Leitartikel von

Neue alte
Machowelt

Leitartikel - Neue alte
Machowelt
© Bild: Matt Observe

Eigentlich dachten wir, sexuelle Übergriffe und blöde Anmache gehören der Vergangenheit an. Ein Sittenbild.

Tiroler Festspiele und Machos unter sich? Oder waren die Vorwürfe von fünf Damen gegen Gustav Kuhn, Festspielleiter in Erl, wegen anhaltendem Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen unangemessen? Weil es seiner Meinung nach nicht so war? Was sich dieser Tage abspielt, ist zum Fremdschämen. Es ist noch nicht klar, ob die Anschuldigungen gegen Kuhn stimmen, allein seine erste Reaktion und die seines Anwalts Michael Krüger zeigen ihr verqueres Weltbild. Geradezu verächtlich antworteten sie auf die Beschuldigungen.

Zumindest diese fünf Damen hätten von seiner Seite keine Annäherungen erhalten, so der Maestro, um nicht zu sagen, zu fürchten gehabt, um nicht zu sagen, sie waren eh zu hässlich: Das ist der Tonfall, mit dem manche Herren der österreichischen Schöpfung immer noch auf Frauen losgehen. Es ist ein Hohn, wie sie den Begriff "Damen" prononcieren, insinuierend quasi, dass es vielleicht nur Einbildung war? Da werden die Rollen verkehrt und mögliche Opfer zu Tätern.

Immerhin hat Kuhn am Dienstag die künstlerische Leitung der Festspiele bis zur Klärung ruhend gestellt. Egal, ob sich der Mann etwas zuschulden hat kommen lassen, was seiner Meinung ja nicht der Fall ist, hier stellt sich grundsätzlich die Frage des gesellschaftlichen Umgangs mit Übergriffen. Dass mögliche Opfer plötzlich zu Tätern werden sollen oder können, widerspricht jedem guten Menschenverständnis.

Kein Wunder, dass viele Frauen davor zurückschrecken, sich auch öffentlich gegen die Übergriffe zu wehren. Weil ja die Gefahr droht, dass an ihnen selbst etwas hängen bleibt. Nach dem Motto "A bissl angreifen und nett sein kann ja wohl keiner Frau schaden". Aussuchen sollte sie es sich halt dürfen. Das vergessen viele Männer nur zu gerne. Nicola Werdenigg hat in einer beispiellosen Art Übergriffe im Skizirkus aufgedeckt und muss sich Monate später noch immer gegen dreiste Angriffe der selbsternannten Pflichtverteidiger der männlichen Seele wehren.

Auch Peter Pilz muss sich den Vorwurf gefallen lassen, den Umgang mit Frauen nicht sonderlich genau genommen zu haben. Es ist schon enttäuschend, wenn man sich diese Männer anschaut. Okay, gewisse Vorfälle mögen einige Jahre zurückliegen, es mag damals anders wahrgenommen worden sein, was geht und was nicht, aber eines muss doch klar sein: Eine Entschuldigung wäre der erste Schritt zur Verständigung. Jetzt diskutieren wir also, was die Definition von Übergriff sein soll. Ganz einfach, sagt der gesunde Hausverstand: Wenn eine Frau, in selteneren Fällen ein Mann, nichts von einem anderen wissen will, dann soll man sie oder ihn in Ruhe lassen. Das sollte nicht nur Zuwanderern klargemacht werden, sondern auch Einheimischen.

Was alles möglich ist, haben wir in Schweden gesehen. Dem Leiter eines dem Nobelpreiskomitee nahestehenden Kulturinstituts wurde von 18 Frauen vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Eine Untersuchung bestätigte unakzeptables Verhalten "in Form von unerwünschter Intimität". Der Mann soll sogar Kronprinzessin Victoria an den Po gefasst haben. Letztlich führte der Skandal dazu, dass der Literaturnobelpreis 2018 nicht vergeben wurde. Das mag blamabel sein, aber es war nur konsequent.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: mitterstieler.esther@news.at

Kommentare