Interview von

"Uns verjagt keiner!"

Interview - "Uns verjagt keiner!" © Bild: APA/Hans Punz

Am 1. Jänner dirigiert Christian Thielemann erstmals das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. In Salzburg führte er die Osterfestspiele aus prekären Umständen zum alten Glanz. Jetzt aber droht ein Konflikt. Über seinen Verbleib in Salzburg, den Zauber des Walzers und "Negerküsse" sprach er mit News.

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Mit den Wiener Philharmonikern verbinde ihn ein inniges Verhältnis, lässt Christian Thielemann wissen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der 1959 geborene Berliner zum Neujahrskonzert eingeladen wurde -am 1. Jänner 2019 ist es so weit. 2013 übernahm er mit der von ihm geleiteten Staatskapelle Dresden in prekärer Situati0n die Salzburger Osterfestspiele. Das war ein veritabler Akt der Rettung: Nach dem Abgang der Berliner Philharmoniker und Simon Rattles war das 1967 von Karajan gegründete Festival dem Ende nahe. Thielemann führte es zum Glanz des Gründers zurück. Nun aber droht Ungemach: 2020 tritt Nikolaus Bachler, dann pensionierter Intendant der Münchner Oper, als kaufmännischer, 2022 gar als Gesamtdirektor an. Die neue Führung war mit dem künstlerischen Leiter Thielemann nicht abgesprochen, Bachlers regiezentriertes Konzept lehnte er stets ab. Dafür bahnt sich Erstklassiges an der Staatsoper an: Im Mai leitet Thielemann die Neuproduktion von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten", und der designierte Direktor Bogdan Roščić deutete schon vor Längerem gemeinsame Pläne an. Und schon 2019 geht der Maestro mit den Philharmonikern auf Asien-Tournee. News erreichte ihn zum Gespräch über die Leichtigkeit beim Walzer, seine Zukunft bei den Osterfestspielen, Pläne für die Staatsoper -und "Negerküsse".

Herr Thielemann, Sie dirigieren Ihr erstes Neujahrskonzert. Überwiegt die Vorfreude oder die Aufregung?
Ich freue mich unglaublich darauf, weil ich mit den Wiener Philharmonikern ein so inniges Verhältnis habe.

Oft wird der Walzer als leichte Musik abgetan. Zu Recht?
Ich habe diese vermeintlich leichte Musik schon bei allen möglichen Gelegenheiten dirigiert und auch sehr viel Operette. Das heißt, so fremd ist sie mir gar nicht. Und es ist sehr gut, dass es die Möglichkeit gibt, andere Kollegen anzuhören. Das Interpretationsspektrum ist sehr breit. Ich bin immer erstaunt, wie natürlich und ganz normal im besten Sinne das einige machen. Ich bin besonders angetan von Willi Boskovsky (Dirigent des Neujahrskonzerts 1955 bis 1979, Anm.). Der hat eine Natürlichkeit! Wenn man ihn hört, denkt man, so muss es sein.

Worauf kommt es bei der Interpretation des Walzers an?
Wichtig sind Leichtigkeit, Spielfreude, die die Wiener Philharmoniker in reichem Maße haben, und eine gewisse Gelassenheit. Und es ist auch ein Schuss Melancholie in den Walzern. Diese Musik ist gar nicht so furchtbar lustig. Da ist auch so ein bisschen ein "Es war einmal" dabei. Deshalb kann man das alles nicht so herunterfetzen. Ja, bei einer "Polka schnell" oder einem Csardas, da geht es los. Es gibt so viele Stücke, wo man mit einem gemäßigten Tempo und viel Geschmack viel mehr erreicht. Bei dieser Musik kommt es auf ein kluges Gewichten an. Man muss darauf achten, dass man nicht zu viel macht. Bei einer Symphonie von Beethoven kann man mehr übertreiben als bei einem Walzer. Wenn man da immer noch eins draufsetzt, ist es schon vulgär. Es geht um eine gewisse Natürlichkeit. Und wo ist man damit besser aufgehoben als in Wien?

Fühlen Sie sich noch in Salzburg aufgehoben? Sie führten die Osterfestspiele aus existenzbedrohenden Umständen zu einem Glanz wie zu Karajans Zeiten. Aber 2020 kommt Nikolaus Bachler, den Sie ablehnen, als Direktor. Was werden Sie tun?
So, wie es jetzt entschieden worden ist, lässt sich nichts dazu sagen. Aber Sie wissen, viele Entscheidungen können auch modifiziert werden. Man sollte jetzt die Pferde nicht scheu machen. Wir sind da, die Sächsische Staatskapelle Dresden und ich freuen uns, in Salzburg zu spielen. Wir sind dort gut angekommen und von den Salzburgern wundervoll aufgenommen worden. Das Publikum zieht mit, die Kartenverkäufe ziehen mit. Ich bin ganz gelassen.

Sie sagten doch: "Wenn Bachler kommt, gehe ich."
Ich habe im Vorfeld dieser Entscheidung klar dargelegt, dass und warum ich mit Herrn Bachler kein für die künstlerische Zusammenarbeit unbedingt notwendiges Vertrauensverhältnis erkennen kann. Mehr lässt sich dazu nicht sagen, und derzeit reden wir auch gar nicht über das Thema. Ich finde das ganz schön. Es ist Weihnachtspause.

Gerüchten zufolge wollen die Berliner nach Salzburg zurück. Will man Sie und Ihre Dresdner verjagen?
Es ist nicht so, dass wir uns "verjagen" ließen. Wir sind diejenigen, die die Qualität hochhalten. Und man hat nie gesagt, dass man uns nicht will. Man hat uns immer die größten Komplimente gemacht. Deswegen ist meine Neugier groß, wie die Sache weitergeht.

Stimmt es, dass Ihr Vertrag mit der Staatskapelle Dresden bis zum Jahr 2024 läuft, Ihr Vertrag mit Salzburg aber jedes Jahr neu verlängert wird?
Mein Vertrag mit der Staatskapelle läuft bis 2024 und jener mit den Osterfestspielen Salzburg bis inklusive der Saison 2021.

Es wurde kolportiert, dass die Finanzen der Osterfestspiele nicht stimmen. Man warf Ihnen auch vor, dass der Tausch des Regisseurs der "Tosca" zu teuer gewesen sei. Stimmt das?
Das stimmt so nicht. Der Regisseur bekam keine Vergütung, weil er sich ja selbst zurückgezogen hatte. Und: Ich bin mit Intendant Peter Ruzicka über den Zahlen gesessen und habe zu meiner großen Freude festgestellt, dass diejenigen, die sagten, es ginge finanziell nicht gut, nicht die Wahrheit gesagt haben. Wir haben 93 Prozent Sitzplatzauslastung. Wir erreichen eine Eigendeckung von 85 Prozent. Und wir haben die Ausfallshaftung der öffentlichen Hand nur zu 74 Prozent in Anspruch genommen. Peter Ruzicka ist die Quadratur des Kreises gelungen. Er weiß sowohl künstlerisch auf allen Feldern Bescheid, ist Jurist und in finanziellen Fragen von größter Kompetenz. Und so, wie es in Salzburg im Moment läuft, könnte es meiner Meinung nach auch die nächsten Jahre weitergehen. Jetzt aber genießen wir die Zeit, die wir zusammen haben. Und dann müsste auch einmal gesagt werden, was sich denn nun ändern soll.

Führen Sie bereits Gespräche mit dem designierten Wiener Staatsoperndirektor Bogdan Roščić?
Ja, wir sind im Gespräch, und es gibt Pläne für die Wiener Staatsoper. Man muss sehen, ob "Die Frau ohne Schatten" wieder kommt. Weitere Angebote liegen meinem Büro vor. Sie wissen, ich bin immer so gerne in Wien. Wenn ich daran denke, das Orchester wiederzusehen, freue ich mich jetzt schon.

Werden Sie auch Neuproduktionen in Wien machen?
Wie sagt man in Wien: Schau ma mal.

Bis 2020 sind Sie Musikdirektor der Bayreuther Festspiele. Denken Sie daran, wieder bei den Salzburger Festspielen zu dirigieren?
Ich würde sehr gern im Jubiläumsjahr 2020 ein Konzert dirigieren. Ich überlege jetzt schon, wie ich dann in Bayreuth in der zweiten Hälfte wegkomme. Aber ich will auf jeden Fall mit den Wiener Philharmonikern ein Konzert machen. Und man muss sehen, ob man in Zukunft die Aufführungen in Bayreuth etwas zusammenschiebt und dann nach Salzburg kommt.

Werden Sie in Salzburg auch wieder Oper dirigieren?
Das ist im Moment nicht realistisch, da ich ja noch in Bayreuth und bei den Osterfestspielen verpflichtet bin.

Wie gefällt Ihnen das Programm des Intendanten Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen?
Ich finde es ganz toll, wer da auftritt. Salzburg ist die größte Veranstaltung von Verschiedenheiten. Ich mag einen Theaterdirektor, der alle zu Wort kommen lässt. Die einzige "Ideologie", die man dort hat, ist die der Qualität. Ich muss sagen, die Sängerbesetzung ist fantastisch.

Wie gehen Sie mit Regisseuren um? Mischen Sie sich in deren Arbeit ein?
Nein, ich wähle einen Regisseur aus, von dem ich weiß, ich kann mit ihm arbeiten. Ich habe auch schon mit dem Regisseur der "Frau ohne Schatten" gesprochen. Das wird fabelhaft anzusehen sein, und man kann es als "Frau ohne Schatten" verkaufen. Darauf achte ich. Ich achte auch darauf, dass bei den "Meistersingern"(2019 bei den Osterfestspielen, Anm.) die Politik draußen bleibt.

Ist das bei diesem Werk überhaupt möglich?
Das ist doch das Werk der Toleranz. "Der Regel Güte man daraus erwägt, dass Regel auch mal ne Ausnahm verträgt", sagt Hans Sachs in den "Meistersingern". Damit ist das Ganze klar: Stolzing ist der Außenseiter, der nachher den Preis gewinnt. Was lernen wir daraus? Einige, die von ganz woanders kommen, können zu hoch respektierten Mitgliedern der Gesellschaft werden. Und Leute, die allzu unflexibel sind, bekommen einen Dämpfer. Als hätte Wagner das für die heutige Zeit geschrieben. Das ist keine Politik, das ist das menschliche Leben. Ein Fremder interpretiert die Regeln um, stellt sich dem Wettbewerb und überzeugt die Leute durch eine neue Idee. Wenn das nicht genial ist.

Auf dem Programm des Neujahrskonzerts steht die Ouvertüre der Operette "Der Zigeunerbaron". Haben Sie Bedenken, dass der Titel von politisch korrekten Menschen kritisiert wird?
Jemand hat tatsächlich schon gesagt, ich sollte den Titel verändern. Ich sagte darauf, dass man das in Wien nicht verändern könne. Das wäre doch lächerlich. Wir hatten in Deutschland eine Süßigkeit mit dem Namen "Negerküsse". Davon konnte man nicht genug haben. Ich war fassungslos, als man diesen Namen nicht mehr sagen durfte. Wir verbanden damit doch nur das Allerpositivste. Aber das Problem wird sich lösen. Ich glaube, wir haben den Höhepunkt der politischen Korrektheit schon überschritten. So kann es nicht weitergehen.

Man warf Ihnen vor, dass Sie nicht gegen die Demonstrationen der Pegida vor der Dresdner Oper auftraten. Wurden Sie missverstanden?
Ich habe gesagt, man muss mit jedem reden. Wenn ich merke, dass so viele Menschen eine mir widerstrebende Meinung haben, muss ich erst recht mit ihnen ins Gespräch kommen. Gute Politiker müssen ihr Ohr auch an der Basis haben. Spätestens am Wahlabend bekommen sie die Resultate ihres Tuns oder ihrer Unterlassungen zu spüren.

Ihr Vorsatz für 2019?
Gesund und gelassen bleiben.

Zur Person: Christian Thielemann wurde 1959 in Berlin geboren. Mit 19 Jahren begann er seine Dirigentenlaufbahn als Assistent Herbert von Karajans in Berlin. 1997 wurde er Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, 2004 übernahm er die Münchner Philharmoniker. Seit 2012 ist er Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, seit 2013 künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele, seit 2015 Musikdirektor der Bayreuther Festspiele. Thielemann lebt in Potsdam-Babelsberg.

Das Interview erschien im News 51-52/2018.