und wir sollten das Modell hinterfragen. Statt uns scheiden zu lassen und mit der nächsten Person wieder am Modell zu scheitern, sollten wir das Modell neu denken.

Wie sieht das Beziehungsmodell der Zukunft aus?
Es wird nicht das eine geben, das für alle passt, sondern viele Modelle. Dazu müssen wir die Menschen dazu bringen, nachzudenken: Welche Art von Beziehung will ich? Wir müssen uns viel bewusster und vor ­allem mit mehr Innovationswillen unsere Beziehungen ­erschaffen. Wir sind in allen Lebensbereichen kreativ, nur in unseren Partnerschaften monolithisch. Hören wir doch auf, das können wir besser!

Dieses Interview erschien ursprünglich in der Printausgabe 10/2019

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