Toten Hosen von

Campino: Anekdoten
vom Wahnsinn

Toten Hosen - Campino: Anekdoten
vom Wahnsinn © Bild: Philipp Szyza / HOCH ZWEI/Getty Images

"Ich mag die Königin. Den Brexit halte ich für eine Riesentragödie." Anlässlich der Tour-Doku trafen wir Toten Hosen-Sänger Campino zum Interview.

Im 38. Jahr ihres Bestehens zeigen die Toten Hosen mit einer Tourdokumentation ihren Bühnenalltag. Dieses Abenteuer lockt Sänger Campino noch immer. Kürzlich leistete er als neuer Brite den Eid auf die Queen. Er fand das schön

In dieser Welt fühlen sie sich wohl. Wo man zum Schlafen in kleine Buskojen kriecht. Wo die Hemden immer mit zu kurzen Ärmeln aus der Wäscherei kommen. Wo man lange über der optimalen Reihung der Lieder im Konzert brütet. Und wo allabendlich die Euphorie Zigtausender Fans auf die Bühne schwappt und einen mitreißt. Für Sänger Campino schmeckt diese alltägliche Routine nach Zuhause, wie er im Interview erzählt. Im 38. Bandjahr luden die Toten Hosen Regisseurin Cordula Kablitz-Post sechs Monate lang in ihr Wohnzimmer ein. Mit der Tourdokumentation "Weil du nur einmal lebst" schuf sie der Band ein Denkmal.

© Caroline Seidel / dpa / picturedesk.com Campino und Regisseurin Cordula Kablitz-Post

Die Erfolgsstrategie einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Bands nach so vielen gemeinsamen Jahren zu formulieren, machte sich Kablitz-Post zur Aufgabe. Sie fand sie in klaren Strukturen und echter Freundschaft begründet. "Das Wichtigste ist, dass sie sehr früh angefangen haben, eine Aufgabenteilung in der Band zu finden. Da gibt es keine Egos, die sich bekriegen. Sie kennen sich ja größtenteils aus der Schulzeit und sind tatsächlich noch immer Freunde", so Kablitz-Post.

Filmisch festgehalten wurde auch die Zeit um den Hörsturz, den Sänger Campino auf Tour erlitt. Heute ist er genesen und merkt, dass er trotz des gesundheitlichen Dramas nicht von der Bühne lassen kann. Dafür gesteht er es sich samt seinen Punkrockwurzeln zu, den Brexit für eine Tragödie zu halten und die Queen für außergewöhnlich.

News: Frau Kablitz-Post, Sie haben Campino bereits vor zehn Jahren für eine Dokumentation begleitet. Haben sie Neues über ihn und die Band entdeckt?
Kablitz-Post:
Dieses Mal ging es ja um die ganze Band. Da wollte ich rausfinden, wie das geht, dass eine Band so lange existiert und so erfolgreich ist und sich gleichzeitig so gut versteht. Gleichzeitig gibt es ja viele Bands, die sich wegen Egoproblemen auflösen.

Haben Sie eine Antwort gefunden?
Kablitz-Post:
Ja, ich glaube das Wichtigste ist, dass sie sehr früh angefangen haben eine Aufgabenteilung in der Band zu finden. Da gibt es keine Egos, die sich bekriegen. Sie kennen sich ja größtenteils aus der Schulzeit und sind tatsächlich noch immer Freunde. Diese Freundschaft trägt die Band immer noch derart, dass die auch miteinander in den Urlaub fahren.

Wenn man einen Teil seines Lebens unter die Lupe genommen auf der Leinwand sieht: Entdeckt man da Überraschendes?
Campino:
Bevor wir den Rohschnitt sahen, waren wir unglaublich nervös. Sich auf der Großbildleinwand zu sehen, ist immer ein Schock. Außerdem hat jeder, der mit auf Tour fährt, seine eigene Sichtweise auf die Geschehnisse, obwohl er dasselbe erlebt. Überrascht hat mich, wo die Leute lachen, was sie spannend finden. Das Publikum ist natürlich von den Stellen besonders begeistert, an denen es für mich unangenehm wird.
Kablitz-Post: Ich war auch geschockt, weil keiner einen Ton gesagt hat nach dem ersten Screening. Ich dachte, die finden alles furchtbar. Dann haben sie mir erklärt, dass sei die höchste Form der Euphorie, wenn keiner schreit.
Campino: Stimmt, mir geht es auch nicht anders, wenn ich einen neuen Text vorstelle: Betretenes Schweigen. Wenn sie dann auch noch zu Boden gucken, weiß ich: Okay, das war nichts.

Lernt man durch so einen Film noch etwas Neues über sich oder die Band?
Campino:
Unheimlich schön fand ich die Interviews mit Fans. Die bringen noch mal eine ganz andere Perspektive rein. Auch einige Äußerungen der Bandkollegen waren mir neu. Kuddels Redeanteil ist zum Beispiel immer sehr gering, wenn wir zu fünft ein Interview geben. Er ist es gewohnt, dass andere vorne stehen. Das ist schade, weil er teilweise viel bessere Dinge zu erzählen hat als der Rest von uns. Ansonsten wurde da mein Alltag gefilmt, für mich ist das ja Routine – mit Ausnahme des Hörsturzes oder als wir in Dresden ins Freibad eingestiegen sind. Aber das sind Details, Anekdoten, die den Wahnsinn widerspiegeln, der in irgendeiner Form ja immer stattfindet.

»Für so einen Film, muss man seine Eitelkeiten über Bord werfen«

Haben Sie den Kameras Grenzen gesetzt?
Campino:
Wir hatten zwei Abmachungen: Cordula sollte überall filmen dürfen, es würde keine Schranken geben. Gleichzeitig sagten wir: „Du musst schauen, wo du bleibst. Hier nimmt dich keiner an die Hand.“ Insofern war es in den ersten Tagen auch eine Schlacht. Wir mussten alle den Boden abstecken, standen uns im Weg und haben einander auch mal angeschnauzt. Aber wir haben es immer geschafft, uns spätestens beim Frühstück am nächsten Tag wieder zu vertragen.

Man sieht Sie grantig und verschwitzt und hört Sie beim Einsingen krächzen. Wie war es dabei ständig die Kameras dabei zu haben?
Campino:
Für so einen Film, muss man seine Eitelkeiten über Bord werfen. Wenn das nur eine Hofberichterstattung wird, ist das furchtbar langweilig. Es entsteht nichts Gutes, wenn man nicht zwischendurch einen Kampf in Kauf nimmt. Dabei kommt irgendwann auch die Zeit, die Handschuhe wegzuwerfen und nicht mehr auf ‚fein‘ zu machen. Wenn man den Kameramann, der nur seinen Job macht, anpflaumt, dann ist er endgültig angekommen.

Das Tourleben vom Film ist Ihr Alltag. Fragen Sie sich manchmal ob etwas vom „echten Leben“ versäumen?
Campino:
Je älter ich werde, umso mehr weiß ich unser Glück zu würdigen. Wenn ich das Leben anderer Menschen beobachte, sind wir dagegen ganz schön leichtfüßig unterwegs. Wir gehen zwar hin und wieder auf eine anstrengende Tour, können uns aber auch immer wieder in den Proberaum flüchten oder unsere Kinder aufwachsen sehen. Uns zu erden und einzuordnen, was wir sind, oder was dieser Job bedeutet, ist für uns keine Schwierigkeit mehr. Die Phase des Größenwahns haben wir hinter uns. Da muss jeder in diesem Beruf durch, seine Position überdenken und verstehen - und auch dagegen rebellieren. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist fünf Minuten vor Spielschluss vorbei. Wir führen 3:1 und warten jetzt darauf, dass der Schiri endlich abpfeift.

© Britta Pedersen / dpa / picturedesk.com Michael Breitkopf, Andreas Meurer, Campino, Vom Ritchie und Andreas von Holst (v. li.) in Ausgehpanier

Nach dem Hörsturz fragen Sie sich: Will ich noch 20 geile Konzerte spielen oder noch 20 Jahre mit Leuten reden? Es scheint, als wäre die Entscheidung für die Bühne gefallen.
Campino:
Diese Entscheidung wird mir das Leben abnehmen. Ich selbst bin dazu nicht in der Lage. Ehrlich gesagt habe ich nicht die Kraft davon zu lassen, weil es die größte Euphorie ist, die ich je empfunden habe. Da merke ich, wie wichtig mir Musik ist und wie viel es mir gibt, mit den anderen auf der Bühne zu stehen, Freude zu bereiten und zu bekommen.

Sie sprechen auch vom Abenteuer, das wartet? Ist das denn noch immer spannend?
Campino:
Auf jeden Fall. Auf der Bühne habe ich das Empfinden, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Dort bin ich zuhause. Wenn ich im Schauspiel unterwegs war, habe ich es nie geschafft, mich wirklich wohlzufühlen. Am Theater war es wie ein Besuch bei guten Freunden, aber es war nicht meine Heimat. Das geht nur in der Musik.

Wie verarbeitet man das, wenn das Gehör, ihre Berufsgrundlage, plötzlich nicht mehr mitspielt?
Campino:
Es ist natürlich eine Katastrophe. Ein Hörsturz ist schwierig, weil es wenig harte Fakten dazu gibt. Du weißt nicht, was ihn auslöst und was ihn heilt, der Genesungsprozess ist bei jedem Menschen anders. Gesichert scheint nur, dass der Teil des Gehörs, der nach sechs Wochen nicht zurückgekommen ist, höchstwahrscheinlich weg bleibt. Ich habe für mich beschlossen, dass ich das mit mir selbst ausmachen muss. Es war meine Sache und ich habe meine Gedanken und Sorgen auch nicht jeden Tag den Bandkollegen aufs Brot geschmiert Das macht sie nur nervös. Dass zwischendurch mal eine Sicherung durchgebrannt ist und ich jemanden in der Konsequenz angeranzt habe, ist der traurige Nebeneffekt. Das konnte ich nicht verhindern.

War der Hörsturz Anlass ihr Leben und den Alltag neu zu überdenken?
Campino: Mir ist klar, dass es nur schwer gelingen wird, den Stress zu reduzieren. Es ist auch keine Alternative, nicht mehr auf Tournee zu gehen. Der Lärm, die Hektik, der Radau – das wird bleiben. Die Frage ist, wie ich damit umgehe. Da kann ich mich verbessern und versuchen, eine andere Distanz aufzubauen. Es ist erst fünf Jahre her, dass ich vor lauter Wut nach einem Konzert, bei dem viel schief gegangen ist, eine Tür zugeschlagen habe. Meine Hand war aber dazwischen und die Fingerkuppe ab. Und einmal habe ich mir den Fuß gebrochen, weil Liverpool gegen Chelsea rausgeflogen ist und ich gegen eine Mülltonne getreten habe. Wie man so doof sein kann....

Kritiker orten eine Konfliktscheuheit im Film: Ihr Spagat zwischen Punk und Business ist kaum Thema.
Campino: Es ist klar, dass man es nicht jedem rechtmachen. Nach über 37 Jahren ertrage ich es, wenn Leute spekulieren, wie viel an uns Kommerz ist. Ich muss mich aber nicht erklären oder mich in die Diskussion begeben. Wir antworten mit dem, was wir tun. Die Leute sollen nur mal auf die Preise der Konzertkarten und des Merchandise gucken. Wenn uns jemand anschießt, können wir nur erwidern, dass wir noch nie Werbung gemacht haben. Ganz bewusst. Kritik müssen wir zulassen und dürfen nicht beleidigt sein. Kritik hat uns über die Jahre auch gut getan. Das hilft zu reflektieren, zu kontrollieren und justieren. Aber gerade dieses Thema haben wir schon lange für uns ad acta gelegt und Position bezogen.
Cordula: Hier handelt es sich ja um einen Dokumentarfilm, bei dem sich jeder selbst seine Meinung bilden kann über die eigene Beobachtung. Der Film ist keine journalistische Abhandlung mit "Für und Wider"-Diskussionen, sondern eine authentische Momentaufnahme der Band im Jahr 2018.

Sie sind seit kurzem auch britischer Staatsbürger. Warum jetzt?
Campino: Das soll kein politisches Statement zur aktuellen Situation sein. Es war ein privater, familienhistorisch bedingter Schritt. Über die Hälfte meiner Geschwister hat einen britischen Pass. Mein ganzes Leben ist davon geprägt: englische Mutter und deutscher Vater, FC Liverpool und Fortuna Düsseldorf, Punkrockbewegung in London und die Bands Zuhause. Es war auch schön, den Eid auszusprechen: Treue und Solidarität gegenüber der Königin. Ich mag diese Königin. Sie ist eine außergewöhnliche Frau. Die Institution Monarchie schätze ich mit allen Problematiken, die sie mit sich bringt. Aber ich bin natürlich Düsseldorfer und überzeugter Europäer - und den Brexit halte ich für eine Riesentragödie.

Auf welchen Ausgang hoffen Sie denn?
Campino: Es ist dermaßen konfus, dass niemand sagen kann, was passiert, aber ich halte den chaotischen „No-deal-Brexit“ für realistisch. Man darf nicht vergessen, dass die Menschen dort seit Jahrhunderten von Wasser umgeben leben. Während wir immer Nachbarn hatten, die auch mal bei uns durchfuhren und mit denen wir umgehen lernten, mussten die über Jahrhunderte mit niemandem auskommen. Insofern ist diese Ambivalenz zum Festland möglicherweise tief verankert. Es gab schon Mitte der 70er-Jahre das erste Referendum ob die Briten bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bleiben. Das ist alles nicht neu.

»Hoffnung sollte man immer haben«

Haben Sie Sorgen was die Folgen für Europa betrifft?
Campino: Natürlich bin ich besorgt, dass England die Position einnimmt, die erste Ratte zu werden, die von Bord geht. Die Briten waren immer ein Stabilitätsfaktor in der EU und wir haben mit Italien, Polen oder Ungarn jede Menge verfahrene Situationen. Es ist uns nicht gelungen der Mehrheit der Menschen in Europa klar zu machen, was wir an dieser EU haben. Jedem muss klar sein, dass es zwei Weltkriege gekostet hat, dass viele Menschenleben bezahlt wurden, damit diese Vision wahr wird und wir in Frieden leben dürfen. Das müssen wir besser verteidigen. Wie Leute mit diesem fantastischen Konzept spielen ist beunruhigend.

Wie schauen Sie in die Zukunft? Sind Sie hoffnungsfroh? Ein Optimist?
Campino: Hoffnung sollte man immer haben, vor allem aber Kraft, sich für Dinge einzusetzen, die man für wichtig hält. Das finde ich so toll an der aktuellen Jugendbewegung mit den Freitagsdemos (Anm.: „Fridays for Future“ für Klimaschutz): Die Kids erleben, dass man etwas verändern kann, wenn man ein gemeinsames Ziel verfolgt. Sie lernen, dass man etwas tun kann, was vielleicht den Rest ihres Lebens verändert. Sie werden zu politisch aktiven Mitbürgern. Das gibt mir Hoffnung!

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