Spitzentöne von

Vor Witz und
Klugheit funkelnd

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Und ich dachte schon, er werde immer da sein. Jetzt ist Gustav Peichl gestorben, einer aus der großartigen, von Kraft und Verstand erfüllten Generation der Neunzigjährigen

Da wollte ich einmal über den wunderbaren Wandel der Schlagzeilen und den langen Atem der Weltliteratur philosophieren: wie die Nachrichten zum Stichwort "Handke", die mir Google täglich übermittelt, plötzlich kein Denunziantengegeifer mehr betrafen. Sondern eine von der zivilisierten Welt mit Spannung erwartete Uraufführung bei den Salzburger Festspielen. Und wie sich plötzlich 200 Einlassungsbefugte in einem offenen Brief für ihn zu Wort meldeten: der Büchner-Preisträger Josef Winkler mit seinen Kollegen Sabine Gruber, Doron Rabinovici, Julya Rabinowich, Clemens J. Setz, Anna Baar, Teresa Präauer, Daniel Wisser ... dazu ein Dutzend Literaturwissenschaftler zwischen Berlin und Oxford, federführend die Elite der österreichischen Germanistik. Franz Schuh nicht zu vergessen, der österreichische Essayist, der am leidenschaftlichsten von denen ikonisiert wird, denen er jetzt als Unterzeichner des offenen Briefs ihre beschränkte Niedertracht krachend um die Ohren schlägt. Denn die von den Unterzeichnern so qualifizierte Hasskampagne wird vordringlich in Kreisen betrieben, die sich auf ihr Bessermenschentum viel zugute halten. Wie da zuletzt angeregt wurde, einem der größten lebenden Schriftsteller könnte ja eventuell die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt werden, und wie sich die Denunziantenblase daraufhin um ein paar Tausend Internet-Trolle ausdehnte: Das soll und wird nicht vergessen sein.

Das alles hatte ich für Sie schon konzipiert. Da fährt mir mein Freund Gustl in die Parade, der große Architekt und nachhaltige Karikaturist Gustav Peichl, von dem ich schon qualifiziert gehofft hatte, er werde immer da sein. Gesehen haben wir einander zuletzt im vergangenen März, als ich im Wiener Grand Hotel das letzte Buch unserer Kolumnistin Lotte Tobisch vorstellen durfte. Das Leben war beiden schon ersichtlich zu Leibe gerückt. "Ich kann bald nimmer", stöhnte die Geehrte verhalten, als sie dem dritten Fernsehteam Rede stehen und für den fünften Fotografen Haltung annehmen sollte. Aber sie konnte natürlich, denn sie wusste, was sie sich schuldig war. Und der Gustl, am Stock sich mühselig auf den Beinen haltend, war an ihrer Seite, denn alle wollten das Doppelfoto, das Doppelinterview dieser beiden singulären, vor Witz und Klugheit funkelnden Menschen.

Binnen zwei Monaten wurde die inspirierende Generation der Neunzigjährigen um diese beiden ärmer. Arik Brauer, wie Hugo Portisch einer ihrer großen Repräsentanten, hat ihre scheinbar unerschöpfliche Kraft so erklärt: Sie hätten, auf verschiedenen Seiten, die Menschheitskatastrophe des Nazi-Reichs noch erlebt und ihre Schlüsse daraus gezogen. Sie seien aber zu jung gewesen, um schuldig zu werden beziehungsweise einander etwas vorzuwerfen. So hätten sie sich ohne Verzug dem Wiederaufbau der gemeinsamen Heimat zuwenden können.

Gustav Peichl war ein großer Architekt, dem jetzt in den Foren oft gedankt wird: von früheren Schülern, die in den von ihm entworfenen Klassenräumen atmen konnten, von Menschen, die sich in seinen Wohnungen wohlfühlen. Während das einzige nicht von ihm entworfene ORF-Zentrum, das auf dem Küniglberg, der Generalsanierung entgegenverfällt, stehen die seinen in der Blüte ihrer Bespielbarkeit. Als er sie entwarf, hatte er die Höhe seines Einflusses erreicht, und ich, ein junger Hupfer, nannte ihn in der "Arbeiterzeitung" eine "Personalunion aus Iwan dem Schrecklichen und seinem Hofzwerg". Er hat sehr darüber gelacht, denn er war als Karikaturist ein Mann des Witzes, der für die Klugen immer auch Selbstironie bedeutet. Ich habe ihm zu danken, wie ich Lotte Tobisch, Arik Brauer und Hugo Portisch zu danken habe: dafür, dass keine Minute, die ich mit ihnen verbringen durfte, eine verlorene war.

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