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„Ich verstehe die Kinder nicht mehr“

Kultur - „Ich verstehe die Kinder nicht mehr“ © Bild: News Sebastian Reich

Mit ihren Kinderbüchern hat sie den klassischen Kanon belebt und bereichert. Generationen sind mit Christine Nöstlinger aufgewachsen oder haben ihren Kindern aus dem mehr als 150 Bände umfassenden Œuvre vorgelesen. Nun hat sie sich in aller Stille aus der Welt der Kinder zurückgezogen

Sie war die Erste, die 2003 den eben geschaffenen Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis entgegennahm: Der mit einer halben Million Euro dotierte „Nobelpreis für Kinder­literatur“ löste in dieser Eigenschaft den Hans-Christian-Andersen-Preis ab, den Christine Nöstlinger schon seit 1984 innehat. Die Werke der Wiener Schriftstellerin sind Teil der Identität von Generationen, die aus ihnen Zuversicht geschöpft haben; die gefeierte Cornelia Funke nennt ­Christine Nöstlinger gar als Vorbild. Nun ist dieses Stück Literaturgeschichte nach etwa 150 Bänden abgeschlossen: Die bald 82-jährige Autorin bestätigt im News-Gespräch, sich ohne Aufsehen aus der Welt der Kleinen und Heranwachsenden zurückgezogen zu haben.


Frau Nöstlinger, kann es stimmen, dass Sie keine Kinderbücher mehr ­schreiben?
Das stimmt, und es hat eine Menge Gründe. Erstens bin ich 82 Jahre alt, da darf man doch zu arbeiten aufhören! Und außerdem verstehe ich von heutigen Kindern nicht mehr so viel. Ich bin nicht so dicht dran wie früher. Meine eigene Kindheit ist schon eine historische und die meiner eigenen Kinder auch schon bald. Es ist alles sehr, sehr anders geworden, und ich verstehe es nicht mehr. Das heißt nicht, dass ich ein abfälliges Urteil über heutige Kinder hätte.

Was verwirrt Sie denn da im Besonderen?
Wie soll ich denn wissen, was Kinder bewegt, wenn sie einen halben Tag lang über dem Smartphone sitzen und irgendetwas mit zwei Daumen drauf tun? Außerdem, wenn ich so höre, was heutige Kinder gern lesen, ist das hauptsächlich Fantasy, und die liegt mir so was von fern! Das einzige Buch, das bei mir in all den Jahren ­kaputtgegangen ist, war „Herr der Ringe“. Er ist mir immer vom Bett gefallen, weil ich eingeschlafen bin – eines der wenigen Bücher, die ich nie fertiggelesen habe.

Entziehen sich die Kinder auf diese Weise vielleicht der Wirklichkeit?
Sicher. Ich verstehe ja, dass sie Sehnsucht haben, aus dieser komplizierten Welt zu flüchten und in eine andere zu gehen, wo andere Regeln, andere Gesetze herrschen und letztlich immer das Gute siegt. Aber es ist nicht das, was ich schreiben könnte.

Und die Welt des Internet- Mobbings, der Gewalt in der Schule?
Das könnte ich distanziert von außen beschreiben, aber das merken Kinder sofort und mögen es nicht. Und dass ich einen Buben beschreibe, der einfach dasteht und mit seinem Smartphone filmt, wie ein Klassenkollege einen anderen tritt, der schon auf dem Boden liegt – ich habe doch keine ­Ahnung, was in so einem Kind vorgeht!

Haben Sie eine Theorie? Was ist denn schiefgelaufen? War es die antiautoritäre Erziehung?
Aber geh! Wie viele Prozent der österreichischen Kinder haben denn die antiautoritäre Erziehung, die ich immer für einen Unsinn gehalten habe, genossen? Vielleicht sechs oder sieben? Nein, es ist die absolut dünne Decke der Zivilisation, die überall Risse kriegt.

Warum?
Weil die meisten Menschen – und ich meine die Erwachsenen, nicht die Kinder – mit dieser Welt einfach überfordert sind. Es wird alles immer komplizierter, sie kriegen immer mehr Information, die sie nicht verarbeiten können. Und dann wird man nationalistisch und will sich abschotten, und alles soll sein wie früher. Außerdem: Bösartig war die Menschheit immer.

Gab es eine privilegierte Generation?
Ja, die meiner Töchter, die große wird nächstes Jahr 60. Die haben eine ideale Zeit gehabt. Nie einen Krieg erlebt, die ganze Freiheit der Siebziger-, Achtzigerjahre, auch sexuell, und es hat genügend Jobs gegeben. Denen ist es wesentlich besser gegangen als allen vorher und nachher.

Und wann ist es gekippt?
Ab den Achtzigerjahren.

Was ist da passiert?
Keine Ahnung. Ich bin nicht der Oberguru.

Sie selbst sind unter dramatischen Umständen im Krieg aufgewachsen. Würden Sie trotzdem sagen, dass es die Kinder heute insgesamt schwerer haben?
Sie haben es ganz anders schwer, auf eine andere Art. Aber ich könnte das nicht vergleichen. Die Schwierigkeiten, die man hat, wenn man als Kind in einem Bombenkeller sitzt … womit will man das ­vergleichen? Schon meine Schwester, die um fünf Jahre älter war als ich, hat es viel schwerer gehabt als ich. Weil sie den Unterschied zwischen Krieg und Frieden kannte. Ich aber nicht. Für mich war der Krieg die Welt.

Da muss Ihnen doch die Welt nachher wie ein Paradies erschienen sein.
Nein. Das war die größte Enttäuschung überhaupt. Mein Vater war im Krieg nicht da, aber mein Großvater hat mir immer von der „Sozialdemokrazie“ erzählt, dass die das wahre Paradies errichten wird, wenn der Krieg endlich verloren ist. Kinder denken ja schwarz-weiß, also hätt ich mir gewunschen, dass alle Nazi eingesperrt werden und dass wir, die so benachteiligt waren, jetzt die Macher sind in diesem Land. Und dann war der Krieg aus, und wir haben immer noch nichts gehabt, und die Nazi waren immer noch da und haben sich aufgeregt, dass sie zu einem Ernteeinsatz von drei Wochen gehen haben müssen. Darüber war ich empört, und ich war vor allem konsterniert, dass mein Vater und mein Großvater mit diesen Leuten wieder reden und ganz freundlich sind.

Da müssen Sie ja angesichts der heutigen politischen Lage im Land Alarm rufen, wenn die Kellersänger von der FPÖ wieder ihre Stimmen erheben.
Was soll ich dazu sagen? Ich habe die FPÖ nie gemocht, aber im Moment halte ich den Herrn Kurz für wesentlich unangenehmer als alles andere.

Erläutern Sie mir das?
All das, was er da um den Schutz gegen Asylanten inszeniert, ist zumindest um nichts besser als das, was Strache tut. Aber wirklich schlecht wird mir, wenn ich den Herrn Kickl höre.

Inwiefern?
Was ist denn das für eine Frage?

Da haben Sie auch wieder recht. Und die Deutschklassen? Soll man Integration erzwingen?
Ich verstehe von Pädagogik nichts. Aber ich kenne keinen, nicht einen namhaften Pädagogen, der für die Deutschklassen ist. Meiner Ansicht nach müsste all das schon im Kindergarten passieren. Aber auf den wird, zweites Kindergartenjahr hin oder her, gepfiffen. Ich sage Ihnen ein Beispiel: Fünfjährige Kinder kommen für ein Vorschuljahr ins Lycée Français. Ihre Eltern können nicht Französisch, aber die Kinder sprechen die Sprache ein Jahr später fließend. Also: Man lernt in der Gemeinschaft am besten, und offenbar scheitert es nur an den sozialen ­Unterschieden. Wenn Kinder zwei Jahre in den Kindergarten gehen, muss es möglich sein, dass er sie mit einem halbwegs guten Deutsch in die Schule entlässt.

Und die Gewalttaten gegen Kinder, von denen man immer öfter liest? Der anlasslose Mord an einem fünfjährigen tschetschenischen Mädchen? Der Mord an einer Vierzehnjährigen in Deutschland? Importieren wir Gewalt?
Nach wie vor passieren die grauslichsten Verbrechen an Kindern in der eigenen Familie. Und Vierzehnjährige, so traurig es ist, sind immer und immer wieder umgebracht worden, auch, als es hier noch kaum Ausländer gegeben hat. Wenn Sie sich die Statistiken über Gewaltverbrechen ansehen, sind die ja nicht so enorm gestiegen. Aber es stimmt natürlich: Wenn so viele Menschen aus dem Ausland kommen, und zwar hauptsächlich die tatkräftigsten, weil ja die wirklich armen Hunde gar nicht so weit kommen – dass da Menschen dabei sind, die nicht in Ordnung sind, das braucht keinen zu wundern. Und dass in gewissen Kulturen die Messer lockerer sitzen als in anderen, das ist auch klar.

Also was tun?
Es gibt keinen Grund für Massenausweisungen. Wer kein Recht hat, bei uns zu sein, muss wieder gehen. Aber Kriegsflüchtlinge? Wollen wir uns gegen die Menschenrechtskonvention stellen?

Lassen Sie uns in die friedlichere Welt des Lesens zurückkehren. Was ist denn ein gutes Kinderbuch?
Ein gutes Kinderbuch ist eines, das Kinder ernst nimmt und es ermöglicht, dass sie ein Stück mehr von der Welt kapieren.

Trifft das auf viele Kinderbücher zu, oder ist die Branche in schlechtem Zustand?
Das kann ich überhaupt nicht sagen, weil ich schon lang keine Kinderbücher mehr lese. Ich hab genug anderes zum Lesen, bitte. Ich kenne die Namen der Autoren nicht einmal mehr. Aber auch früher habe ich anderer Leute Kinderbücher nur selten gelesen.

Welche denn zum Beispiel?
„Das war der Hirbel“ von Peter Härtling, weil ich mit ihm befreundet war.

Wie gefällt Ihnen Cornelia Funke?
Ich hab ja gesagt: Mit Fantasy fang ich nichts an.

Ich frage, weil sie sagt, sie hätte von niemandem so viel gelernt wie von Ihnen.
Das ist sehr lieb von ihr, aber wir alle könnten von ihr lernen, was das Verkaufstalent betrifft.

Welches ist denn Ihr Lieblingsbuch aus Ihrem eigenen Schaffen?
So was hab ich nicht. Ein paar sind mir ganz gut geglückt, und die vollkommen misslungenen habe ich vergessen. Den „Bonsai“ mag ich ganz gern. Der ist mir kürzlich zufällig aus dem Regal entgegengefallen. Aber es ist nicht so, dass die Bücher, die meinen Lesern am besten gefallen haben, auch mir am besten gefallen. Am stolzesten war ich vielleicht auf „Hugo, das Kind in den besten Jahren“ über einen Mann, der nicht erwachsen wird. Aber das hat kaum einen Menschen interessiert.

Das hat aber doch Fantasy- Elemente?
Freilich, ich habe oft phantas­tische Elemente verwendet. Aber ich habe sie verwendet, um diese Welt hier zu erklären, nicht, um eine andere Welt aufzubauen.

Fühlen Sie nun Wehmut, wenn Sie vom Genre Abschied nehmen?
Überhaupt nicht. Ich wüsste nicht, warum ich deshalb wehmütig sein soll. Ich bin 82 Jahre alt, es geht mir gesundheitlich schlecht, und ich genieße mein Leben trotzdem irgendwie. Wenn es mir Spaß macht, schreibe ich jede Woche ein bösartiges Dialektgedicht. Wehmut habe ich, wenn ich sehe, wie draußen die Sonne scheint, und ich bin nicht in der Lage, außer Haus zu gehen.

Sie können das Haus nicht verlassen?
Nein. Mein Herz und meine Lunge sind krank. Ich habe die Lungenpest COPD und darf mich darüber nicht beschweren, nachdem ich 60 Jahre geraucht habe. Ich kann gerade noch für einen Besucher den Aufzug rufen, und manchmal muss ich zum Arzt fahren. Sonst sitze ich auf meiner Dachterrasse, und es fehlt mir an nichts. Wehmütig bin ich natürlich schon. Aber nicht, weil ich keine Kinderbücher mehr schreibe.

Dieses Interview erschien ursprünglich in der Printausgabe 25 2018