Kritik von

Goethes „Torquato Tasso“ – alles in einer Leier mit Elektrosound

Susanne Zobl über die Premiere von Goethes Künstlerdrama

Burgtheater © Bild: Burgtheater/Georg Soulek

Die Aufführung hat System: Man tut so als würde man Goethe spielen. Man leiert dessen Verse, als wären sie von Schülern brav auswendig gelernt worden. Vom Drama über den italienischen Dichter Torquato Tasso, der 1544 in Sorrent geboren, es an den Hof von Ferrara geschafft hat und mit 51 Jahren in geistiger Umnachtung in Rom gestorben ist, zeigt Martin Laberenz jedoch nur ein vages Schema.

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Eine gigantische geometrische Figur von der Art eines Dodekaeders prangt auf Volker Hintermeiers Drehbühne. Sie ist Zufluchtsort und später Gefängnis des Titelhelden Torquato Tasso. Ein Wald aus metallenen Lichtstangen könnte auf die Anti-Idylle eines Dichterhains schließen lassen. Man ist in Ferrara auf dem Hof von Herzog Alfons. Der hält sich den Dichter Tasso, der ihm eine große Dichtung schenken soll. Die ringt man dem Poeten ab, obwohl er sie noch verbessern will, und bekränzt ihn mit Lorbeer. Als Draufgabe darf oder besser muss er die überschwängliche Gunst der Schwester des Herzogs konsumieren. Bevor es zur Vereinigung kommt, wiederholt er einen der zentralen Sätze des Stücks, „Erlaubt ist, was gefällt“, wie ein Mantra.

Burgtheater
© Burgtheater/Georg Soulek

Goethes Verse wie aus einer Leier sprechen zu lassen und streckenweise mit elektronischem Sound zu einem Klangteppich zu verweben, hat System. Laberenz rückt den Konkurrenzkampf des von Ehrgeiz getriebenen Staatssekretärs Antonio gegen den Dichter Tasso ins Zentrum. Als identische Figuren, in hellbraune Anzüge und gelbe Hemden gekleidet (Kostüme: Aino Laberenz), verkörpern sie zwei Welten, die gegeneinander antreten: Kunst gegen politischen Karrierismus. Dennoch überwiegt Langeweile. Diese ist auch der überschaubaren Darstellungskraft des Ensembles geschuldet: Philipp Hauß zeigt Tasso als von Selbstzweifeln geplagten Intellektuellen mit Hang zum Jähzorn, aber ebenso zur Bequemlichkeit. Ignaz Kirchners Herzog ist ein liebevoller, aber strenger Onkel. Ole Lagerpusch rappt als Antonio seine Verse flott und verkörpert ein Springinkerl, das sich in ein großes Stück auf eine große Bühne verirrt hat. Dorothee Hartingers Leonore ist eine Intrigantin, die mitunter auch im Leoparden-Badeanzug, auf ihre Beute lauert. Andrea Wenzl reduziert die Schwester des Herzogs auf eine verwöhnte Göre, die sich nimmt, was sie will, in dem Fall den Dichter.

Wenn Hauß seinen Schlussmonolog zum Sound von Friederike Bernhardts elektronischer Musik aufsagen muss, mutet das wie eine Kapitulation vor einem großen Stück an – wie die ganze Aufführung.

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