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Unterwegs mit "Ärzte ohne Grenzen": "Es ist auch ein Abenteuer"

Ein Chirurg spricht über seine Leidenschaft und das persönliche Limit

  • Herbert Matzinger bei seinen Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen.
    Bild 1 von 18 © Bild: Herbert Matzinger

    Der österreichische Chirurg Herbert Matzinger arbeitet mit Leidenschaft für "Ärzte ohne Grenzen". Zuletzt war der Arzt 2013 in der Zentralafrikanischen Republik im Einsatz.

    Im Bild: Der Arzt mit einer Patientin, der er mit seiner Blutspende das Leben gerettet hat.

  • Herbert Matzinger bei seinen Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen.
    Bild 2 von 18 © Bild: Herbert Matzinger

    Eine Blutspende verläuft in der Dritten Welt unter gänzlich anderen Bedingungen als in Österreich. (Tschad 2007)

Schlangenbisse, Schusswunden und sterbende Kinder - seine Arbeit verlangt Herbert Matzinger einiges ab. Der österreichische Chirurg geht seit Jahren mit Leidenschaft für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" an sein Limit. Zuletzt war der 62-jährige Mediziner von Mai bis Juni 2013 in der Zentralafrikanischen Republik tätig. Mit NEWS.AT hat er über abenteuerliche Einsätze in den Krisengebieten, dramatische Erlebnisse und seine persönlichen Grenzen gesprochen.

NEWS.AT: Sie arbeiten in Österreich als Chirurg, ein sicheres Arbeitsumfeld. Warum haben Sie sich dafür entschieden bei "Ärzte ohne Grenzen" mitzuwirken?
Herbert Matzinger: Das Interesse hat schon sehr lange bestanden, weil ich mich durch meine Reisen immer für andere Länder und Kulturen begeistert habe. 1996 habe ich mich zum ersten Mal bei "Ärzte ohne Grenzen" gemeldet und drei Jahre später kam plötzlich der Anruf, ich werde für Burundi gebraucht. Ich wollte immer etwas zurückgeben, von dem was ich erlebt habe, und die Highlights in meinem Leben habe ich auf Reisen gehabt. Das war eben eine andere Möglichkeit, Neues kennenzulernen und zwar so, dass auch andere etwas davon haben und nicht nur ich selbst.

»Wenn man Angst hat, kann man zurückfliegen«

NEWS.AT: Als Arzt ohne Grenzen begeben Sie sich häufig auch in Krisengebiete. Wie hat das familiäre Umfeld auf Ihre neue und gefährlichere Tätigkeit reagiert?
Matzinger: In der Familie war das kein großes Thema, die Kinder waren aus dem Gröbsten heraus. In irgendeiner Weise macht man sich natürlich immer Sorgen, aber das war letztlich kein Hindernis. Wenn man wirklich Angst hat, muss man nicht auf Einsatz gehen. Man kann auch zurückfliegen, wenn man sich in dem Land absolut unwohl fühlt oder Angst hat. Das ist von "Ärzte ohne Grenzen" so geregelt, kommt aber praktisch nicht vor.

NEWS.AT: Wer bestimmt, wo Sie als Arzt zum Einsatz kommen?
Matzinger: Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder es wird konkret ein Arzt gesucht, weil akut jemand vor Ort gebraucht wird oder man gibt rechtzeitig den Zeitraum seiner Verfügbarkeit bekannt und wird dementsprechend eingeplant. Theoretisch kann man einen Wunsch äußern und sagen, dass Projekt gefällt einem nicht so gut, weil der Schwerpunkt nicht den Fähigkeiten entspricht. Ich versuche zum Beispiel nicht unbedingt dorthin zu kommen, wo viel Unfallchirurgie erforderlich ist. Das ist nicht das, was ich täglich mache.

NEWS.AT: Sie waren insgesamt zehn Mal für "Ärzte ohne Grenzen" im Einsatz, vorwiegend in Afrika. Inwieweit sind Sie aufgrund der harten Bedingungen selbst an Ihre Grenzen gelangt?
Matzinger: Man ist aufgrund des Umfeldes oft gefordert, an seine eigenen Grenzen zu gehen. Man hat niemanden, der einem helfen kann. Üblicherweise ist man der einzige Chirurg vor Ort. Man muss in irgendeiner Form mit der Situation zurechtkommen und kann sich auch nicht mit Kollegen besprechen. Das ist ein großer Unterschied im Vergleich zur Arbeit in Österreich. Auch die Bedingungen in den notfallmäßig angelegten Operationssälen sind ganz andere. Ich habe vor meiner Zeit bei "Ärzte ohne Grenzen" keine Kaiserschnitte im Rahmen der Chirurgie gemacht, weil das nicht üblich ist. Ich kann mich erinnern, in Burundi hat ein junger einheimischer Internist bei meinem ersten Einsatz einen Kaiserschnitt gemacht. Er hat zwar geschwitzt und gezittert, aber er hat es mit meiner Assistenz zu Stande gebracht. Die einheimischen Ärzte müssen auch sehr an ihre Grenzen gehen, weil sie einfach keine Wahl haben.

»Man sieht sehr viel Leid«

NEWS.AT: Ihre Aufenthalte dauern zwischen vier und sechs Wochen. Warum nicht länger?
Matzinger: Normalerweise werden mindestens sechs Monate gefordert, aber bei Chirurgen und Anästhesisten dauern die Einsätze aufgrund der Intensität ihrer Arbeit im Operationssaal meist kürzer. Mir persönlich reichen diese sechs Wochen. Man ist ganz froh, wenn man wieder unter anderen Bedingungen arbeiten kann. Das Umfeld ist zeitweise mental anstrengend. Man sieht Patienten mit sehr fortgeschrittenen Krankheiten, Angehörige, die neben ihnen am Boden oder im Freien schlafen, für sie kochen und sie pflegen. Man sieht einfach sehr, sehr viel Leid, das ist schon belastend. Wenn man dann wieder im Flieger sitzt, wird man bewirtet und alles ist blitzsauber. Im Spital zuhause ist alles steril, es gibt viel mehr geschultes Personal und eine perfekte technische Ausstattung. Da ist die Arbeit unvergleichlich einfacher. Mangels Alternative hat man keine andere Möglichkeit, als es zu akzeptieren, wie es ist, und das geht auch ganz gut. Ich persönlich habe kein Problem damit, das zu verarbeiten. Aber es gibt von "Ärzte ohne Grenzen" ein eigenes psychologisches Service, das für die Mitarbeiter da ist.

NEWS.AT: In Krisenländern wird man immer wieder mit Ausnahmesituationen konfrontiert. Welche einschneidenden Erlebnisse sind Ihnen besonders in Erinnerung?
Matzinger: Einschneidende Erlebnisse gab es relativ viele. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen jungen Mann, dem durchs Bein geschossen wurde. Ich habe gesehen, es ist nichts mehr zu retten und nur mehr die Amputation möglich. Sein Chef beim Militär wollte bei dieser Entscheidung mitreden. Das ist eine sehr ungewöhnliche Konstellation, dass man mit dem Vorgesetzten vom Militär und nicht mit den Angehörigen bespricht, ob man amputieren soll. Das war ein Fall, aber es gibt viele andere dramatische Fälle, wie bei der Geburtshilfe. Ich habe Kaiserschnitte gehabt, da war der Fötus schon im Bauch. Es gibt viele Fälle, die man bei uns nicht antrifft, einfach weil der Zugang zur Medizin so schlecht ist und die Leute wahnsinnig spät ins Spital kommen. Das ist schwer vorstellbar für einen Österreicher, der sozialversichert ist und überall hingehen kann.

NEWS.AT: Inwieweit hat es bei einem Einsatz jemals einen Moment gegeben, in dem Sie um Ihr eigenes Leben gefürchtet haben?
Matzinger: Es gibt schon Situationen, in denen man sich unwohl fühlt und sich fragt: "Was mache ich da eigentlich?" Weil es kann jederzeit etwas passieren. Ich habe allerdings immer Glück gehabt. Es ist erst immer etwas passiert, wenn ich schon weg war. Im Tschad kam es in der Nähe des Hauses von "Ärzte ohne Grenzen" einmal zu Gefechten zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Da überlegt man sich vor dem Einschlafen, wo man sich verstecken soll. Ich bin dann abgereist und einen Tag später wurde die Situation richtig kritisch. Aber die Sicherheitsregeln von "Ärzte ohne Grenzen" sind sehr streng. In gewissen Gegenden darf man sich, wie zuletzt in Zentralafrika, nur zwischen dem Wohnhaus und dem Spital bewegen und das nur mit Auto. Man fühlt sich zwar oft eingesperrt, aber besser man ist übervorsichtig, bevor etwas passiert.

»Waffen sind im Spital streng verboten«

NEWS.AT: Und wie geht man als Arzt mit den bewaffneten Militäreinheiten um?
Matzinger: Wenn sie nach einem Schusswechsel mit Waffen ins Spital stürmen, völlig aufgeregt und hitzköpfig, weiß man nie, wie die Leute reagieren. Normalerweise sind Waffen im Spital streng untersagt. Das wird auch im Großen und Ganzen gut akzeptiert, aber es gibt immer Ausnahmesituationen. Ich kann mich erinnern, dass einmal im Ambulanzraum, das war in der Côte d'Ivoire, eine Kugel durchs Dach hereingekommen ist. Das sind alles einfache Bauten, darum schützt man die Ambulanzräume so gut es geht durch Sandsäcke, aber die Dächer eben nicht.

NEWS.AT: Wie groß ist die psychische Belastung bei Ihren Einsätzen in Krisenländern?
Matzinger: Die Belastung besteht eigentlich hauptsächlich darin, dass man sich sagt, bei uns wäre eine Rettung des Patienten möglich gewesen. Und aufgrund der Umstände war das dort nicht der Fall. Das macht betroffen. Und man fühlt sich fast schuldig, obwohl man die Situation nicht ändern kann. Es liegen einfach Welten zwischen diesen Ländern und Österreich.

NEWS.AT: Welche medizinischen Notfälle sind in den Ländern, wo Sie unterwegs waren, am häufigsten?
Matzinger: Prinzipiell werden einmal alle akuten Verletzungen und Erkrankungen behandelt, elektive (Fachausdruck: nicht dringend notwendig; Anm. der Red) Operationen, wie Leistenbrüche, werden nur gemacht, soweit Zeit bleibt. Nicht nur Schussverletzungen sind ein Thema, es gibt zahlreiche andere Probleme. In Afrika sterben wahnsinnig viele Kinder. Sie kommen zum Beispiel mit Malaria oder mit Schlangenbissen, die sahen wir in der Zentralafrikanischen Republik besonders häufig. 2011 haben wir dort deshalb über 300 stationäre Aufnahmen gehabt. Das sind nur die schweren Fälle, die anderen gehen nach Hause. Wenn man zuschaut, wie ein Achtjähriger an einem Schlangenbiss einfach stirbt, ohne dass man etwas machen kann, das tut weh.

NEWS.AT: Warum waren Sie im Fall des achtjährigen Buben machtlos?
Matzinger: Es gab zwar ursprünglich ein sehr teures Antiserum, die Firma hat dann aber die Produktion eingestellt. Der Ersatz hat offenbar nicht so gut funktioniert. Und man weiß auch nicht immer, welche Schlange es war. Nur selten bringen die Leute die Schlange, die sie gebissen hat, mit. Einmal ist ein Patient mit einer 2,30 Meter langen Grünen Mamba aufgetaucht und hat gesagt, dass es die war. Davon habe ich ein Foto.

»Sie haben mir einen halben Liter abgenommen«

NEWS.AT : Auf einer Ihrer Aufnahmen sieht man, dass Sie auch selber Blut gespendet haben. Warum?
Matzinger: In vielen afrikanischen Ländern hat das Blutspenden überhaupt keine Tradition. Das ist kulturell bedingt. Eine Blutbank ist aber wahnsinnig wichtig. Man braucht sie für die anämischen Malariakinder und für die Operierten in manchen Fällen. Patienten, die sich eine elektive Operation jahrelang nicht leisten können und von "Ärzte ohne Grenzen" gratis operiert werden, müssen daher sozusagen als Gegenleistung Blut spenden oder Spender auftreiben. Ich habe selber zweimal unmittelbar nach einer Operation Blut für den Patienten gespendet, im Tschad und zuletzt in Zentralafrika. Das erste Mal war für eine junge Frau, die seit einer Operation vor einem Jahr ein großes Tuch im Bauch hatte, das zweite Mal für eine Frau, die wegen eines Schlangenbisses nach der Geburt massiv geblutet hat. Sie haben mir dann, schon gegen Ende meines Einsatzes, blitzartig einen halben Liter abgenommen. Das war unheimlich hilfreich.

NEWS.AT: Wie anstrengend ist so ein Arbeitstag als Arzt ohne Grenzen?
Matzinger: Man ist eigentlich 24 Stunden und 7 Tage im Einsatz und mit dem ausgelastet, was akut an Fällen hereinkommt. Es gibt aber schon geregelte Arbeitszeiten. In Zentralafrika haben wir immer pünktlich Morgenbesprechung gehabt. Dann werden die Visiten gemacht. Wenn etwas akut zu operieren ist, wird das gleich gemacht. Und dann arbeitet man je nach dem, was hereinkommt. Natürlich gibt es Unterschiede im Vergleich zu einem Arbeitstag in Österreich. Es kann passieren, dass man abends erschöpft nach Hause kommt und bald darauf schon wieder gerufen wird. Es ist auch unglaublich heiß und die Wohnbedingungen sind vergleichsweise sehr einfach. Im Normalfall steht im Zimmer ein Bett mit einem Moskitonetz, im Hof gibt es meist ein Plumpsklo und eine Waschgelegenheit. Mit einem Kübel Wasser kann man sich in einer Art Kabine duschen. Das ist aber schon ein großer Vorteil gegenüber den Lebensbedingungen der Einheimischen dort. Als ausländischer Arzt ist man immer privilegiert. Auch um das Essen müssen wir uns nicht kümmern, es gibt einen Koch, der uns versorgt.

NEWS.AT: Fast 15 Jahre lang sind Sie nun schon für "Ärzte ohne Grenzen" unterwegs. Woher nehmen Sie die Motivation?
Matzinger: Die Motivation ist, dass man einerseits etwas Vernünftiges tun und helfen will. Andererseits ist sicher auch ein Teil Abenteuertum dabei, es ist nicht nur Altruismus, man ist einfach neugierig, was passiert. Es sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Und ich kann jedem nur empfehlen, dass er es macht, wenn er die Möglichkeit dazu hat.

NEWS.AT: Wie lange wollen Sie noch als Arzt ohne Grenzen tätig sein?
Matzinger: Von "Ärzte ohne Grenzen" aus gibt es kein Limit. Ich habe auch schon ältere Chirurgen abgelöst. Wenn man in Pension ist, hat man mehr Zeit und ist ungebundener. Soweit es körperlich geht, will ich also auch nach meiner Pensionierung gerne weitermachen.

Zur Person:
Der österreichische Chirurg Herbert Matzinger war erstmals im Oktober 1999 in Burundi für "Ärzte ohne Grenzen" im Einsatz. Seine Reiseleidenschaft hat den Arzt anfangs für diese außergewöhnliche Tätigkeit begeistert. Insgesamt war der 62-Jährige bisher zehn Mal für "Ärzte ohne Grenzen" unterwegs, zuletzt von Mai bis Juni 2013 in der Zentralafrikanischen Republik. Matzinger war außerdem bis 2004 ehrenamtliches Vorstandsmitglied von "Ärzte ohne Grenzen" in Österreich.

Einsätze für "Ärzte ohne Grenzen":
Zentralafrikanische Republik Mai 2013 - Juni 2013
Zentralafrikanische Republik: Februar 2011 - März 2011
Liberia: März 2008 - April 2008
Tschad: Februar 2007 - März 2007
Demokr. Republik Kongo: März 2006 - Apr 2006
Haiti: Jänner 2005
Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste): März 2004 - April 2004
Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste): Oktober 2003 - Dezember 2003
Kamerun: Jänner 2003 - Februar 2003
Burundi: Oktober 1999 - November 1999

Kommentare

Stephan Markert

Das sind die wahren Helden und echte Götter in Weiss !!!!

Manfred Kremser Derpradler

Solche Menschen geben Hoffnung und machen mich stolz ein Österreicher zu sein!

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