Theaterkritik von

Warten auf
das Ende

Theaterkritik - Warten auf
das Ende © Bild: APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN

Der designierte Volkstheaterdirektor Kay Voges gibt mit „Dies Irae. Tag des Zorns. Eine Endzeit-Oper“ am Burgtheater einen Einblick in seine packende Theaterwelt

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Am Anfang war der Film vom Fall: wenige Minuten lang verwandelt sich das Burgtheater in einen Kinosaal. Mit einem Schlag und blitzendem Licht senkt sich die Leinwand. Vor der verzerrten Projektion eines Hochhauses stürzt ein Mann in die Tiefe, rudert im freien Flug mit Armen und Beinen. Paukenschläge begleiten ihn. Der cineastische Auftakt von „Dies Irae – Tag des Zorns“ verspricht zunächst nicht wenig.

Wenn sich die Leinwand hebt und den Blick auf eine ständig rotierende Drehbühne (Daniel Roskamp) freigibt, stellt sich der Eindruck ein, dass man alles schon einmal gesehen hat. Ein Flugzeug beim Absturz, ein Schlafzimmer im Obergeschoß, ein Krankenzimmer im Parterre, der Passagierraum eines Flugzeugs, ein Friedhof. Die Bühne mutet an, als wäre sie dem Animatographen von Christoph Schlingensief entnommen. Überhaupt gleicht das Szenario dem Projekt „Area7“, das der deutsche Gesamtkünstler vor mehr als zehn Jahren an der Burg installiert hat. Nur war bei dem Gesamtkunstwerker, der 2010 seiner schweren Krankheit erlag, alles radikaler, monumentaler, aufregender. Vom „Tag des Zorns“ ist auf dieser Bühne nur wenig zu spüren.

Da hilft es auch nichts, dass Voxi Bärenklau, der Schlingensiefs Kunst mit seinen kunstvollen Videos und seiner Lichtgestaltung ergänzt hat, nun für Kay Voges arbeitet. Videos, die per Live-Kamera eingespielt werden, zeigen Menschen im Alltag, wie ein Paar beim Vollzug ihres Liebesaktes, ein betagtes Ehepaar, das dabei zu- und zugleich auf die eigenen Vergangenheit zurückblickt. Eine Mutter, die ihre Tochter beim Absturz eines Flugzeugs verliert. Und einen Mann, der im Sterben liegt. Leben und Tod liegen unmittelbar nebeneinander. Aber das alles wird irgendwie zahm gezeigt. Paul Wallfisch, der die Musik komponiert hat, liefert mit zwei Musikern den Sound dazu. Das Mixtum aus Philipp Glass Rock- und Opernmotiven hat aber vor allem sedative Wirkung.

Bibel, Beckett und Franz Schmidt

Voges bringt eine gewisse Struktur in sein Sammelsurium aus biblischen und literarischen Texten. Nach dem Muster von Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“ teilt er sein Geschehen in sieben Abschnitte. Dabei lässt er nichts aus. „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss wird zitiert, die Bibel, Jean Paul und andere mehr. Zwei Beckett-artige Figuren (exzellent dargestellt von Katharina Pichler und Mavie Hörbiger) führen wie ein roter Faden durch das Geschehen. Ein Friedhof signalisiert die Gewissheit die Endlichkeit des Lebens. Das Leben ist ein permanentes Warten darauf. Bei Voges aber ist es ein Warten auf Godot. Am Ende ringt er um eine Art „Happy End“, wenn er die Katastrophen wie in einem Film, der zurückgespielt wird, aufhebt.

Voges versucht zu zeigen, dass Regietheater und Schauspieltheater miteinander vereinbar sind. Das gelingt dank der exzellenten Schauspieler. Die haben zwar meist nur Momentaufnahmen für ihre Darstellungskunst, aber die funktionieren vorzüglich. Dörte Lyssewski wandelt sich von einer fürsorglichen Mutter in die tragische Figur der Klytämnestra. Florian Teichtmeister brilliert als Pilot der Air Maggedon, die ihre Passagiere von Soddom nach Gomorrha zu bringen versucht. Markus Meyer irrlichtert als formidabler Spielmacher durch die Szenen. Elma Stefania Augustsdottir fungiert als Tod. Felix Rech, Andrea Wenzel, Barbara Petrisch und Martin Schwab formieren ein formidables Ensemble, ergänzt von der japanischen Sängerin Kaoko Amano.

Das alles ist gut gemacht, wenn auch nicht neu. Dass diese Aufführung keinen wirklichen Sog entwickelt, mag am mangelnden Rhythmus liegen. Aber der kann sich in den Folgevorstellungen noch einspielen. Dennoch macht sie auf weitere Arbeiten des künftigen Volkstheaterdirektors neugierig.

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