Schauspieler von

Max Simonischek:
"Neugierde ist der Schlüssel"

Schauspieler - Max Simonischek:
"Neugierde ist der Schlüssel" © Bild: Copyright 2019 Matt Observe - all rights reserved.

Dass er Schauspieler wird, war nie klar. Solche Ziele würden Max Simonischek einengen. Der Mime hält sich mit stetig neuen Herausforderungen wach für den Beruf. Neues Wagnis ist die Rolle des "Papageno" in St. Margarethen

In schwarzen Espadrilles schlendert Max Simonischek über den burgenländischen Universitätscampus. Dank seiner ruhigen Grundstimmung hat er viel von einem Studenten, der sich an diesem heißen Juniabend des ausklingenden Semesters auf die Sommerferien freut. Die verlassen wirkende Studenten-Umgebung, in der er mit vielen Sängerkollegen wohnt, habe etwas vom Zauber der beruflichen Anfangsjahre, scherzt der Sohn zweier Schauspieler. Die Schweizer Mimin Charlotte Schwab ist seine Mutter. Vater ist der Österreicher Peter Simonischek. Die Kindheit verbrachte Simonischek in der Schweiz und in Deutschland, wo er die Jugend im Internat Schloss Plön in Schleswig-Holstein verbrachte und sich vorerst eher für Sport, bevorzugt Fußball, interessierte. Dann wurde es doch das Schauspielstudium am Salzburger Mozarteum.

Sein Ruf als kritikergelobter Darsteller anspruchsvoller Rollen wuchs in den vergangenen Jahren dank zahlreicher Theater-und Filmrollen. Aktuell loben Kritiker seinen "Peer Gynt" am Schauspiel Frankfurt. In der Rolle des "Papageno" steht er ab 10. Juli als einziger Schauspieler unter Opernsängern auf der Bühne im Steinbruch St. Margarethen.

Sie treten als Schauspieler in einer Oper auf. Wie mutig ist das?
Für einen durchschnittlich musikalischen Schauspieler ist es machbar. Es entspricht ja auch der ursprüngliche Idee Schikaneders (Anm.: Librettist der "Zauberflöte"), der auch Schauspieler war und die Rolle für sich geschrieben und auch in der Uraufführung gespielt hat. Natürlich ist es für mich Neuland. Aber ich schätze das, wenn Kollegen sich - wie hier mit mir -aufs Glatteis wagen und hinterfragen und Horizonte erweitern. Und ich genieße es, von einer anderen Spezies als jener der Schauspieler umgeben zu sein.

Sind Opernsänger denn so anders als Schauspieler?
Sie sind sehr diszipliniert, sehr respektvoll im Umgang mit sich und anderen. Man merkt, dass die Stimme ihr Instrument ist, das sie schützen. Sie kommen zur Probe und können ihre Lieder. Wir Schauspieler können bei der ersten Probe meistens nicht einmal den Text. Den lernen wir in den Wochen danach. Sänger haben ein klares Koordinatensystem, was die Bewertung ihrer Leistung betrifft: Treffen sie den Ton oder nicht? Bei uns Schauspielern wird Leistung oft nach Geschmack beurteilt. Da wird oft allgemein herumgeredet - von Energie und von Typen. Mir ist das zu Wischiwaschi.

Sagen Sie immer zu, wenn man sie herausfordert? Immerhin haben Sie ihr Lebensmotto einmal so umschrieben: mit dem Zitat von Pippi Langstrumpf: "Das habe ich noch nie versucht, deshalb bin ich sicher, dass ich es schaffe."
Mit Pauschalisierungen bin ich vorsichtig, aber ich bin grundsätzlich ein neugieriger Mensch. Neugierde ist für mich die Vorstufe zur Kreativität. Deshalb muss die Neugierde auf Unbekanntes gepflegt werden entgegen der Angst vor dem Fremden.

Andere kostet es Kraft und Mut, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Woher haben Sie diese positive Einstellung zum Unbekannten?
Ich glaube, der Schlüssel dazu liegt in den ersten drei Jahren der Kindheit. Wenn ich angucke, mit welchem Urvertrauen meine Tochter auf Neues zugeht und wie sie zu allem Ja sagt, dann sehe ich genau diese Neugierde, die frei von Angst ist. Wenn man sich einen Teil davon erhalten kann, hilft einem das auch bei Rückschlägen.

Was bedeutet das für Ihren Umgang mit Rückschlägen?
Ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass Fehler -sofern man in kreativen Berufen überhaupt von Fehlern sprechen will -dazugehören. Durch Fehler kannst du deine Grenzen ausloten und überschreiten und letztlich definieren. Ganz im Gegensatz zu unserem Schulsystem, wo man zehn Jahre lang auf richtig und falsch gedrillt wird, gilt hier die Maxime: Probier dich aus und nimm das Scheitern in Kauf.

Scheitern ist in unserer Gesellschaft negativ besetzt.
Aber das Theater ist wie eine Insel, wo Scheitern erlaubt ist. Leider unterliegt auch das Theater zunehmend ökonomischen Zwängen, und die merkt man im Arbeitsprozess. Wenn man überlegen muss: Wie verschwenderisch darf ich mit mir und der Zeit umgehen? Ich finde, Theater muss eine Insel bleiben, von der ökonomischer Druck fern gehalten wird.

An welche Erfahrungen denken Sie zuerst, wenn Sie vom Grenzen Ausloten und Scheitern sprechen?
Bei Rollen wie Hamlet am Anfang meiner Karriere oder meiner letzten Premiere, Peer Gynt am Schauspiel Frankfurt, schwebt das Scheitern während der Proben jeden Tag beim Aufstehen über dir. Die Angst vor dem Scheitern ist gleichzeitig Garant dafür, dass du dich ins Zeug legst. Diesbezüglich finde ich die Großzügigkeit, mit der Österreich seine Helden verehrt, schwierig. Sie birgt eine Gefahr für den Schauspieler: dass er bequem wird und sich ausruht, weil sie ihn eh mögen.

Zu den Herausforderungen, die Sie sich ausgesucht haben, zählt Franz Kafkas Monolog "Der Bau", wo sie auch für die Regie verantwortlich waren. Was war daran wichtig?
Mit dieser Arbeit habe ich mich aus einer Krise geholt. Sie entstand in einer Zeit, in der ich keine Antwort auf die Frage fand, was ich von diesem Beruf will. Der Intendant vom Theater Neumarkt in Zürich, Peter Kastenmüller, hat mir damals ein Angebot gemacht, und so ist aus einer Schaffenskrise mein größter Erfolg geworden: Nicht nur, dass ich mich durch Arbeit aus der Krise gezogen habe, habe ich sie dann auch noch nach den Zürich-Vorstellungen ans Wiener Burgtheater verkauft, nach Frankfurt und war damit im Kosovo auf Gastspiel.

»Die Großzügigkeit, mit der Österreich seine Helden verehrt, birgt eine Gefahr für den Schauspieler«

Was erachten Sie darüber hinaus als Ihre Erfolge?
Da stellt sich die Frage: Was ist Erfolg? Diese Frage muss man nach einem eigenen Koordinatensystem beurteilen, denn beim Schauspiel ist es wie beim Fußball und beim Kochen: Jeder hat eine Meinung und weiß, wie es geht. An wem sollst du dich also orientieren? Am Applaus? Den Kritikern? Dem Lob? Für mich ist Erfolg, wenn mich die Lebenszeit, die ich mit einer Arbeit verbracht habe, als Schauspieler und als Mensch weitergebracht hat

Sie sind am Theater, beim Film und im Fernsehen für die Darstellung anspruchsvoller Charaktere bekannt und gelobt. Was war Ihr roter Faden für diese Karriere?
Viele Kollegen sprechen von dem romantischen Moment, in dem sie wussten, dass sie Schauspieler werden wollen. Den gibt es bei mir nicht. Ich will mir immer wieder neu die Frage stellen: Warum möchte ich dieses Projekt mit diesen Menschen machen? Das eine große Ziel gibt es nicht. Ich möchte bereit sein, wach sein und frei in meinen Entscheidungen. Wenn man finanzielle Verantwortung für eine Familie hat, rechtfertigt die natürlich auch einige Entscheidungen. Aber in dem, was mich als Künstler vorwärts bringt, möchte ich frei sein.

Ihre Eltern sind beide Schauspieler. Sind Sie trotzdem oder deswegen in diesem Beruf gelandet?
Das hat auf die Entscheidung, Schauspiel zu studieren, keinen Einfluss gehabt. Bis zum Abitur hatte ich mit Schauspiel gar nichts am Hut, da habe ich Fußball gespielt, "Baywatch" geguckt, Chips gefressen und war auf Reisen. Ich fand das Studium interessant, weil es viel mit einem selbst zu tun hat und mit großen Literaten. Danach habe ich mich gefragt, ob ich den Beruf auch wirklich ausüben will. Mein Weg besteht aus Etappen, in denen ich mich immer wieder neu für den Beruf entschieden habe.

Die vermeintlich negativen Seiten - unstetes Leben, finanzielle Unsicherheit - haben Sie nie abgeschreckt?
Nein. Ich kenne die Sicherheit eines festen Engagements und hatte das auch am Maxim-Gorki-Theater. Aber es bedeutet einen großen Verzicht für mich, wenn ich einen Urlaubsschein ausfüllen muss, wenn ich die Stadt verlassen will. Wenn jemand für mich entscheidet, mit wem ich arbeite, ist das auch ein Opfer, und dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen. So einen Ort suche ich gerade.

Gibt es eine Wiener Bühne, die diesbezüglich eine Option für Sie wäre?
Das hängt weniger von der Bühne ab als von den Künstlern, die sich dort tummeln. Ich suche diese Gruppe für mich noch. Aber diese Suche treibt mich auch an und motiviert mich. Denn ich verstehe den Beruf als Mannschaftssport und möchte mich über eine Gemeinsamkeit definieren.

Ist Ihnen Österreich eigentlich auch Heimat?
Ich wurde in Berlin geboren und lebe dort. Österreich verbinde ich eher mit Familie, weil ja Oma und Opa in der Steiermark lebten. Wenn schon Heimat, ist Österreich eher eine künstlerische Heimat mit dem Burgtheater und dem wertschätzenden Umgang mit Kultur und der Liebe, die man hier vom Publikum bekommt.

»Für mich ist Erfolg, wenn mich die Lebenszeit, die ich mit einer Arbeit verbracht habe, als Schauspieler und Mensch erfüllt hat«

Auf der Suche nach neuen Herausforderungen: Mit wem möchten Sie arbeiten?
Bei den sogenannten Leuchttürmen muss man aufpassen. Ich habe mit dem einen oder anderen gearbeitet, und es war auch enttäuschend. Gerne würde ich mit Christoph Marthaler arbeiten oder Frank Castorf -Menschen, die aus der parfümierten Mittellage herausstechen und konsequent sind. Wer einen Versuch bis zum Schluss durchhält, hat mich schon gewonnen. Dann kann ich eine Haltung dafür oder dagegen entwickeln und für mich Erfahrung gewinnen.

Die Auseinandersetzung ist das Ziel.
Unbedingt. Die Reibung ist der Sinn: Fantasien treffen sich, gehen in den Konflikt, und etwas Drittes entsteht. Im Alltag bin ich kaum konfliktfreudig, aber das Theater bietet dafür den geschützten Raum ohne Konsequenz für dein Privatleben.

Privat und Beruf haben sich im Film "Zwingli" getroffen. Sie haben mit ihrer Mutter Charlotte Schwab gespielt. Eine besondere Erfahrung?
Es hat etwas Rührendes, Schönes, mit der Mutter gemeinsam den gleichen Beruf auszuüben, aber für die Arbeit vor der Kamera ist es egal.

Ändert es nicht die Gesprächsebene, auf der man sich begegnet, wenn man mit jemandem Vertrauten spielt?
Das stimmt schon, ja. Das Vertrauen ermöglicht es, Dinge offener anzusprechen als bei jemandem Fremden. Ob man das Vertrauen im Film sieht, weiß ich nicht. Für meine Figur macht es keinen Unterschied. Das ist ein handwerklicher Beruf. Diese schwammigen Aspekte mag ich nicht. Wenn es in Richtung Heldenverehrung geht. Wenn ein Mythos daraus gemacht wird, dass sich Schauspieler in anderen Sphären bewegen. Mit dieser Verklärtheit, die bei dem Beruf mitschwingt, würde ich gerne aufräumen. Es ist ein Beruf, und du machst ihn entweder gut oder schlecht. Gefühlsduselei, Neurosen und Kapriolen bringen einen nur weg vom Inhalt.

Heißt das, Schauspieler ist ein Beruf wie Tischler?
So wie ein Tischler dreidimensionales Vorstellungsvermögen mitbringen muss, sollte ein Schauspieler einen offenen Kanal zu seinen Emotionen mitbringen. Aber wie man die vor Publikum ausdrückt, kann man lernen. Daran ist nichts Esoterisches.

Die Figur des Papageno ist mit ihrer Verspieltheit nah am sprichwörtlichen Kind im Mann. Docken Sie da gerne an?
So wie er sorgenfrei in den Tag hineinlebt, hat er etwas Kindlich-Naives. Er ist ein Großmaul, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Er ist für die Unterhaltung zuständig, und dahingehend bin ich als Privatmensch das Gegenteil. In großen Gruppen bin am liebsten still und höre zu, dabei fühle ich mich wohl. Mir sind stille, zurückhaltende Leute auch sympathischer.

Sie sind vor zwei Jahren Vater geworden. Haben Sie dadurch neue Seiten an sich entdeckt?
Es ist eine 180-Grad-Wendung im Leben, für die Partnerschaft und für mich. Wo ich doch gerade so viel von Freiheit geredet habe. Gleichzeitig habe ich noch nie davor erlebt, dass man einen Menschen so bedingungslos lieben und so vermissen kann. Das klingt platt, aber das hältst du vorher nicht für möglich. Insofern ist es zwar eine große Umstellung, ein noch größeres Geschenk, aber nichts, was einen aus der Bahn wirft. Die Frage ist auch, ob du dein Leben nach dem Kind ausrichtest oder es in dein Leben mitnimmst. Wir haben uns für das Letztere entschieden. Das fühlt sich gut an.