Geschichten von

Warum man es ohne Mut im Leben zu nichts bringt

Mutige Österreicher sagen, warum sie sich etwas getraut haben und jetzt besser leben

Herbert Matzinger bei seinen Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen. © Bild: Herbert Matzinger

Als es um Leben und Tod ging, zögerte Amin Khorbi keine Sekunde. Auf dem Weg in die Berufsschule sah der erst 18-jährige Vorarlberger Ende Mai vor sich ein Auto, das immer wieder in die Leitplanke krachte - mitten auf der Autobahn. Die Fahrerin war hinterm Steuer bewusstlos geworden. Der Lehrling parkte sein eigenes Fahrzeug am Pannenstreifen, rannte zu dem Wagen der Frau, sprang auf der Beifahrerseite hinein, drehte den Zündschlüssel um. Als das Auto zum Stillstand kam, eilten andere Helfer herbei.

"Ich musste ja irgendetwas tun“, sagt Amin Khorbi bescheiden. "Es ging schließlich um das Leben eines anderen Menschen.“ Dafür begab er sich selbst in Gefahr. Der junge Mann hat eine der vielleicht wichtigsten Eigenschaften bewiesen, die ein Mensch besitzen kann: Mut.

Mut hat viele Gesichter. Er kann sich darin äußern, jemanden das Leben zu retten, im Dienste einer guten Sache die eigene Karriere aufs Spiel zu setzen oder einen gesicherte Position aufzugeben, um das eigene Glück zu finden. In NEWS erzählen acht Frauen und Männer aus ganz Österreich von jenen couragierten Handlungen, die ihr Leben oder das ihrer Mitmenschen veränderten. Sie erklären, warum man ohne Mut im Leben nicht weiter kommt - von Lebensrettern und ehrenamtlichen Helfern über Berufsumsteiger bis zu jenen die ihr Glück mutig in der Ferne gesucht und gefunden haben.

Herbert Matzinger, 63, Chirurg aus Wien

"Ich will helfen - und arbeite seit 15 Jahren für Ärzte ohne Grenzen.“
Für andere da sein. Ich bin immer schon gerne gereist, habe mir gedacht, dass ich etwas Vernünftiges tun möchte und 1999 "Ärzte ohne Grenzen“ meine Arbeitskraft angeboten. Seither war ich in zehn Einsätzen - unter anderem in Liberia, dem Tschad, Haiti und der Zentralafrikanischen Republik. In Wien arbeite ich im Spital als Gefäßchirurg, habe auch eine Praxis. Es ist eine Mischung aus Abenteuerlust und schlechtem Gewissen die mich antreiben. Denn während wir Spitalsärzte in Österreich immer mehr Zeit mit Verwaltungstätigkeiten verbringen, gibt es in anderen Regionen der Erde Menschen die nicht einmal eine adäquate medizinische Grundversorgung bekommen. Viele gehen dort noch zu traditionellen Heilern, werden nicht schulmedizinisch behandelt. Bei meinen Einsätzen bleibe ich ein Monat, bin oft der einzige Chirurg.

Gefährliche Einsätze. Das bedeutet, dass ich 24-Stunden-Dienste habe in denen ich sehr viel operiere weil Hilfe so dringend nötig ist. Da ich oft in gefährlichen Regionen unterwegs bin muss ich gewisse Sicherheitsregeln beachten, zum Beispiel den Weg vom Wohnhaus zum Spital nur mit dem Auto fahren. Es kommt auch vor, dass bewaffnete Kämpfer verletzte Kameraden zur Behandlung bringen. Die sind dann oft sehr aufregt und aggressiv. Da muss man ruhig bleiben. Einmal hat eine Granate durch die Decke der Ambulanz neben uns eingeschlagen. Ob das was ich tue mutig ist? Das einzig Mutige ist vielleicht, dass ich auch Eingriffe vornehmen muss die ich hier in Wien als Gefäßchirurg nicht tun würde - also zum Beispiel Operationen an Säuglingen oder Kaiserschnitte. Aber dort haben wir ja keine Wahl …

Amin Khorbi, 18, Automechanikerlehrling aus Dornbirn (V)

"Ich habe auf der Autobahn den Wagen einer Bewusstlosen gestoppt.“
Lebensretter. Ich war gerade mit dem Auto in die Berufsschule unterwegs. Auf der Autobahn zwischen Bregenz und Wolfurt habe ich auf einmal einige Autos gesehen, die ganz langsam gefahren sind und die Warnblinkanlage eingeschaltet hatten. Ganz vorne in der Kolonne ist ein Wagen auf der linken Spur gefahren, der immer wieder gegen die Leitplanke gekracht ist. Zuerst habe ich gedacht: ‚Das ist ein Betrunkener.‘ Aber dann habe ich gesehen, dass er Fahrer umgekippt im Gurt hängt und wahrscheinlich bewusstlos war. Ich wusste, ich musste etwas tun. Ein Stück weiter vorne beginnt ein Tunnel, da hätte noch Schlimmeres passieren können. Also habe ich die Kolonne überholt, mein Auto auf dem Pannenstreifen abgestellt und bin nach hinten zu dem Wagen gelaufen. Ich habe die Tür auf der Beifahrerseite aufgemacht und gesehen, dass die Fahrerin tatsächlich bewusstlos war. Ich bin eingestiegen und habe den Zündschlüssel umgedreht. Das Auto ist zum Glück schnell stehen geblieben. Dann waren schon viele Helfer da. Wir haben die Frau auf den Boden gelegt. Die Einsatzkräfte waren auch gleich da.

Spontane Hilfe. Ich habe nicht lange überlegt, was ich mache. Ich dachte nur: ‚Das Auto fährt ungefähr 25 km/h, ich kann es schaffen, einzusteigen.‘ Ich war nicht wirklich in Gefahr. Die Autobahn war ja leer, weil die anderen Fahrer sie gut abgesperrt haben. Ich glaube, dass andere an meiner Stelle genauso gehandelt hätten. Ich weiß nicht, ob das mutig war. Aber ich musste ja irgendetwas tun. Es ging schließlich um das Leben eines anderen Menschen. Da darf man nicht einfach danebenstehen und zuschauen.

Uwe Sailer, 57, Kriminalbeamter und Datenforensiker aus Linz

"Mein Einsatz gegen Rechtsextreme hat mich fast meine Karriere gekostet.“
Antifaschist. Ich bin seit 1976 bei der Polizei, seit 1983 habe ich immer wieder Informationen über Rechtsextreme an den Verfassungsschutz weitergeben. Das lief jahrelang gut hinter den Kulissen, bis 2009 meine Korrespondenz mit dem Grünen Karl Öllinger öffentlich wurde. Es ging um Recherchen zur Neonazi-Homepage Alpen-Donau.Info. Die FPÖ hat darauf einen Skandal gemacht und mich als Spitzel vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuss gebracht. Ich wurde sogar für 18 Monate vom Dienst suspendiert. Mittlerweile bin ich rehabilitiert. Wenn man sich mit kriminellen Strukturen anlegt, muss man damit rechnen, von ihnen angegriffen zu werden. Aber mir war von Anfang an klar: Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich lasse mich nicht mundtot machen. Ich kämpfe weiter gegen rechtsextreme Umtriebe.

David Lama im Portrait
© Manuel Ferrigato / Red Bull Content Pool Extrem-Bergsteiger David Lama

David Lama, 23, Extrem-Bergsteiger aus Innsbruck

"Es erfordert auch Mut umzudrehen und dem Scheitern ins Auge zu sehen.“
Selbsteinschätzung. Mut ist für mich die Bereitschaft, etwas Außergewöhnliches zu machen und umfasst weit mehr, als die reine Bereitschaft, ein Risiko einzugehen. Für mich bilden Selbsteinschätzung, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Erfahrung, die Voraussetzung, um überhaupt mutig sein zu können. Beim Bergsteigen gibt es immer wieder Situationen, in denen man trotz Seil nicht stürzen darf. Man muss sich des Risikos, dem man sich aussetzt, ständig bewusst sein und die Konsequenzen kennen. Man muss einschätzen können, wo es angebracht ist, mutig zu sein und weiterzugehen und wo nicht. Es erfordert auch Mut, umzudrehen, und dem Scheitern ins Auge zu sehen.

Kathrin Kierer, 48, Geschäftsinhaberin aus Steyr (OÖ)

"Als dayli pleite ging, habe ich meine Filiale selbst übernommen.“
Schritt in die Selbständigkeit. Ich habe mehr als 17 Jahre als Verkäuferin in der gleichen Filiale zuerst für Schlecker und dann für dayli gearbeitet. Als das Unternehmen pleite ging, wussten wir nicht, wie es weitergehen sollte. Da habe ich mich getraut, das Geschäft übernommen und Ende 2013 ‚Die Kleine Drogerie‘ in Steyr eröffnet. Zeitweise hatte ich richtig Angst vor meiner eigenen Courage. Es war ja auch ein großes finanzielles Risiko für mich, weil ich nicht wusste, wie das Geschäft laufen würde. Mittlerweile geht es uns immer besser. Ich arbeite zwar mindestens 60 Stunden in der Woche, aber ich mache es gerne und ich bin mein eigener Chef. Manche Leute haben zu mir gesagt: ‚Dass du dich das traust, in deinem Alter!‘ Aber man muss im Leben einfach auch Risiken eingehen, sonst kommt man zu nichts.


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