Gastkommentar von

Fischotter-Verfolgung:
„Haltet den Dieb!“

Gastkommentar - Fischotter-Verfolgung:
„Haltet den Dieb!“ © Bild: Shutterstock

Helmut Pechlaner, der ehemalige Direktor des Tiergartens Schönbrunn, über die Frage: Warum gibt es heute tatsächlich stellenweise „zu viele" Fischotter?

Für mich war es stets unvorstellbar, auch jetzt kann ich es kaum glauben: In Kärnten besteht die Absicht im Landtag zu genehmigen, dass die EU-weit streng geschützten Fischotter verfolgt und abgeknallt werden! Dies wäre nicht nur ein unentschuldbarer Naturschutzfrevel sondern auch ein unfassbare Tierquälerei.
Ordnungsgemäße, regulierende Jagd auf größere Wildtiere wird auch vom Tierschutz akzeptiert, da die Tiere zuerst „angesprochen“ und dann gezielt und schnell getötet werden. Fischotter unterliegen aus gutem Grund nicht dem Jagdgesetz, Fischer und Teichbesitzer fordern den Abschuss! Populistische Politiker helfen dabei!

Wer auch immer auf Otter schießen will, braucht viel Glück, dass er diese wendigen, scheuen Tiere überhaupt sieht. Dann kracht es rücksichtslos: war das Tier männlich oder weiblich, alt oder jung? Ist das Weibchen trächtig ober verhungern nach ihrem Tod Jungtiere im Bau? Wird das Tier nur verletzt und ertrinkt nun im Teich oder wird es im Bach hilflos abgetrieben? Eine „waidgerechte“ Bejagung ist unmöglich, schlimme Qualen für das Tier nimmt der verantwortungslose Schütze bewusst in Kauf! Das lehne wohl nicht nur ich ab!

Diese faszinierenden, scheuen Wassermarder, den meisten wohl nur aus Zoologischen Gärten und als Symbol des Natur- und Artenschutzes bekannt, wurden vom Menschen in Österreich durch direkte Verfolgung mit Fallen und Büchse aber auch durch Verbau von Gewässern und Gifteintrag ausgerottet. Verantwortungsbewusster Naturschutz ermöglichte die selbständige Heimkehr des Fischotters aus Nachbarländern, wir sollten stolz darauf sein!
Unter natürlichen(!) Bedingungen (also ohne Fütterung) sind Fischotter Einzelgänger, durchstreifen in der Nacht ein Revier von 10 – 20 km Länge und suchen sich mühevoll ca. 0,5 bis 1 kg Nahrung, Fische, Frösche, Mäuse, Ratten (sogar die Amerik. Bisamratte!), Eier etc. um satt zu werden.

»Warum gibt es heute tatsächlich stellenweise „zu viele“ Fischotter?«

Otter werden erst mit zwei Jahren geschlechtsreif und maximal zehn Jahre alt. Die Fischotter Mutter muss ihre Jungen ein Jahr lang umsorgen, daher gibt es selten Nachwuchs. Im Laufe seines Lebens höchsten sechs Jungtiere pro Weibchen. Todesursachen erwachsener Otter sind Kämpfe ums Revier, Ertrinken, Erfrieren, Straßenverkehr, Hunde und Wilderei.

Warum gibt es heute tatsächlich stellenweise „zu viele“ Fischotter? Schuld sind diejenigen, welche jetzt „Haltet den Dieb“ rufen und die Otter zu Tätern machen wollen! Weil Menschen (Fischer und Teichbesitzer) Fischotter anlocken und füttern! Genauso wie wir jetzt im Winter beim Futterhäuschen Meisen und Gimpel, Finken und Spatzen versammeln. Genauso wie Tauben in der Stadt durch tägliches Füttern ganzjährig Brüten und Nachwuchs aufziehen können und durch ihre Massenvermehrung Denkmalschützer und Hausbesitzer zur Verzweiflung bringen.

Fischer machen es ähnlich, sie bringen mehrjährige, fangreife Fische (oft nordamerikanische Regenbogenforellen oder Bastarde) aus einer künstlichen Fischzucht in freie Fließgewässer. Diese im Freiland lebensuntüchtigen Fische sind als „Haustiere“ in Zuchtanlagen mit industriellem Futter unter Netzen geschützt aufgewachsen und haben es nie gelernt, natürliches Futter zu suchen, Feinden zu entwischen, sich am Gewässergrund vor Feinden zu verstecken oder gegen den Strom zu schwimmen. (Auch die verendeten und abgetriebenen Fische werden dem Otter zur Last gelegt).
Die Fischer decken mit ihrer geplanten „Angelbeute“ den Tisch als Köder für Otter! Fischotter werden dadurch angelockt, gezüchtet, gemästet und vom natürlichen Futter suchen abgehalten und damit standorttreu!

Die Otterreviere werden kleiner, jeder wird satt! So ein perverser Fischbesatz gehört verboten!
Richtig wäre es, höchstens Laich (Fischeier) oder Fischbrut ausschließlich bodenständiger Fischarten in geeignete Gewässer zu bringen, damit der Nachwuchs lebenstüchtig und scheu heranwächst, mit großen Chancen dem Otter zu entwischen! Dann werden die Otter automatisch weniger, siehe oben!

Die Fische im Bach gehören niemandem, der Fischereiberechtigte hat gesetzlich nur ein Aneignungsrecht. Dasselbe Recht hat noch vor ihm der Fischotter, der Kormoran und der Gänsesäger, der Eisvogel oder der Hecht! Diese als Raubtiere zu bezeichnen ist falsch, sie tun nichts kriminelles, sind also keine „Räuber“ sondern genauso „Jäger“ wie es der Fischer sein sollte.

Auch künstliche, dicht besetzte Fischteiche sind beste Lock-und Futterstellen für Fischfresser, wenn jene nicht eingezäunt sind (s.o). Auch dort sind Fische keine Wild- sondern Haustiere und sind außer dem gemäß Österr. Tierschutzgesetz 2005, §19 „…soweit möglich vor Raubtieren und sonstigen Gefahren für ihr Wohlbefinden zu schützen.“ Wer also seinen Teich nicht einzäunt begeht genauso eine Tierquälerei wie ein Hühnerhalter, der seine Hühner ungeschützt dem Fuchs oder Marder aussetzt!

Fischotter haben in unserer Heimat über Jahrtausende ihren/unseren Lebensraum am Wasser mitgestaltet und für gesunde Fischbestände gesorgt. Ausgerottet haben sie gar nichts! Das machen nur wir Menschen in unserer Maßlosigkeit! Jagd und Fischerei könnten „angewandter Naturschutz“ sein, einst wollten sie „das fehlende Raubwild ersetzen“. Dieses wird heute geködert und gekillt!

Der Gastkommentar bezog sich auf den News-Kommentar "Fischotter: Täter oder Opfer?" von Susanne Zobl. Hier zum Nachlesen .

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