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„Wie will Gott uns finden?“

Kultur - „Wie will Gott uns finden?“ © Bild: Michael Mazohl

Er war der beste Nestroy-Spieler seiner Zeit, wurde am Burgtheater gefeiert und erfand den Schizo-Punk. Dann ging Franz Morak in die Politik und wurde als Kunststaatssekretär des schwarz-blauen Kabinetts Schüssel zur Hassfigur seiner früheren Kollegen. Jetzt kommt er mit neuen, schwarzen Liedern wieder.

Die Wut, die über dem Burgtheater zusammenschlug, war in dieser unbeeinspruchten Vehemenz etwas Neues. In den Kulturkampfzeiten der Ära Peymann waren noch zweierlei Leidenschaften aufeinandergekracht. An diesem Sonntagvormittag im Februar 2000 aber entlud sich über dem eben angelobten Kunststaatssekretär des Kabinetts Schüssel-Haider unermesslicher Zorn, als er zur Podiumsdiskussion seine Bühne betrat. Franz Morak, damals 53 Jahre alt, hatte sich als scharfkantiger, kein Risiko scheuender Schauspieler in die Geschichte des Hauses eingeschrieben, den besten Nestroy seiner Zeit gespielt und als ­Rocker den Schizo-Punk erfunden. Dann hatte der als deutscher Besatzer empfundene Claus Peymann die „Burg“ übernommen, und Morak hatte sich als Ensemblesprecher in Fundamentalopposition vom Beruf entfremdet. 1994 wurde er ÖVP-Abgeordneter und gehörte ab 2000 sieben Jahre lang dem schwarz-blauen Kabinett an. Seine Spuren sind heute noch sichtbar: Außer dem 2014 entlassenen Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann ernannte er auch den amtierenden Volksopern-Chef Robert Meyer. Nach zehn Jahren im Ruhestand betritt er nun als 72-Jähriger mit neuen, apokalyptischen Liedern abermals die Manege.

Wie kommt es, dass Sie in vorgerückten Jahren wieder künstlerisch aktiv sind?
Es gab zwei Erlebnisse: Die Sonde Cassini hat Fotos vom Saturn geschossen, und die Erde ist durch die Ringe des Saturn überhaupt nur wahrzunehmen, weil ein Pfeil auf sie verweist. Da fragst du dich: „Selbst, wenn es einen Gott gäbe: Wie will er uns finden?“

Ist es nicht besser, wenn uns gar niemand findet?
Schon möglich. Für mich war es ein bedrückendes Bild der Einsamkeit und Ausgeliefertheit. Wenn man sich fragen sollte, woher diese latente Angst in uns kommen kann, das wäre mehr als ein Hinweis. Das andere war der Finanz-Gau am Beginn der Zweitausenderjahre. Beides hat mich bewogen, eine neue Schöpfungsgeschichte zu schreiben, eine neue Bibel, die nicht in Qumran gefunden und auf keinem Konzil beschlossen wurde. Es ist die Geschichte des Goldenen Kalbes, der Gier. Gott erfand das Geld, so begann die Katastrophe. Und möglicherweise sind es die Clowns, die uns das Lachen wiederbringen und Zusammenhänge erklären können. Ich meine die bösen Clowns, die zynischen, die naiven. Das Ganze in einer sechs­teiligen Kassette mit meinem Gesamtwerk, darunter auch die DVD der „Dritten Walpurgisnacht“ von Karl Kraus.

Das war eine nahezu unlösbare Aufgabe, bei diesen unendlich komp­lizierten Sätzen, nicht?
Ich war damals, wenn das nicht unbescheiden klingt, auf der Höhe meiner Sprachkunst.

Und das haben Sie aufgegeben? Kann man überhaupt aufhören, Künstler zu sein?
Offensichtlich nicht. Viele meiner Politikerkollegen trinken heute Rotwein und machen Beratungen bei Herrschaften, die es mit den Menschenrechten nicht so genau nehmen. Ich kehre zu dem zurück, wo ich einmal zu Hause war. Als Solist. With a little help from my friends. Nach Theater steht mir der Sinn nicht.

Haben Sie jemals bereut, dass Sie die Seiten gewechselt haben? Als sich zu Beginn der schwarz-blauen Regierung der Hass Ihrer früheren Kollegen über Ihnen entladen hat?
Es gibt von mir bewunderte Schauspieler, die von der Bühne nicht wegzubringen sind und dort mit 90 Jahren sterben. Das bin ich nicht. Ich lebe gern in meinem Garten, lese gern, fahre durch die Welt, liebe meine Kinder und weiß, dass es jenseits des Theaters eine Welt gibt, die man hassen, gernhaben und erfahren kann. Das Theater ist nur ein Teil. Und die Politik auch. Sie ist für mich wichtig. Ich hatte ja vier, fünf Jahre als ÖVP-Kultursprecher eine privilegierte Stellung und konnte weitgehend machen, was ich wollte.

© Michael Mazohl Auf der Prunktreppe des Burgtheaters. Hier war Morak ab 1974 ein Protagonist der ersten Reihe, ehe er in die Politik wechselte

Aber dann!
Dann betrittst du zur Diskussion über die eben angelobte ­Regierung das Haus, in dem du zu Hause warst …

… und das ganze Haus buht.
Ich dachte: Was ist denn jetzt los? Natürlich trifft dich das. Ich hatte mir gesagt: Irgendwann muss ich mich stellen. Chance hatte ich keine. Direktor Bachler stand unter schwerem Druck der Straße, die Schauspieler hatten es immer schon gewusst und waren plötzlich wahnsinnig gute Menschen und hatten ihren Großvater davon überzeugt, wie heldenhaft sie 1938 gehandelt hätten. Gerhard Roth sagte, die Österreicher hätten das Nazi-Gen. Das ist eine Dummheit. Insgesamt wurden die Leute von Ihren Kollegen so unter Druck gesetzt, dass der Architekt Roland Rainer sogar geleugnet hat, mein Haus gebaut zu haben.

Das muss doch ein ungeheurer Abstieg an Lebensqualität gewesen sein.
Dafür hat der Mensch zwei Ohren, die er herunterklappen kann. Vor allem aber hatte ich ein erstklassiges Büro. Und so haben wir einfach unsere Sache gemacht: ein neues Mediengesetz mit ORF- und Privatradiogesetz, Privatfernsehgesetz, Künstlersozialversicherung, die Förderung von Pop und Film … wir haben viel weitergebracht, unter einer Bewertung der Medien, die unter jeder Sau war.

Inwiefern?
Ich war ein Fachminister und habe mehr gemacht als alle vor und nach mir. Das war mein einziger Maßstab, und nach einiger Zeit konnte ich keine Rücksicht mehr darauf nehmen, wer für oder gegen mich ist und was die Zeitungen schreiben. Ich war zwischen 2000 und 2007 einer der längstdienenden Kulturminister Europas. Aber es sind alle Maßstäbe verrutscht: Michael Naumann war damals, um 2000, Staatsminister für Kultur in Deutschland, und beim EU-Ministerrat, wo wegen der Sanktionen keiner mit mir geredet hat, sagte er plötzlich: „Ihren Namen merke ich mir gar nicht, weil Sie gibt es ohnehin nicht mehr lang.“ Es war mir eine Freude, ihn ein paar Jahre später wiederzutreffen: Ich war im Amt, er schon lang nicht mehr.

© Ernst Kainerstorfer / picturedesk.com Der junge Wilde: Franz Morak, aus Graz zugewanderter Spitzenmann des Burgtheaters, Erfinder des Schizo-Punks

Haben Sie nun durch Ihre Beteiligung an der Koalition Ihre Freunde verraten?
Ich wüsste nicht, wen. Schüssel hat mich um zwei Uhr nachts angerufen und gefragt, ob ich am nächsten Vormittag angelobt werden will. Da habe ich meine Familie geweckt und die Antwort auf sechs Uhr früh vertagt. Und dann habe ich es gemacht. Die Große Koalition hatte sich totgelaufen, und ich erinnere an Kreisky, der seine Minderheitsregierung unter Duldung richtiger Nazis gemacht und dann die rot-blaue Koalition unter Sinowatz angebahnt hat. Dass wir das politische Handlungsfeld erweitern wollten, ist logisch. Sehen Sie doch, welche Probleme heute die Sozialdemokratie weltweit hat! Und dann ging es ohne Haider nicht, der zum größten Feind erklärt worden war. Ich habe dem Vranitzky damals gesagt: Sie haben durchaus einen Anteil daran! Wenn man als einzigen politischen Inhalt nur noch ein Feindbild hat, ist das für eine politische Bewegung zu wenig. Heute ist das überall offensichtlich.

Und Schwarz-Blau heute? Kickl? Vilimsky? Strache?
Dazu nur eines: Ich kenne die „Muppet Show“, aber als Logen-Muppet habe ich mich nie gesehen. Es gehört allerdings zur demokratischen Verfasstheit eines Staates, dass die Leute, die gewählt werden, Teil einer Regierung werden können. Das war damals ein schwieriger Akt und ist heute eine akzeptierte Übung.

Schüssel wurde aber nicht per Kantersieg gewählt.
Korrekt, aber er ist und war ein verblüffend erfolgreicher Taktiker.

Und Kurz?
Ist eines der großen politischen Talente in der Geschichte dieses Landes. Mehr kommt von mir nicht.

Sind Sie eigentlich ein glücklicher Mensch? Wären Sie glücklicher, wenn Sie damals Peymanns Rollenangebote angenommen hätten?
Ich habe unter Peymann weder als Schauspieler noch als Regisseur gelitten. Ich habe weder als Schauspieler noch als Regisseur etwas gegen ihn zu sagen. Als Ensemblevertreter war das etwas anderes.

Hätte er mit seinem rigiden Führungsstil im neuen Theater der Zimperlichkeit noch eine Chance?
Er war in Wirklichkeit ein sehr ängstlicher Mensch. Ich erinnere mich: Wir wollten ihn einmal zum Fußballspielen einladen, er wollte nicht. Er saß in der Kantine einsam abseits von uns. Als wir ihn zu uns gebeten haben, ist er zwar gekommen, war aber extrem nervös und gehemmt. Er war nur frei und bei sich, wenn er das Publikum, die Presse niederreden – sagen wir: überzeugen – musste.

Und die Theaterdiktatoren?
Theater hat etwas mit Diktatur zu tun. Der Regisseur sagt: „Sie treten jetzt von rechts auf.“ Der Schauspieler fragt: „Warum?“ Und der Regisseur antwortet: „Weil Sie sonst entlassen sind.“ Es muss die ordnende Hand geben, nur dass die jeder auf seine Art führt, der eine diktatorisch, der andere liebevoll. Die Gefahr eines großen, starken Ensembles dabei ist allerdings, dass die auch einen Willen haben. Das umgehen viele Regisseure, indem sie mit ihren Leuten anreisen. Das heißt, der Ausgleich und die Annäherung verschiedener Denkarten über das Theater existieren nicht mehr. Aber zimperlich sollte man in keinem Fall sein.

Sie haben die Frage nach dem Glück nicht beantwortet. Sind Sie glücklich?
Ich bin ein Gärtner und habe einen großen, schönen Garten. Ich habe eine Frau, mit der ich seit sehr, sehr langer Zeit zusammen bin, und zwei wunderbare Kinder. Das ist, in aller Bescheidenheit, nicht nichts.

Und im Burgtheater ein großer, alter Herr zu sein? Der Lear? Das versäumt zu haben, tut das nicht weh?
Nein. Ich habe mit dem Theater abgeschlossen. Für mich gab’s damals nur noch die Option, Direktor zu werden. Nach Peymann, statt Bachler, und vor meiner politischen Karriere. Im Ensemble gab es bei manchen den Wunsch, und ich hätte es gern gemacht.

© TECHT Hans Klaus / APA / picturedesk.com Im Kabinett Schüssel: Kulturstaatssekretär Franz Morak mit Elisabeth Gehrer (Unterricht) und Martin Bartenstein (Wirtschaft)

Und dann waren Sie der Feind derselben Leute.
Was glauben Sie, wie viele heimlich bei mir waren, weil sie etwas gebraucht haben! Luc Bondy, der Festwochen-Intendant, ist zu mir gekommen, um mir zu sagen, wer auf keinen Fall Burg-Direktor werden soll.

Martin Kušej, der es jetzt wird?
Namen werden nicht fallen.

Schon klar. Warum haben Sie denn seinerzeit Hartmann geholt, und nicht Kušej?
Ich habe mich mit vielen beraten, und viele haben mir von Kušej abgeraten. Gegen Hartmann war künstlerisch nichts zu sagen, aber finanziell alles. Das war aber nicht meine Verantwortung.

Inwiefern?
Kaum war ich weg, hat Hartmann mit dem Bundestheater-Chef Georg Springer die Verträge, die ich geschlossen hatte, wieder aufgemacht. Ich hatte Hartmann gesagt, dass ich nicht in erster Linie einen Regisseur, sondern einen hauptberuflichen Direktor suche. Das hat er auch zugesagt. Und dann hat er fast nur inszeniert, und außerdem hat er seine sämtlichen Gagen erhöhen lassen, die so vertraglich mit mir nicht vereinbart waren.

War die Entlassung gerechtfertigt? Hätten Sie ihn entlassen?
Ich hätte ihn gar nicht engagiert, wenn er Neuverhandlung der Verträge verlangt hätte.

Und was sagen Sie zu Kušejs Kahlschlagpolitik im Ensemble?
Früher hat sich ein Ensemble entwickelt. Heute sind viele Schauspieler unbekannt und weichen in ein paar Jahren anderen Unbekannten. Das Theater verzichtet auf Kontinuität. Es wissen ja viele Menschen nicht mehr, was dieses Theater sein kann und war. Ich erinnere mich an eine Zeit, da sind die Mädels bis zum Theseus­tempel gestanden, wenn Oskar Werner oder Fred Liewehr aus dem Bühnentürl kamen. Nach Alexander Trojan haben die Leute ihre Garderobe gewählt. Heute heißt die Konkurrenz George Clooney und Brad Pitt. Damals war das Burgtheater noch ein europäisches Haus mit den besten Regisseuren aus Italien, Tschechien, Polen, Ungarn, und alle waren bereit, mit dem Ensemble zu arbeiten. Sogar Peymann hat seinen ersten Thomas Bernhard hier inszeniert. Sonst hat man sich von allem abgesetzt, was heute vom deutschen Feuilleton bejubelt wird.

War es ein Fehler, dass Sie sich unter Peymann als Ensemblesprecher in die Opposition begaben?
Der Beginn war ein gruppendynamisches Problem: Wir hatten hier 100 Schauspieler, und es kam eine ganze Truppe, die gefühlt alles gespielt hat. Das hat Angst und Unzufriedenheit ausgelöst, und das war mein Handlungsauftrag. Dazu kommt, ich wiederhole: Das Burgtheater hat sich als europäisches, nicht nur als deutsches Theater verstanden. Diese ästhetische Verengung wollte ich nicht hinnehmen.

Waren eigentlich Sie derjenige, der den Text von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ an die Presse gegeben und damit den größten Skandal der Burgtheatergeschichte verursacht hat?
Den hatte ich gar nicht. Und die gesamte Rechtfertigung für Peymanns Wirken war die Zum-Leben-Erweckung Thomas Bernhards. Mit dieser gnadenlosen, perfekten Texttreue und diesem gnadenlosen Zerkauen der Wörter haben die Stücke über ihre Substanz hinaus eine höhere Wichtigkeit bekommen.

Hatten Sie mit Peymann nachher je Kontakt?
Nie.

Und mit Gert Voss?
Auch nicht. Aber er war ein ganz Großer, der Inbegriff dessen, was man gutes Burgtheater nannte, das immer eine Mischung von je 50 Prozent österreichischen und deutschen Schauspielern war.

Und was bleibt heute vom Burgtheater?
Das ist die große Frage. Ich bin gespannt, was Kušej für so ein Haus vor hat, mit so einer Prunktreppe, so einem Zuschauerraum und dieser Vergangenheit.

Was empfinden Sie denn beim Anblick der schwarzen Fahne für Ignaz Kirchner vor dem Burgtheater?
Ein toller Theatermann, ein großer Künstler.

Er war etwa so alt wie Sie, etwas über 70. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?
Man überlegt sich schon, dass man die 100 Meter nicht mehr in zehn Sekunden rennen kann. Es wäre gelogen, wenn man nicht den einen oder anderen Gedanken daran verschwendet. Aber Gott sei Dank gibt es das Mittel der Verdrängung. Die Fitnessstudios, das Laufen, den Garten.

Und gab es etwas im Leben, das Sie bereut haben?
Ich hatte nie die Fantasie, was ich im Leben werden möchte und morgen machen will. Mein Glück war, dass sich sehr viel einfach ergeben hat. Und dass ich in der Nachbetrachtung im richtigen Augenblick Ja gesagt habe. Als ich in die Politik gegangen bin und auch, als ich sie wieder verlassen habe und bis zur Pension ein halbes Jahr arbeitslos war, weil ich nicht mehr in ein Theater zurückgehen wollte, dessen Direktor ich bestellt hatte. Damals musste ich wieder lernen, wie man ohne Chauffeur trotzdem sein Ziel erreicht und dort sogar einen Parkplatz findet; wie man wieder lebenstüchtig wird nach der Politik, wo du überall hingefahren wirst und aus dem Flugzeug steigst und nie weißt, wo du gerade bist. Wenn dich plötzlich über Nacht kein Mensch mehr anruft, auch nicht diejenigen, die dich vorher täglich angerufen haben, dann weißt du, du musst etwas mit deinem Leben machen. Deshalb lerne ich Italienisch und bereise von Weimar bis ­Indonesien die Welt. Nein, zu bereuen gibt es nichts.

Dieses Interview erschien ursprünglich in der Printausgabe 41 2018