Opernkritik von

Warum jetzt?

"Lulu" an der Wiener Staatsoper

Opernkritik - Warum jetzt? © Bild: Wiener Staatsoper/Michael Poehn

Willy Deckers Inszenierung von Alban Bergs „Lulu“ hatte bereits vor 17 Jahren im Haus am Ring Premiere. Damals aber beschränkte man sich auf die Aufführung von Bergs zweiaktigem Fragment. In dieser Aufführungsserie bringt man das Werk in der von Friedrich Cerha vervollständigten Fassung mit dem dritten Akt, den Decker für die Aufführung in Paris nachgereicht hat.

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Das ganze Werk zu ist längst fällig. Weshalb aber gerade jetzt, wenn das Wichtigste fehlt: eine Titeldarstellerin, die das Werk verlangt. Agneta Eichenholz hat eine helle, leichte, aber viel zu kleine Stimme für das Haus. Kokett tänzelt sie über Willy Deckers Bühne und fügt sich in das ansehnliche Ambiente. Dämonie, die von dieser Frau ausgeht, die alle und alles verschlingt, sucht man vergeblich. Und das ist eines der Hauptprobleme dieser Aufführung. Alles bleibt glatt.Dabei hätte man mit diesem Werk den Kommentar zur derzeitigen #metoo-Debatte: Lulu ist der Inbegriff der ausgebeuteten Frau, die aber selbst ausbeutet. Hier kämpft die Cottage gegen das kleine Kriminal.

© Wiener Staatsoper/Michael Poehn Agneta Eichenholz als Lulu, Bo Skovhus als Dr. Schön/Jack the Ripper

Von kühler Schärfe ist das Musikalische geprägt. Im ersten Akt setzt Ingo Metzmacher vor allem auf Präzision, entfacht im zweiten mit dem herrlich klingenden Wiener Staatsopernorchester eine Art von hellem, aber kaltem Feuer. Da wird hörbar, wie die Wiener Philharmoniker den Berg‘schen Originalklang draufhaben. Fulminant ertönt Cerhas Ergänzung.

© Wiener Staatsoper/Michael Poehn Wolfgang Bankl als Athlet/Tierbändiger, Franz Grundheber als Schigolch, ein Greis, Agneta Eichenholz als Lulu

Das Ereignis ist Angela Denoke als Geschwitz. Sie bringt nicht nur eine Stimme, sondern auch Darstellungskraft auf die Bühne. Bo Skovhus gefällt sehr als Dr. Schön und komplettiert als Jack the Ripper. Wolfgang Bankl überzeugt in jeder Hinsicht als Zirkusdirektor und als Athlet. Franz Grundheber berührt als Schigolch. Herbert Lippert (Alwa), Jörg Schneider (Maler) fügen sich ins Ganze.