Neuer Erzählband "Ich kann jeder sagen":
Das brilliante Werk erscheint am 17.08.

Autor Robert Menasse im NEWS-Interview

Neuer Erzählband "Ich kann jeder sagen":
Das brilliante Werk erscheint am 17.08. © Bild: APA/Barbara Gindl

NEWS: Was ist mit der SPÖ?

Menasse: Die SPÖ hat wenigstens noch ein schlechtes Gewissen. Das ist allerdings der einzige Unterschied heute zwischen diesen Parteien. Na ja, einen gibt es vielleicht noch: Die ÖVP wird durch den Schaden, den sie anrichtet, immer herrischer, die SPÖ aber wird aus Schaden dumm.

NEWS: Wollen Sie da als politisches Gewissen des Landes nicht einschreiten?

Menasse: Ich stelle mit interesselosem Missfallen Tatsachen fest. Politik in Österreich interessiert mich nicht mehr. Es ist hier doch völlig sinnlos geworden, politisch zu diskutieren. Josef Cap zum Beispiel sagt heute auf den ÖVP-Vorschlag, die Staasanwälte zu kontrollieren, für die SPÖ sei es wichtig, ,,dass die Gewalttrennung nicht unterminiert wird". Derselbe Josef Cap hat mit allen anderen SPÖ-Abgeordneten im Parlament brav den Lissaboner Vertrag ratifiziert, jenes Verfassungspapier, demzufolge die Gewalttrennung in Europa definitiv aufgehoben wird. Was also will er? Nicht unterminieren oder aufheben? Auf einer Ebene dies, auf höhrer Ebene das? Wer kann oder will das verstehen? Für den Boulevard ist das zu hoch, für ein denkendes Gemüt aber zu tief. Wenn wir das Interview gestern gemacht hätten oder es morgen machen würden, hätten wir ein anderes aktuelles Beispiel zur Hand gehabt, es wäre genauso trübsinnig.

NEWS: Zum Beispiel der Polizist, der einen Vierzehnjährigen erschoss?

Menasse: Dieser Mord war bereits angekündigt. Vor einem Jahr sagte Landeshauptmann Pröll: „Wer in Niederösterreich etwas anstellt, muss mit dem Schlimmsten rechnen!“ Was mich daran bestürzt, ist, dass jetzt in weiten Teilen der Bevölkerung das jetzt der Tod dieses Kindes Befriedigung ausgelöst hat. Eine Bevölkerung, die Vierzehnjährige, die auf KZ-Überlebende schießen, mit lächelndem Verständnis als ,,Lausbuben" bezeichnet, ist der Meinung, dass ein Vierzehnjähriger, der einen Einbruch macht, abgeknallt werden muss. Und im Grunde sagt das auch die Innenministerin. Das heißt, wir haben in Österreich einen Zustand erreicht, in dem es einmal ,,Gnade vor Recht", dann wieder ,,Gnadenlosigkeit vor Recht" heißt - so oder so aber ist das die Aufhebung des Rechtszustandes. In einer wirklich aufgeklärten Gesellschaft, wäre Frau Fekter rücktrittsreif, sie wäre geächtet, nicht nur von Gegners ihrer Partei, sonder auch von einem Großteil ihrer eigenen Wählerschaft: nämlich den bürgerlichen ÖVP- Wählern. Aber bei uns ist auch dies so ein trübsinniger Widerspruch: Bürgertrum und bürgerliches Recht.

NEWS: Ist der Alltagsfaschismus ein österreichisches Phänomen?

Menasse: Es gab auch Widerstand in Österreich. Allerdings sollten wir jetzt nicht die Menschen verurteilen, die in Zeiten feig waren, in denen es verdammt gefährlich war, mutig zu sein. Was ich verabscheue, sind Feiglinge in ungefährlichen Zeiten, die heutigen Mitläufer, Menschen, die sich einem Mainstream unterwerfen, auch wenn sie keine Strafe zu erwarten hätten, wenn sie kurz innehielten, nachdächten und sich widersetzten. Menschen, die in der Masse herrisch die Achseln zucken, wenn Asylwerber erstickt oder Kinder erschossen werden.

Susanne Zobl

Das komplette Interview lesen Sie jetzt im aktuellen NEWS 33/09