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Schau mal, wer da bloggt

Was Eltern von Ihren Kindern auf Facebook & Co. zeigen dürfen - und was nicht

Kind surft im Internet © Bild: iStockphoto.com

Viele Eltern sorgen sich, dass ihre Kinder in sozialen Netzwerken zu viel über sich verraten. Und vergessen dabei, dass sie selbst mit Kinderfotos damit angefangen haben.

Sie sind ja so süß, die lieben Kleinen. So schlau und hübsch, und so tollpatschig. Schnell ein Foto, ein Filmchen, die neuesten Wortschöpfungen auf Facebook oder im Mami-Blog online gestellt. Die vielen Freunde dort danken es sicher mit ein paar Dutzend "Likes". Nacktes Baby auf dem Lammfell, verdutztes Baby wird von der Katze attackiert und vom Bett geworfen, Windelhosenträger fallen bei den ersten Schritten voll auf die Nase. Minutiös wird der Tagesablauf der Kleinen nacherzählt: "Zu Mittag gab es Fischstäbchen mit Tiefkühlgemüse. Ein voller Erfolg." Oder: "Windelwechsel auf dem Supermarktparkplatz." Das Foto dazu geht wenigstens nicht total ins Detail.

Was denken sich - vor allem - Mütter, die das tun? Zu wenig, kritisieren Experten. Es gibt Millionen Facebook-Nutzerinnen, und auch die Zahl der Mami-Bloggerinnen wächst. Über 1.500 mit blumigen Namen wie "Familie Ordentlich","Tigermama", "Kultmama","Mamas Rasselbande" und "2Käsehoch" versorgen die Leserschaft mit Einblicken ins Kinderleben.

»Was denken sich Mütter, die das tun?«

"Am schlimmsten sind diese mittelalterlichen Mütter, die modern sein wollen und glauben, nur weil sie im Internet nichts finden, finden die anderen auch nichts über sie", sagt Georg Markus Kainz vom Datenschutzverein Quintessenz. "Unter ihren Freundinnen und Freunden moralisieren sie über die Gefahren des Internets für die Kinder, gleichzeitig sind sie es, die die Eisbärfellfotos durch die Gegend schicken."

Kind mit Teller und Nudeln auf dem Kopf
© iStockphoto.com

Warum Menschen im Internet mehr preisgeben, als sie es im Gespräch mit Fremden tun würden, ist leicht erklärt, sagt Kainz: "Man sitzt im Wohnzimmer, hat die Sicherheit der eigenen vier Wände und bedenkt nicht: Die böse Seite des Internets ist nicht einen Klick entfernt, sie ist keinen Klick entfernt. Sie ist auf meinem Laptop, und ich muss sie abwehren. Das ist, als würde man in der Bronx sitzen. Da schützt man sich doch auch." Auch Jugendliche, die im Netz unterwegs sind, würden das oft vergessen. "Sie fühlen sich in ihrem Kinderzimmer sicher und übertragen dabei Dinge frei in die Welt, die sie am Hauptplatz daheim nie täten." Sowohl die Generation der "Digital Natives" als auch ihre Eltern wüssten nicht, was sie da tun. Die deutsche Polizei warnt - auf Facebook - sogar explizit davor, Kinderfotos zu posten.

Kinder haben Privatsphäre

Das Internet vergisst nie. Peinliche Fotos, die man früher als Teenager heimlich aus dem Familienalbum entfernen konnte, sind im Netz auch noch Jahre später zu finden, wandern von Facebook auf andere Plattformen weiter - und sind nicht mehr wegzubekommen. Daher haben euphorische Eltern, die gerne Kinderfotos posten, eine besondere Verantwortung. "Eltern sind die Aufsichtspersonen", sagt Kainz. "Sie haben die Privatsphäre ihrer Kinder zu schützen."

»Eltern haben die Privatsphäre ihrer Kinder zu schützen«

Tom Wannenmacher, Gründer von Mimikama, einem Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch, sagt, dass man keinesfalls Kinderfotos ins Netz stellen soll. Rechtliche und ethische Gründe würden klar dagegensprechen. "Kinder sind keine Objekte", sagt Wannenmacher. "Die Einzigen, die etwas davon haben, sind die Eltern, die die Bilder auf Facebook oder sonst wo veröffentlichen. Die meisten Eltern nutzen das oft und gerne zur Selbstdarstellung."

Nicht nur die Sorge, dass Kinderfotos von Pädophilen missbraucht werden könnten, sollte Eltern vom Posten abhalten. Auch Mobbing stelle ein ernst zu nehmendes Problem dar. "Fremde können, und dies ist kein Einzelfall, Cybermobbing oder Kinderpornografie im Netz betreiben", warnt Wannenmacher. "Dabei bedienen sie sich nicht nur aus illegalen Quellen, sondern sammeln auch Fotos aus sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Whatsapp."

»Fremde können Cybermobbing oder Kinderpornografie im Netz betreiben«

"Facebook lässt Microsoft auf alle Fotos zugreifen, um Gesichtserkennung - wie sieht ein Fünfjähriger später mit 15 aus? - zu lernen. Die Bilder werden für Dinge verwendet, die man gar nicht weiß", sagt Datenschützer Kainz. Er nennt zudem die Möglichkeit, dass Trickbetrüger ihre Tarngeschichte anhand von Fotos leichter konstruieren können. Weswegen auch Kinderfotos mit Namen auf Homepages von Schulen und Sportvereinen fragwürdig sind. Und natürlich können peinliche Fotos im späteren Leben eine unliebsame Rolle spielen.

Warum machen Eltern das?

Der Psychologe Gerald Kral empfiehlt Eltern, sich einfach einmal in die Lage ihres Kindes zu versetzen, bevor sie auf "Senden" drücken. "Man sollte überlegen, wie die Kinder dieses Foto 20 Jahre später empfinden würden. Da hilft es, sich bestimmte Situationen vorzustellen. Man ist 18, gerade heftig verliebt, und dieses Foto taucht auf. Man ist 25, bewirbt sich gerade für einen total interessanten Job, und der Chef findet dieses Foto. Also: Im Zweifel einmal weniger posten."

Kinder surfen im Internet
© iStockphoto.com

Kral hält den Drang vieler Eltern, ihre Kinder in möglichst tollpatschigen Situationen zu fotografieren, für fragwürdig: "Wenn jemand die ersten Schritte seines Kindes fotografiert, ist das Stolz. Wenn man es filmt, wie es dabei heftig auf die Nase fällt, verletzt das schon die Persönlichkeitsrechte. Kindern für ein Filmchen Dinge wie 'Wie groß ist denn der Maxi? - Sooooo groß!' beizubringen, ist ein dummer Dressurakt und eine Verletzung der Würde dieses kleinen Menschen. Und Videos von Wutausbrüchen ins Netz zu stellen, ist nicht weit vom Sadismus entfernt." Die Frage "Was mache ich da eigentlich mit meinem Kind?" werde vernachlässigt. Nicht zufällig stünden Kinder unter einem besonderen Schutz: "Der gilt in der Familie genauso."

Was Eltern (nicht) dürfen

"Auch Kinder haben ein Recht auf Datenschutz. Daher dürfen Eltern nicht nach Gutdünken über die Privatsphäre ihrer Kinder entscheiden", sagt Lukas Feiler, auf IT-Recht spezialisierter Anwalt. "Fotos einer Geburtstagsparty im Familienkreis wären im Bereich des sozial Üblichen. Aber peinliche Kinderfotos sind nicht zulässig. Sobald Kinder alt genug sind, um informierte Entscheidungen zu treffen, müssen sie der Veröffentlichung zustimmen." So seien bereits Zehnjährige zu fragen, bei 14-Jährigen dürfen Eltern überhaupt nicht mehr ungefragt posten. "Das Problem ist oft, dass Eltern vergessen, dass Kinder nicht ihr Eigentum sind", sagt Feiler.

»Eltern vergessen, dass Kinder nicht ihr Eigentum sind«

Eltern, die gar nicht darauf verzichten möchten, ihr Familienglück mit sehr vielen Menschen zu teilen, rät Experte Tom Wannenmacher, bereits beim Fotografieren darauf zu achten, dass ihr Kind nicht direkt und sofort erkennbar ist: "Am besten eine seitliche Perspektive wählen. Außerdem sollte beim Fotografieren mit dem Smartphone unbedingt die Orteerkennung deaktiviert sein." Zudem sollte man nie den Namen des Kindes preisgeben. Das gelte auch für Bloggerinnen, sagt Anwalt Lukas Feiler.

Dennoch sind die Experten dagegen, die Veröffentlichung von Kinderfotos rechtlich zu unterbinden. "Da würde man ja Eltern das Recht wegnehmen, auf ihre Kinder aufzupassen", sagt Georg Markus Kainz von Quintessenz. Allerdings sollten nicht nur Kinder, sondern auch Eltern in Sachen Medienkompetenz geschult sein. "Man muss das Bewusstsein schärfen: Was ist privat und was ist öffentlich." Psychologen wie Gerald Kral fordern an den Schulen Medienkompetenz als verpflichtendes Unterrichtsfach. Die Eltern könnten dabei gleich zum Mitlernen eingeladen werden.

Andrea Schöniger-Hekele betreibt die Website und den Newsletter babymamas. at. Dort gibt sie Tipps, wo man mit Kindern stressfrei essen gehen kann, stellt sinnvolle Weihnachtsgeschenke oder schöne Kindermode vor. "Was ich schreibe, ist nur insofern persönlich, als ich die Dinge selber ausgesucht habe", sagt Schöniger-Hekele. Sie legt Wert darauf, keine "Mama-Bloggerin" zu sein, sondern einen Newsletter zu betreiben. Bloggerinnen kennt sie aber von gemeinsamen Terminen, denn Web-Mütter werden gerne zum Beispiel von Shops mit Kindersachen oder von Ikea eingeladen, damit sie dann die neuesten Produkte in ihren Blogs vorstellen. "Das ist ein richtiges Business geworden", sagt Schöniger- Hekele. Sie ist selbst Mutter, verzichtet aber bewusst darauf, etwas über ihre Kinder zu schreiben. "Was meine Kinder heute anhaben oder was wir zu Mittag gegessen haben, das will doch keiner lesen!"

Kommentare

Oberon
Oberon melden

Nicht nur, dass sich Pädophile an "Eisbären-Fotos" erfreuen könnten, es ist auch ziemlich peinlich, im Teenager-Alter von eigenen Bildern in Windelhose und Mascherl auf dem Kopf oder - bei Buben - im T-
Shirt mit "Poo, der Bär" konfrontiert werden zu müssen.
Manchen Müttern dürfte es an Empathie fehlen, auch wenn sie noch sehr jung sind und sich eigentlich noch gut an ihre eigene Jugend.......

Oberon
Oberon melden

....erinnern sollten!
In meiner Jugendzeit gab's noch kein Internet. Meine Mutter hat meine Kinderfotos nur der nächsten, älteren Verwandtschaft gezeigt, und nicht meinen Freundinnen oder Schulkollegen, die bei uns auf Besuch waren. Zu ihrem Glück! ;-) Danke, Mama, im nach hinein.

Roland Mösl

Datenschutzhysteriker habe ich schon 1996 verachtet.

http://www.pege.org/newsg/cw961103.htm

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