330.000 Menschen beschäftigt: Arcelor und Mittal schmieden weltgrößten Stahlriesen

Arcelor stimmt Übernahme durch Inder doch noch zu ServerStal-Eigner Mordaschow zeigt sich verärgert

330.000 Menschen beschäftigt: Arcelor und Mittal schmieden weltgrößten Stahlriesen

Als großen Schritt für die Stahlindustrie haben die beiden weltgrößten Stahlkonzerne Mittal Steel und Arcelor ihre angekündigte Fusion gewertet. Beide Seiten zeigten sich nach dem monatelangen erbitterten Übernahmekampf am Montag in Luxemburg mit der erreichten Einigung zufrieden.

Das verbesserte Angebot von Mittal Steel entspreche "allen Bedingungen, die wir gestellt haben", sagte Verwaltungsratspräsident Joseph Kinsch bei der ersten gemeinsamen Pressekonferenz. "Wir haben einen sehr großen Schritt in der Stahlindustrie nach vorne getan", sagte der indische Stahlmilliardär Lakshmi Mittal.

Die Europäische Union hatte bereits Anfang Juni unter Auflagen der Fusion zugestimmt. Der neue Stahlriese wird die weltweit unangefochtene Nummer eins in der Stahlindustrie sein, mit einer Jahreskapazität von 120 Mio. Tonnen Stahl, einem Umsatz von 57 Mrd. Euro und etwa 330.000 Beschäftigten.

Kinsch betonte, sowohl die weitere Erhöhung der Offerte um zehn Prozent auf 25,6 Mrd. Euro als auch Mittals Akzeptanz des "Modells Arcelor" hätten den Verwaltungsrat überzeugt. Nach fünfmonatigem Übernahmekampf hatte Arcelor am Sonntag schließlich zugestimmt. Mit der Einigung ist die Ende Mai noch zur Abwehr von Mittal geplante Fusion mit dem russischen Stahlkocher SeverStal praktisch vom Tisch.

Die Fusion bringt für Österreichs Stahlindustrie neue Marktchancen, glaubt voestalpine-Generaldirektor Wolfgang Eder. Für die voestalpine bestehe jedenfalls weiterhin keine Gefahr, selbst zum Übernahmekandidaten zu werden. In das gleiche Horn stößt auch Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl. Er geht davon aus, dass Mittal-Arcelor auf längere Zeit mit sich selbst beschäftigt ist. Dafür dränge allerdings Russland immer stärker in die Westmärkte.

In dem neuen Unternehmen werden die bisherigen Arcelor-Eigentümer 50,5 Prozent halten und die bisherigen Mittal-Aktionäre 49,5 Prozent. Der Anteil der Familie Mittal beträgt 43,6 Prozent. Der Rest ist im Streubesitz. Die Vereinbarung sieht vor, dass Mittals Anteil in den nächsten fünf Jahren nicht über 45 Prozent steigen darf. 6 der 18 Mitglieder des Verwaltungsrats werden künftig von Mittal vorgeschlagen. Arcelor-Chef Guy Dollé bleibt vorerst im Amt. Die bisherige Vierer-Geschäftsführung wird durch drei weitere Geschäftsführer, darunter Mittals Sohn Aditya Mittal, ergänzt. Lakshmi Mittal wird Nachfolger Kinschs, wenn dieser aus seinem Amt ausscheidet. Bisher läuft sein Mandat bis 2008.

Der Zusammenschluss sei eine "Vernunftehe", sagte Kinsch. "Ich hoffe, dass diese Vernunftehe auch zu einer Liebesheirat unserer beiden Teams führen wird", sagte der 73-Jährige. Die Fusion sei eine "schwer zu bewältigende Arbeit". Auch Mittal betonte, er hoffe, dass die Ehe "mit der jungen Braut, die wir in den letzten fünf Monaten umworben haben" von langer Dauer sein werde.

Der indische Konzernchef Mittal nannte die Fusion ein "bahnbrechendes Ereignis, das die Zukunft der Stahlindustrie prägen wird". Es handle sich um eine "Fusion der Gleichen, um das führende Stahlunternehmen der Welt zu schaffen". Der Zusammenschluss werde die Konsolidierung in der Branche weiter beschleunigen, sagte er. Hauptsitz von "Arcelor Mittal" ist Luxemburg. Das Bar-Angebot wurde auf maximal 8,5 Mrd. Euro angehoben.

SeverStal-Eigentümer Alexej Mordaschow zeigte sich "sehr verwundert" über die Arcelor-Entscheidung. Er habe ein nachgebessertes Angebot dem Verwaltungsrat nicht erläutern können. Auch die russische Regierung reagierte verärgert auf die Absage an SeverStal. Arcelor muss beim Scheitern der SeverStal-Fusion eine Vertragsstrafe von 140 Mio. Euro an Mordaschow zahlen.

"Wir werden mit SeverStal im Rahmen unserer Joint-Venture zusammenarbeiten, haben aber sonst keine Absichten", sagte Mittal. Zunächst müssten Arcelor und Mittal Steel zusammenwachsen, um die anvisierten Synergien von rund 1,3 Mrd. Euro im Jahr auch einstreichen zu können. Der neue Konzern wolle aber versuchen, "die bestmöglichsten Beziehungen zu SeverStal zu haben", sagte Kinsch.

Unklar bleibt zunächst, ob der deutsche Konkurrent ThyssenKrupp Dofasco für 3,8 Mrd. Euro übernehmen kann. Arcelor lehne den Verkauf von Dofasco ab, sagte Kinsch. In der Mittal-Erklärung vom Montag wird eingeräumt: "Arcelor und Mittal waren nicht in der Lage, sich über die Zukunft von Dofasco zu einigen." Dies solle nach Abschluss der Fusion erfolgen. Arcelor hatte Dofasco im Februar für 3,6 Mrd. Euro gekauft.

Kinsch begründete das Einlenken von Arcelor nicht nur mit dem finanziell verbesserten Angebot. Mittal habe sich auch zu den Unternehmensgrundsätzen von Arcelor bekannt: Qualität und Ertrag seien wichtiger als die Produktion großer Mengen. Die Vereinbarung sehe auch vor, dass die industriellen Pläne und Verpflichtungen eingehalten würden und "es keine Folgen für die Beschäftigten im Arcelor-Konzern geben wird", sagte Kinsch.

Der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters sagte, Arcelor habe zugesichert, dass es weder betriebsbedingte Kündigungen und noch Standortschließungen in Deutschland geben werde. "Ich gehe davon aus, dass sich auch Mittal an diese Zusagen gebunden fühlt", sagte er. (apa)